Als sich die Performancekünstlerin Andrea Fraser beim Sex mit einem Sammler filmte, ging es ihr nicht primär um die Stellung der Frau auf dem Kunstmarkt, sondern um die Prostitution als Gleichung für die grundsätzlichen Mechanismen des Marktes. Wäre diese Intention ebenso deutlich geworden, hätte hier ein männlicher Künstler mit einer Sammlerin geschlafen? Wären nicht bei vielen Kunstwerken die Assoziationen ganz andere, wenn etwa anstelle von Jonathan Meese eine Künstlerin wie ein naives Kind durch das Atelier hüpfen würde, um dem Daddy ihre Lieblingsbilder zu erklären? Und was wäre, wenn heute nicht Vanessa Beecroft, sondern ein Mann wie Markus Lüpertz nackte weibliche Models bei öffentlichen Performances regelmäßig bis zur körperlichen und geistigen Erschöpfung für seine konzeptuellen Ziele benutzen würde?

In der Wirkung von Künstlerpositionen und der Rezeption von Werken spielt das Geschlechterdenken oft noch eine große Rolle. Andere Unterschiede lassen sich in Zahlen ablesen: Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Kulturrats stammten nur 30 Prozent der Werke auf der Art Cologne 2014 von Frauen. Andererseits bilden Frauen einen Anteil von 55 Prozent aller Studenten der Bildenden Kunst. Malerinnen, die in der Künstlersozialkasse versichert sind, verdienen 28 Prozent, Fotografinnen sogar 59 Prozent weniger als ihre Kollegen. Auch machen regelmäßig Künstler, Galeristen und Kunstkritiker darauf aufmerksam, dass Frauen in Museen und Ausstellungshallen unterrepräsentiert sind, was sich besonders in den institutionellen Sammlungseinkäufen widerspiegele.

Besonders augenfällig sind die Unterschiede bei den Rekordpreisen auf den internationalen Auktionen, wo für Werke männlicher Künstler auch mal mehr als 100 Millionen Dollar gezahlt werden, während die Preise für Werke von Künstlerinnen weit darunter liegen. Eine Ursache dafür mag darin liegen, so sagen Galeristinnen, dass männliche Sammler sich auf Auktionen gern gegenseitig beweisen, wer den längeren Atem hat. Und dass sich für dieses Spiel besonders gut die Kunst solcher Künstler eigne, die wie Damien Hirst oder Jeff Koons dem Sammlertyp des männlichen Geschäftsmanns in Sprache und Denken nahekommen.

Auf die Differenz der Preise wies auch das Auktionshaus Bonhams hin. Angeblich um den Marktwert der Künstlerinnen zu steigern und denen der männlichen Künstler anzugleichen, versuchte Bonhams eine eigene Verkaufssektion für Frauen einzuführen, zum Beispiel mit Werken von Germaine Richier und Yayoi Kusama. Doch dieses Experiment brachte dem Haus mehr Kritik als finanziellen Erfolg ein. Denn letzten Endes, so die Kritiker, würde es sich hier auch um Diskriminierung handeln.

Leider wird die Frauenschublade auch von einigen Ausstellungshäusern gern aufgezogen, um sich in ein vermeintlich gutes Licht zu setzen. Aber Genderausstellungen, in denen das Wort "Frauen" auch noch im Ausstellungstitel exponiert wird, wie "Berlin – Stadt der Frauen" (Ephraim-Palais), "Sturm-Frauen" (Schirn Kunsthalle), "Frauensache" (Schloss Charlottenburg) oder "Die Malweiber von Paris" (Edwin Scharff Museum), sind in Wahrheit bevormundend und repräsentieren stereotype Denkmuster. Während Männer politisch provokante, sozialkritische, philosophische, wissenschaftliche oder radikal künstlerische Position beziehen dürfen, wird den Frauen dies abgesprochen, wenn man nur ihr Geschlecht als thematische Position deklariert. Dann scheint es, als ob Kunst von Frauen lediglich das "Frau-Sein" oder die Frauenrolle in den verschiedenen Epochen illustrieren wolle.

Männliche Künstler bilden "Boys’ Clubs" – und helfen sich gegenseitig beim Aufstieg

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Vor vierzig Jahren war das noch anders. Zu Zeiten der damaligen Frauenbewegung, die sich auch in den bildenden Künsten niederschlug, war es den Künstlerinnen überaus wichtig, ihre Rolle in der Gesellschaft und der Kunstwelt darzustellen, um sie selbstbewusst neu zu verhandeln. In einer männlich besetzten Kunstgeschichte und bei einem männlichen Geniebegriff war es sogar vonnöten, das Weibliche als Haltung, Kraft und Objekt in die mediale Öffentlichkeit zu rücken. Was damals ein unumgänglicher Befreiungsschlag war, kann jedoch heute zu neuer Einengung führen, wenn aktuelle oder kunstgeschichtlich sehr viel früher entstandene Werke auf die Intentionen der Sechziger- und Siebzigerbewegung bezogen werden.

Wenn Sammler ein Werk kaufen, wollen sie damit häufig auch ein Stück des Künstlerimages erwerben. Die Inszenierung des Künstlers spielt beim Kunstgeschäft eine große Rolle, der Käufer wünscht sich oft die von ihm ausgewählte Künstleraura auf das Kunstwerk und schließlich auf sich selbst übertragen. Künstlerinnen werden hier verstärkt wahrgenommen, wenn sie immer noch typische Charaktere der Frauenbewegung verkörpern: die Feministin (Rosemarie Trockel), die Stimme der Frauen (Cindy Sherman), die Leidende (Marina Abramović) oder die Repräsentantin einer Übersexualisierung (Valie Export). Damit können Sammler mittlerweile umgehen. Umso verständlicher ist heute die vermehrte Negierung dieser eingefahrenen Rollen: Aktuell setzen Künstlerinnen wieder verstärkt auf ihr individuelles Werk und treten dahinter zurück. Doch bald sollten neue Selbstbilder gefunden werden, um der künstlerisch männlichen Medienpräsenz – ob als Geschäftsmann (Koons, Hirst) oder als geniales Kind im Manne (Meese) – entgegenzutreten.