Als der SMS-Alarm anschlug, döste Steffen Prandke noch am Pool, aber er brauchte nur Sekunden, um auf Krisengeschwindigkeit zu kommen. Der Feuerwehrmann Prandke war in Kroatien, seine Feuerwehr gut tausend Kilometer weit weg, zu Hause in Mecklenburg. Als seine Leute ihn, den stellvertretenden Wehrführer, im Urlaub störten, ahnte er schon, welches Problem sie hatten.

Wieder waren zu wenige Leute in der Feuerwache, nur drei – als Vierter immerhin der frühere Wehrführer. Aber der ist schon über 70, er darf nicht mehr löschen, und Prandke saß am Strand fest. Er, dessen kräftige Oberarme wirken, als könne er einen Menschen darunterklemmen und aus den Flammen tragen, hielt in seinen Händen nur ein schmales Telefon und gab Anweisungen.

Steffen Prandke, 36 Jahre alt, ist mit der Freiwilligen Feuerwehr Adamshoffnung verwachsen. Als Schüler trat er ein, Mutter und Onkel gehörten schon zur Truppe, und bald fuhr der junge Steffen mit dem damaligen Wehrführer übers Land. Auf dem Weg zu umgestürzten Bäumen, brennenden Misthaufen und auch mal zu einem absichtlich gelegten Brand übten sie das kleine und das große Einmaleins. So wurde aus dem Feuerwehrmannanwärter Prandke der Oberfeuerwehrmann und später der Löschmeister, Brandmeister und stellvertretende Wehrführer.

Die Feuerwehr ist die Seele von Adamshoffnung. Still und winzig liegt das Dorf zwischen Seen, Wiesen und Wald, und winzig heißt wirklich winzig. 218 Menschen leben dort, Tendenz fallend und alternd, da mögen die Helme in der Wache dicht an dicht hängen. Dreißig sind es bestimmt. Aber auf vielen liegt der Staub. Aktiv sind zehn Feuerwehrleute, und von denen einige auswärts auf Montage. Deshalb darf es nur am Wochenende brennen. Und auf keinen Fall in den Ferien. "Dieses Mal hatten wir Glück", sagt Prandke, "es war ein Fehlalarm. Aber stellen Sie sich vor, es brennt, und die Feuerwehr kommt nicht mehr." Wenn die Entwicklung im Dorf so weitergehe, "gibt es uns irgendwann nicht mehr – dann ist Adamshoffnung erledigt".

Die Geschichte vom schrumpfenden Osten ist oft erzählt worden, als Folge der Wende und des Zusammenbruchs der alten DDR-Industrie, als historischer Sonderfall eben. Aber inzwischen stellt sich heraus: Es ist kein Sonderfall.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Landflucht ist mittlerweile ein europäisches Phänomen und Europa ein Kontinent voll dunkler Flecken, in denen weniger und weniger Menschen wohnen. Es gibt sie im nördlichen England und in der Mitte Frankreichs, in Dänemark, Finnland und flächendeckend in Schweden – aber auch in Deutschland. Ganze Landstriche entleeren sich, Junge ziehen fort – und sogar Rentner wandern in die Stadt ab: Ein Bevölkerungsminus von bis zu 20 Prozent muss die Gegend rund um den Harz aushalten, die Pfalz, die Rhön, das Fichtelgebirge und den Hundsrück, in Mittel- und Nordhessen – und natürlich in Ostdeutschland. Aber selbst in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, den bevölkerungsreichsten Bundesländern, schrumpfen mehrere Kreise. Im Kleinen ist dort zu erkennen, was sich im Großen zusammenballt.

Teile Europas verkümmern. Sie entwickeln sich zurück, werden ärmer, ungepflegter, manche Dörfer auch hässlicher. Das Versprechen auf Frieden und Wohlstand in Europa? Gilt dort nicht mehr. Eine Kluft tut sich auf, wie es sie noch nicht gegeben hat – zwischen Metropolen und abgelegener Provinz, zwischen Landlust- Elite und allen anderen. Zwischen Menschen mit Jobs in Zukunftsindustrien und Menschen in verwaisenden Kulturlandschaften. Die politischen Folgen wird man bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern sehen – und einen Monat später in Österreich. Die abgehängten Regionen driften nach rechts.

Er wisse, dass im Dorf einige die AfD wählten, sagt der Feuerwehrmann Steffen Prandke. "Die Menschen verstehen nicht, warum auf einmal 22 Milliarden für die Flüchtlinge da sind, so viel Geld. Und sonst heißt es immer, die Kassen seien leer." 22 Milliarden Euro, die Zahl hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in die Welt gesetzt als Antwort auf die Frage, wie viel der Staat 2016 für Flüchtlinge ausgeben muss. Es war eine Schätzung. Aber seither entfaltet die Zahl ihre Wirkung, weil Menschen, auch in Adamshoffnung, sie mit den Beobachtungen aus ihrem Alltag vergleichen.

Beim Sommerfest der freiwilligen Feuerwehr etwa veranstalten Prandke und seine Leute ein Pferdebingo. So bessern sie die Zuwendungen für die Feuerwehr auf. Fürs Pferdebingo stecken sie ein Feld ab, zehn mal zehn Meter, und teilen es in 100 Quadrate. Jedes bekommt eine Nummer, und die werden verkauft: für drei Euro das Stück. Sind alle Quadrate vergeben, führt man ein Pferd aufs Feld, dann warten die Festbesucher ab, trinken Bier, grillen und schauen den Kindern zu – bis das Pferd scheißt. Es gewinnt derjenige, in dessen Feld die Äpfel fallen, er bekommt die Hälfte der Einnahmen. Die andere Hälfte, 150 Euro, gehen an die Feuerwehr. "Aus Scheiße machen wir Bonbons", sagt Prandke.

150 Euro versus 22 Milliarden Euro. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun: Hier fließt es an mehrere Hunderttausend Menschen in Not und finanziert sie ein Jahr lang. Dort helfen sich ein paar Bürger selbst. Aber die Zahlen kleben im Bewusstsein zusammen, und das hat seinen Grund. Adamshoffnung liegt in Mecklenburg-Vorpommern, einem der ärmsten Bundesländer, seit Jahren wird an öffentlichen Leistungen im Landkreis gespart. Der Bus? Fährt nur noch für Schüler. Die Südbahn? Teilweise stillgelegt. Die Reparatur am Dach der Kindertagesstätte frisst den Jahresetat der Gemeinde. In Adamshoffnung hatten sie sich arrangiert – bis diese 22 Milliarden Euro auftauchten. Das fänden, so sagt es Steffen Prandke, die Leute "ungerecht".