Als der SMS-Alarm anschlug, döste Steffen Prandke noch am Pool, aber er brauchte nur Sekunden, um auf Krisengeschwindigkeit zu kommen. Der Feuerwehrmann Prandke war in Kroatien, seine Feuerwehr gut tausend Kilometer weit weg, zu Hause in Mecklenburg. Als seine Leute ihn, den stellvertretenden Wehrführer, im Urlaub störten, ahnte er schon, welches Problem sie hatten.

Wieder waren zu wenige Leute in der Feuerwache, nur drei – als Vierter immerhin der frühere Wehrführer. Aber der ist schon über 70, er darf nicht mehr löschen, und Prandke saß am Strand fest. Er, dessen kräftige Oberarme wirken, als könne er einen Menschen darunterklemmen und aus den Flammen tragen, hielt in seinen Händen nur ein schmales Telefon und gab Anweisungen.

Steffen Prandke, 36 Jahre alt, ist mit der Freiwilligen Feuerwehr Adamshoffnung verwachsen. Als Schüler trat er ein, Mutter und Onkel gehörten schon zur Truppe, und bald fuhr der junge Steffen mit dem damaligen Wehrführer übers Land. Auf dem Weg zu umgestürzten Bäumen, brennenden Misthaufen und auch mal zu einem absichtlich gelegten Brand übten sie das kleine und das große Einmaleins. So wurde aus dem Feuerwehrmannanwärter Prandke der Oberfeuerwehrmann und später der Löschmeister, Brandmeister und stellvertretende Wehrführer.

Die Feuerwehr ist die Seele von Adamshoffnung. Still und winzig liegt das Dorf zwischen Seen, Wiesen und Wald, und winzig heißt wirklich winzig. 218 Menschen leben dort, Tendenz fallend und alternd, da mögen die Helme in der Wache dicht an dicht hängen. Dreißig sind es bestimmt. Aber auf vielen liegt der Staub. Aktiv sind zehn Feuerwehrleute, und von denen einige auswärts auf Montage. Deshalb darf es nur am Wochenende brennen. Und auf keinen Fall in den Ferien. "Dieses Mal hatten wir Glück", sagt Prandke, "es war ein Fehlalarm. Aber stellen Sie sich vor, es brennt, und die Feuerwehr kommt nicht mehr." Wenn die Entwicklung im Dorf so weitergehe, "gibt es uns irgendwann nicht mehr – dann ist Adamshoffnung erledigt".

Die Geschichte vom schrumpfenden Osten ist oft erzählt worden, als Folge der Wende und des Zusammenbruchs der alten DDR-Industrie, als historischer Sonderfall eben. Aber inzwischen stellt sich heraus: Es ist kein Sonderfall.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Landflucht ist mittlerweile ein europäisches Phänomen und Europa ein Kontinent voll dunkler Flecken, in denen weniger und weniger Menschen wohnen. Es gibt sie im nördlichen England und in der Mitte Frankreichs, in Dänemark, Finnland und flächendeckend in Schweden – aber auch in Deutschland. Ganze Landstriche entleeren sich, Junge ziehen fort – und sogar Rentner wandern in die Stadt ab: Ein Bevölkerungsminus von bis zu 20 Prozent muss die Gegend rund um den Harz aushalten, die Pfalz, die Rhön, das Fichtelgebirge und den Hundsrück, in Mittel- und Nordhessen – und natürlich in Ostdeutschland. Aber selbst in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, den bevölkerungsreichsten Bundesländern, schrumpfen mehrere Kreise. Im Kleinen ist dort zu erkennen, was sich im Großen zusammenballt.

Teile Europas verkümmern. Sie entwickeln sich zurück, werden ärmer, ungepflegter, manche Dörfer auch hässlicher. Das Versprechen auf Frieden und Wohlstand in Europa? Gilt dort nicht mehr. Eine Kluft tut sich auf, wie es sie noch nicht gegeben hat – zwischen Metropolen und abgelegener Provinz, zwischen Landlust- Elite und allen anderen. Zwischen Menschen mit Jobs in Zukunftsindustrien und Menschen in verwaisenden Kulturlandschaften. Die politischen Folgen wird man bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern sehen – und einen Monat später in Österreich. Die abgehängten Regionen driften nach rechts.

Er wisse, dass im Dorf einige die AfD wählten, sagt der Feuerwehrmann Steffen Prandke. "Die Menschen verstehen nicht, warum auf einmal 22 Milliarden für die Flüchtlinge da sind, so viel Geld. Und sonst heißt es immer, die Kassen seien leer." 22 Milliarden Euro, die Zahl hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in die Welt gesetzt als Antwort auf die Frage, wie viel der Staat 2016 für Flüchtlinge ausgeben muss. Es war eine Schätzung. Aber seither entfaltet die Zahl ihre Wirkung, weil Menschen, auch in Adamshoffnung, sie mit den Beobachtungen aus ihrem Alltag vergleichen.

Beim Sommerfest der freiwilligen Feuerwehr etwa veranstalten Prandke und seine Leute ein Pferdebingo. So bessern sie die Zuwendungen für die Feuerwehr auf. Fürs Pferdebingo stecken sie ein Feld ab, zehn mal zehn Meter, und teilen es in 100 Quadrate. Jedes bekommt eine Nummer, und die werden verkauft: für drei Euro das Stück. Sind alle Quadrate vergeben, führt man ein Pferd aufs Feld, dann warten die Festbesucher ab, trinken Bier, grillen und schauen den Kindern zu – bis das Pferd scheißt. Es gewinnt derjenige, in dessen Feld die Äpfel fallen, er bekommt die Hälfte der Einnahmen. Die andere Hälfte, 150 Euro, gehen an die Feuerwehr. "Aus Scheiße machen wir Bonbons", sagt Prandke.

150 Euro versus 22 Milliarden Euro. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun: Hier fließt es an mehrere Hunderttausend Menschen in Not und finanziert sie ein Jahr lang. Dort helfen sich ein paar Bürger selbst. Aber die Zahlen kleben im Bewusstsein zusammen, und das hat seinen Grund. Adamshoffnung liegt in Mecklenburg-Vorpommern, einem der ärmsten Bundesländer, seit Jahren wird an öffentlichen Leistungen im Landkreis gespart. Der Bus? Fährt nur noch für Schüler. Die Südbahn? Teilweise stillgelegt. Die Reparatur am Dach der Kindertagesstätte frisst den Jahresetat der Gemeinde. In Adamshoffnung hatten sie sich arrangiert – bis diese 22 Milliarden Euro auftauchten. Das fänden, so sagt es Steffen Prandke, die Leute "ungerecht".

"Wenn die Frauen gehen, stirbt das Land"

Ortseingang Adamshoffnung © Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Prandke erzählt, wie er vor dem Amtsfeuerwehrtag, als alle Wehren der Gegend zur Leistungsschau nach Adamshoffnung kamen, morgens vor der Arbeit den Sportplatz gemäht hat. Eigenhändig, mit einem privat geliehenen Mäher. Für einen Gemeindearbeiter, der das hätte erledigen können, gibt es kein Geld. Ob er selber AfD wählt, lässt Steffen Prandke offen. Der letzten Prognose zufolge kann die Partei in Mecklenburg-Vorpommern mit über 20 Prozent rechnen.

Österreich ist in jeder Hinsicht schon weiter. Dort ist die Landflucht so stark, dass die Menschen wie Schmelzwasser von den Bergen strömen, erst in die Täler und Ebenen und dann in die Ballungsräume. Sie brechen in ein anderes Leben auf, so wie es Bergler früherer Generationen getan haben. Doch die heutige Abwanderung ist folgenreicher, sie ist fatal, weil es die jungen Frauen sind, die aufbrechen. Landflucht in Österreich ist weiblich, und zurück bleiben Dörfer, in denen bis zu 40 Prozent mehr Männer als Frauen im Alter zwischen 20 bis 29 Jahren leben. Männer, die nur schwer eine Partnerin finden.

Auch Stefanie Stocker hat ihre Spiegelreflexkamera und ein Dirndl eingepackt, ist aus Schleifling in der Steiermark, einem Dorf mit 1500 Einwohnern, nach Wien gezogen. Es ist ihr nicht leichtgefallen, am Bett hängen Bilder von Schwester und Eltern, wie sie sich im Dorf in den Armen liegen. "Je länger ich weg bin, desto lieber fahre ich heim", sagt die 24-Jährige. Sie vermisse die Gemeinschaft, den Wald, die saftigen Wiesen, und wenn in Wien ein Steirerfest stattfindet, holt sie ihr Dirndl heraus und geht als Schleiflingerin. Doch zurück wird sie nie ziehen. Stattdessen setzt sie ihr Grafikdesignstudium in Oxford fort.

"Wenn die Frauen gehen, stirbt das Land", sagt Gerlind Weber. Die Professorin arbeitet an der Wiener Universität für Bodenkultur, und obwohl sie emeritiert ist, bleibt sie ihrem Thema verbunden: der abgehängten Provinz. "Frauen sind der soziale Kitt eines Dorfes, die Partnerinnen und Mütter. Wenn sie fehlen, geht die nächste Generation verloren."

Der österreichische Staat hat den Trend noch verstärkt, indem er Dienstleistungsjobs, in die vor allem Frauen streben, systematisch verlagert hat. Seit Ende der 1990er ziehe sich die öffentliche Hand aus der Provinz zurück, sagt Gerlind Weber: "Auf Strukturschwäche wurde mit Rationalisierung geantwortet." Das heißt: Postämter wurden geschlossen, Bezirksgerichte konzentriert. Ganze Landstriche kämen in Raumplanungskonzepten gar nicht mehr vor, "weil man davon ausgeht, dass ein investierter Euro in Ballungszentren mehr bewirkt als in strukturschwachen Regionen". Für Frauen, die Bildungsgewinner der vergangenen Jahre, ist das eine Aufforderung, den Umzugswagen zu bestellen.

Aber wohin führt es, wenn es zur Staatsräson wird, ganze Landstriche aufzugeben? An dieser Stelle lohnt es, zwei Karten übereinanderzulegen: Die eine zeigt die demografische Entwicklung, die andere die Ergebnisse zur Wahl des österreichischen Bundespräsidenten im vergangenen April. Sie sind praktisch identisch. Sie erzählen einander ergänzende Geschichten: Bei der Wahl siegte der Rechtspopulist Norbert Hofer von der FPÖ dort, wo Österreich schrumpft und die Männer in der Überzahl sind. Der Grüne Alexander Van der Bellen gewann, wo Österreich wächst und die Frauen hinziehen.

Eine ähnliche Korrelation findet man in anderen Regionen Europas, auch wenn die Abwanderung der Frauen dort eine geringere Rolle spielt. In England stimmte der verarmte Norden für den Brexit, in Frankreich holt der Front National die meisten Stimmen in schrumpfenden Regionen und Kleinstädten mit schlechten Zukunftsperspektiven. In Deutschland ist der Zusammenhang zwischen Rechts und Provinz am schwächsten, weil die AfD im Vergleich zu anderen rechtspopulistischen Parteien in Europa noch relativ schwach ist. Doch auch in Deutschland fällt auf, dass die Rechtspartei Stimmen gewinnt, wo viele Menschen Abstiegsängste haben. Wo sie sich nicht mehr repräsentiert fühlen. Wo der Frust brütet, Widerstand gärt gegen Europa, gegen die Globalisierung und die Eliten in den Hauptstädten.

Auf den ersten Blick scheint es nicht überraschend – und doch es ist eine neue Entwicklung. Früher, darauf weist der Politologe und Parteienforscher Karl-Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen hin, habe sozialer Abstieg die Menschen eher in die Apathie getrieben, sie wurden unpolitisch – zu Nichtwählern. Den Rechtspopulisten gelinge es nun erstmals, stärker als der Linkspartei, diese Frustrierten zu politisieren. Deren Wähler charakterisiert Korte mehrheitlich so: "Sie erleben eine vielschichtige Transformation ihrer Lebenswelt, sie haben Angst vor einem Identitätsverlust – und zugleich plagen sie existenzielle ökonomische Sorgen."

"Der wachsende Sog der Städte entsteht durch die Wissensgesellschaft."

Forellenteich von Herrn Lehmann in Adamshoffnung © Hannes Jung für ZEIT ONLINE

In der Provinz liegt die wichtigste ökonomische Ursache für Reiner Klingholz auf der Hand: "Der wachsende Sog der Städte entsteht durch die Wissensgesellschaft." Klingholz ist Direktor des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Neue Jobs und Produkte beruhten heute stärker auf Kreativität und dem Zusammenwirken gut ausgebildeter Leute. In einer Wissensgesellschaft brauche man eine kritische Masse aus Unternehmen, Forschungseinrichtungen und klugen Köpfen an einem Ort.

Anhand von Daten kann Klingholz bis hinunter auf Gemeindeebene abschätzen, wie viel Zukunft ein Dorf in Deutschland aufgrund seiner Bevölkerungsstruktur hat, von Zwirtschen und Forstwolfersdorf in Thüringen bis zu den hessischen Weilern Preußisch Radmühl und Hörgenau. Und die Daten verheißen nichts Gutes für die Provinz. "Städte sind im Vorteil", sagt Klingholz. Das sehe man auch in Ostdeutschland, wo etwa Leipzig wieder wachse "und das eigene Umland leer macht".

Der Forscher schiebt hinterher, dass es natürlich so einfach nicht sei. Es gebe auch Verliererstädte, wie im Ruhrgebiet, und es gebe ländliche Regionen, die dynamisch wüchsen, wie das Oldenburger Münsterland und diverse Landkreise im Süden. Aber diese Fälle widerlegten nicht den grundsätzlichen Trend. 30 bis 40 Minuten von einem Jobcenter entfernt beginne der "periphere Raum", sagt Klingholz, und das ist ein akademischer Ausdruck für Wüste.

Inzwischen hat sich die Wüste in Europa ausgebreitet, einige Regionen trocknen seit Jahrzehnten aus. Die nationale Regierung spielt dabei eine ungute Rolle. Oft beschleunigt sie den Prozess eher, als ihn zu bekämpfen, ignoriert die Entwicklung oder nimmt sie bewusst in Kauf. Exemplarisch dafür steht das britische Sunderland.

Sunderland war eine Hochburg der britischen Kohleindustrie, die letzte Mine, die Monkwearmouth-Mine, wurde 1993 von der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher geschlossen. 2000 Männer verloren ihre Jobs, sie waren die letzten von einst 100.000 Bergarbeitern in der Region, davon hat sich Sunderland nie erholt. Nirgendwo sonst in England gibt es so viele Neets, was eine Abkürzung ist für not in employment, education or training und frei übersetzt "hoffnungsloser Fall" heißt.

Liam, 25, ist so ein Neet. Hat nie gearbeitet, nichts gelernt, ist arbeitslos. Dabei hätte er gerne einen Job – vielleicht als Maler. Genau weiß er das nicht. An diesem Nachmittag kommt Liam gerade aus dem Kraftraum im Jugendzentrum, wo er ganze Tage verbringt. Deshalb ist er so durchtrainiert. Um seinen Hals baumelt eine billige rote Kette mit Plastikkreuz. Er streift sich sein Sweatshirt über, setzt seine Schirmmütze auf und lässt sich am Kantinentisch nieder, um zu erzählen, wie er zum Neet wurde.

Erst schweigt Liam ziemlich lange, starrt auf den Tisch, presst die Lippen zusammen. In der folgenden Stunde wird klar, dass er nicht weiß, wo er anfangen soll, wie er überhaupt reden soll, wo er doch immer alles runtergeschluckt hat: die Trauer über den frühen Tod seiner Mutter, den Alkoholismus seines Vaters, den Rausschmiss aus der Schule. Liam fällt es schwer, ruhig zu sitzen, er zittert, spricht stockend. Die Drogen, der Alkohol und der Knast haben tiefe Spuren hinterlassen, ebenso wie die Verzweiflung, als Sozialarbeiter ihm und seiner Freundin das Baby wegnahmen. Jetzt ist Liam 25 Jahre alt und "on the sick", wie er sagt, also krank. Vom Staat bekommt er 440 Euro im Monat und lebt wieder beim Vater.

Gäbe es in Sunderland tatsächlich keine Jobs, wäre Liams Schicksal bloß beklagenswert. Aber der japanische Automobilkonzern Nissan fertigt Fahrzeuge in der Stadt und der Schweizer Konzern Liebherr Spezialkräne. Das Problem für Leute wie Liam ist: Die Arbeit etwa bei Liebherr ist anspruchsvoll, die Kräne, die die Firma für Schiffe, Häfen und Bohrinseln produziert, müssen in den Tropen wie in der Arktis extreme Belastungen aushalten. Da muss jede Schweißnaht sitzen.

Ralph Sälzer, einer der Geschäftsführer von Liebherr in Sunderland, ist Deutscher. Viele Facharbeiter, sagt er, habe er aus Polen anwerben müssen. In Sunderland habe er einfach nicht genug Einheimische gefunden, die qualifiziert genug gewesen seien. Sälzer steht mit Helm und Ohrschützern in der Produktionshalle. Junge Schweißer beugen sich dort im Feuerregen über kolossale Stahlträger. "Die haben hier nach dem Niedergang der Minen praktisch aufgehört auszubilden", sagt er.

Eine englische Stadt verkommt zum "northern poorhouse"

Adamshoffnung im August 2016 © Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Die unzureichende Ausbildung hat in England eine Vorgeschichte. Schon in den 1980er Jahren hatte die Regierung Thatcher die für Lehrlinge zuständigen staatlichen Träger, die Industrial Training Boards, aufgelöst. Unternehmen sollten selbst für die Ausbildung sorgen – und sie bezahlen. Aber das taten sie kaum, was seither keine Regierung wirklich interessiert hat. Auch unter New Labour in den frühen nuller Jahren änderte sich das nicht. Zwar wurden einige Träger für Lehrberufe wieder ins Leben gerufen. Auch Liebherr bildet wieder Jugendliche zu Stahlbauern, Schweißern, Lackierern und Elektrikern aus. Aber es kommt auch darauf an, wie viel passiert. Und viel passiert nicht in Sunderland. Lehrstellen sind rar.

Premierminister Tony Blair konzentrierte sich lieber auf den Süden des Landes, propagierte die Dienstleistungsgesellschaft und war auf das Wohl des Londoner Finanzzentrums fixiert. Schulen wurden von der Regierung aufgefordert, die Jugend auf die Universität vorzubereiten. Wer dafür nicht infrage kam, hatte kaum eine Chance, seine Talente zu entfalten. So wie Liam und andere Neets.

Doch es blieb nicht bei einer Politik, die Teile der Bevölkerung außen vor ließ. Es kam noch schlimmer. In einem zweiten Akt entwickelte sich eine feindselige Politik gegen die nördlichen Provinzen und deren Entwicklungschancen, eine Politik gegen die Liams und andere Neets.

Um von London aus härter durchgreifen und sparen zu können, hatte Margaret Thatcher die sechs nördlichen Bezirksverwaltungen von Manchester, Birmingham, Leeds, Liverpool, Sheffield und Newcastle (zu der Sunderland gehörte) aufgelöst und die Hoheit über Steuern, Regionalpolitik und Budgetvergabe in London konzentriert. Das wirkt bis heute fort. Nach einer Untersuchung des Verbands der britischen Wirtschaftsprüfer wird in keinem anderen Land in der westlichen Welt Regionalpolitik so zentralistisch gesteuert und finanziert.

Die Bezirksverwaltungen haben deshalb weder finanzielle Mittel noch die Macht, eine eigene Struktur- und Wirtschaftspolitik zu betreiben. Sie müssen erdulden, dass London sie systematisch unterversorgt. Ein Beispiel dafür sind die Investitionen in Straßen, Bahnen und öffentlichen Nahverkehr. Sie belaufen sich laut der Unternehmensberatung KPMG auf 314 Pfund je Bewohner im Nordosten. In London sind es 2604 Pfund.

Eine vermeintlich generöse Kampagne der aktuellen konservativen Regierung steigert den Frust noch. Sie will ein northern powerhouse errichten. Jeder Bezirk soll dreißig Jahre lang jährlich 30 Millionen Pfund zusätzlich zur eigenen Verwendung bekommen, um sie für Investitionen anzusparen.

Nur, was nützt diese Summe angesichts der Kürzungen im Haushalt einer einzigen Stadt im Norden? Sunderland bekommt 60 Prozent seiner Mittel aus London, diese streicht die Regierung seit Jahren drastisch zusammen. Mel Speding, der Kämmerer, spottet, seine Stadt verkomme zum northern poorhouse, und rechnet vor: Seit dem Jahr 2010 habe London ihn gezwungen, den Haushalt von 650 Millionen Pfund auf 443 Millionen Pfund zu verringern. Die Hälfte der Jobs in der Verwaltung hat Speding schon abgebaut, und nun soll er weitere 115 Millionen Pfund einsparen.

Nach Angaben des englischen Bundesrechnungshofes hat die von der konservativen Regierung seit 2010 durchgesetzte Sparpolitik die Kluft zwischen den armen Städten im Norden und den reicheren Städten, vor allem London, weiter verschärft. Das heißt: Sunderland muss härtere Kürzungen bei der Altenpflege, bei Kindergärten, bei Obdachlosen und bei Sozialwohnungen vornehmen als der Durchschnitt des Landes. Wundert es da, dass sich die Staatsverachtung ausgebreitet und bei der Brexit-Abstimmung Bahn brach? Dass 60 Prozent in Sunderland gegen den Staat stimmten, was hieß: für den Austritt aus der EU?

Die bittere Pointe ist: Verglichen mit London hat sich ausgerechnet die EU rührend um Sunderland gekümmert. Der Europäische Fonds für regionale Entwicklung hat im vergangenen Jahrzehnt in Sunderland und Umgebung knapp 400 Millionen Euro in Gewerbeparks, den Hafen, ein Zentrum für Softwarefirmen und anderes investiert. Weitere 500 Millionen Euro durch den Europäische Strukturfonds werden folgen. Trotzdem hat Sunderland, verleitet vom Oberschichtensnob Boris Johnson und dem Ukip-Politiker Nigel Farage, gegen die EU gestimmt.

Ist Deutschland doch ein Land der Sommermärchen?

Grüssow im August 2016 © Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Verglichen mit solchen Verhältnissen ist Deutschland ein Paradies. "Wir haben ein politisches System, das den permanenten Ausgleich erzwingt und organisiert", sagt der Politologe Karl-Rudolf Korte. Das verhindere Entwicklungen wie in Großbritannien, Österreich und Frankreich oder dämpfe sie zumindest stark. Föderalismus, Länderfinanzausgleich: "Die Bundesländer reden ständig mit, und auch die Kommunen melden sich lauter zu Wort." Zur institutionalisierten Machtverteilung komme der Wohlfahrtsstaat. Ist Deutschland, allen Krisen zum Trotz, also doch ein Land der Sommermärchen?

Im oberschwäbischen Weingarten sieht es danach aus. Die Sonne scheint oft, der Bodensee ist nah, es herrscht Vollbeschäftigung. Im Zentrum der Stadt, umgeben von verwinkelten Gassen, Fachwerkhäusern und Gaststätten wie der Stadtwirtschaft, ragt eine barocke Basilika auf, die größte in Deutschland. Tausende Touristen reisen wegen dieser Kirche nach Weingarten. Sie erleben Provinz von ihrer besten Seite: idyllisch, intakt, wirtschaftlich ein Rückgrat der Republik.

Wie viele Provinzstädte beheimatet Weingarten einen jener mittelständischen Weltmarktführer, die kaum einer kennt und die doch für das stehen, was die deutsche Wirtschaft erfolgreich macht: Spitzentechnologie, die so präzise und verlässlich ist, dass sie mehr kosten darf. Die Unternehmen sind Global Player, aber zugleich tief in der Region verwurzelt.

Kaum vorstellbar, was geschähe, würde diese Symbiose zerstört – doch genau das geschieht. Weingarten verliert seinen Weltmarktführer: Im nächsten Jahr wird die Schuler AG, ein Hersteller von Großpressen für die Autoindustrie, seine Produktion in Weingarten einstellen. Mehr als 200 Mitarbeiter verlieren ihren Job, Service und ein bisschen Entwicklung bleiben noch erhalten, aber die Gewerkschaft ist überzeugt: nicht mehr lange. So endet eine 150-jährige Geschichte, und es stellt sich die Frage: Was heißt das für die Stadt?

Der Mann, der sich gegen Weingarten entschieden hat, heißt Stefan Klebert und arbeitet im 100 Kilometer entfernten Göppingen bei Stuttgart. Sein Gesicht ist braun gebrannt, der Dreitagebart schimmert gräulich. Ein bisschen gleicht Klebert dem Schauspieler George Clooney. Am Armgelenk trägt er eine Apple Watch. Gerade war er in den USA, davor in China. Da sind die Märkte, die noch wachsen. Klebert ist Vorstandsvorsitzender der Schuler AG. Kein Mann der Provinz. Eher einer, der auf der ganzen Welt zu Hause ist – und mit nüchternem Blick entscheidet.

Früher, sagt Klebert, habe man fast alles in Deutschland produziert. Doch die Nachfrage steige vor allem in anderen Ländern – und eine Großpresse nach China zu verschiffen bedeute jedes Mal einen aufwendigen Spezialtransport. Mehr als eine Million Euro könne das kosten. Warum also nicht gleich in China produzieren? Klebert nennt das: "stärker auf den Weltmärkten lokalisieren". Mittlerweile sei die Infrastruktur in China top. Neulich, erzählt er, sei er mit dem Zug von Peking nach Shanghai gefahren. Der Zug sei pünktlich gewesen. Und die ganze Fahrt über gab es schnelles Internet. Zurück in Deutschland habe er sich gefühlt wie in einem Entwicklungsland.

Und hat er nicht recht? In Baden-Württemberg ist fast die Hälfte aller Landstraßen in schlechtem Zustand, bei den Bundesstraßen und Autobahnen sind es 40 Prozent. Mancher Weltmarktführer musste sich überdies seinen eigenen Sendemast bauen und das schnelle Internet quasi durch die Luft in die abgelegene Provinz holen, um nicht von der technischen Entwicklung 4.0 abgeschnitten zu sein.

Vorstandschef Klebert sagt, er wolle nicht nur global lokalisieren, sondern auch "national verdichten". Momentan hat die Schuler AG in Deutschland sieben Produktionsstandorte. Das, sagt Kleber, sei "nicht wirtschaftlich". Dem Aufsichtsrat hat er deshalb ein Folie gezeigt, auf der die Standorte nach verschiedenen Kriterien bewertet werden, jeder von – bis ++. Der Sitz des Konzerns in Göppingen, ein halbe Stunde von Stuttgart, kam zusammen auf vier Pluspunkte. Hier entsteht nun gerade ein gläserner zwölfstöckiger Schuler Innovation Tower, das höchste Gebäude der Stadt, in dem die Entwicklung des Konzerns gebündelt werden soll. Und Weingarten? Bekam nur zwei Punkte.

Natürlich gibt es immer auch individuelle Gründe. Weingarten wurde die zentrale Lage des Werks mitten in der Stadt neben der Basilika mit zum Verhängnis. Das Grundstück ist gut verkäuflich. Doch die Schließung gehorcht einem generellen Trend. Im nahen Ravensburg hat der Maschinenhersteller Voith schon vor Jahren mehrere Hundert Jobs in der Produktion gestrichen, und im nahen Mochenwangen schließt gerade die Papierfabrik. Auch der Arbeitgeberverband Südwestmetall sagt, Firmen dächten wieder vermehrt über Verlagerungen nach. Der Preisdruck der Auftraggeber steige, die schlechte Infrastruktur und die Mühe, Talente in die Provinz zu locken, zeigten Wirkung. Schuler-Chef Kleber sagt: "Wir müssen uns im war of talents behaupten." Anders gesagt. Göppingen liegt näher an Stuttgart: näher an Clubs, Theatern, ICE-Bahnhof und Flughafen.

"Ich fühle mich von der Politik verkauft."

Satow, Mecklenburg-Vorpommern © Hannes Jung für DIE ZEIT

Und – wie hart trifft es Weingarten nun? Bürgermeister Markus Ewald sagt: "Uns geht es hier gut." Dass Schuler seine Produktion in Weingarten aufgibt, sei "ein Schock" gewesen. Aber es gebe andere, wachsende Unternehmen, ein IT-Unternehmen und eines, das auf Blechverbindungen spezialisiert sei. Einige Schuler-Mitarbeiter werden dort einen anderen Job finden, andere werden 40 Kilometer bis an den Bodensee fahren müssen, wo sich Raumfahrt, Autozulieferer und Rüstungsindustrie ballen.

Einem Teil der Belegschaft ergeht es allerdings wie Ludwig Czerny. Der drahtige Mann trägt eine weiße Kappe. Vorzuweisen hat er einen Hauptschulabschluss und eine Umschulung zum Maschinenschlosser. Nach 22 Jahren bei Schuler hat er gut verdient: 3600 Euro brutto im Monat. "Für meine Bildung", sagt er, "war das ganz passabel." Nun aber, mit 58 Jahren, droht ihm, wie er sagt, "der soziale Abstieg". Seine kleine Eigentumswohnung ist noch nicht abgezahlt, auf dem Arbeitsmarkt fühlt er sich "quasi chancenlos", und er fragt sich: Wer ist schuld?

Czerny schimpft auf die Politik, die Konzerne wie Schuler mit günstigen Strompreisen subventioniere, aber nicht eingreife, wenn diese trotz guter Zahlen Mitarbeiter entließen. Er kritisiert die Welle von Leiharbeitern. Er klagt über das Rentensystem, das "asozial" sei, weil nicht alle gleichermaßen einzahlen müssten – und von dem er im Alter nicht viel zu erwarten hat. Er sagt: "Ich fühle mich von der Politik verkauft." Was Czerny wählt, sagt er nicht. Nur so viel: "Ich bin Protestwähler."

Bei der Landtagswahl wählten 12,5 Prozent der Bürger von Weingarten die rechtspopulistische AfD. Czerny ist nicht allein. Und schaut man von Weingarten aus über die baden-württembergische Provinz bis nach Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, dann wird die AfD ziemlich groß. Der Wahlforscher und Politologe Everhard Holtmann von der Universität Halle ist überzeugt: Die Zahl der rechtspopulistischen Wähler ist auch deshalb gewachsen, weil zu denen, deren Lebensumstände sich tatsächlich verschlechtert haben, sich viele hinzugesellen, deren Unbehagen sich aus einer "kontextuellen Erfahrung" speist. "Im Osten kenne jeder jemanden, dem es schlecht ergangen ist." In Weingarten jetzt auch. Vor allem Berufstätige seien sehr kritisch gegenüber den etablierten Parteien, sagt Holtmann. "Da spielt tatsächliche oder gefühlte Unsicherheit eine große Rolle."

Liest man die Wahlergebnisse so, dann sind die Sorgen in abgelegenen Landstrichen besonders groß. Dann sehen Menschen dort häufiger als anderswo ihr stabiles Leben infrage gestellt. Dadurch, dass die städtischen Löhne in den letzten zwanzig Jahren deutlich schneller gewachsen sind. Dadurch, dass Firmen fortgehen und mit ihnen die junge Generation. Sie sehen den Wertverlust ihrer Eigenheime und die Milliarden, die in Stadterneuerung, Museen und Bahnhöfe wie Stuttgart 21 fließen. Sie sehen, wie die Großstädte es jungen Doppelverdienern durch Kinder-Rundumbetreuung schmackhaft machen, aufs Grüne zu verzichten.

Einiges davon wäre wohl zu verschmerzen, wenn wenigstens die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts, das schnelle Internet, überall vorhanden wäre. Aber Deutschland liegt im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld, hinter der Schweiz, Dänemark und Belgien. Da die Deutsche Telekom in den Städten bis zu 100 Megabit pro Sekunde anbietet, heißt das, der ländliche Raum erreicht vielerorts bloß Schwellenländerniveau.

Was gilt das Versprechen aus dem Grundgesetz noch, gleichwertige Lebensverhältnisse für alle herzustellen? Es hat mittlerweile viele Erklärungsversuche gegeben, warum in Europa die einen rechts wählen und die anderen den Brexit; warum eine Mehrheit der EU misstraut und ihrer eigenen Elite. Regierungen machen Populisten dafür verantwortlich, die Angst des alten weißen Mannes vor dem Abstieg und natürlich die Flüchtlingspolitik. Doch ein Grund wurde hartnäckig übersehen, vielleicht weil diejenigen, die öffentlich darüber reden, ihn nicht sehen wollen, nicht sehen können – denn sie leben in der Stadt.

Wer die Provinz für sich gewinnt, bestimmt mit, wie rechts Europa wird

Adamshoffnung, Mecklenburg-Vorpommern © Hannes Jung für DIE ZEIT

Die Menschen in der Provinz abzuhängen ist demokratiegefährdend. Wer diesen Prozess beschleunigt, für den wird es brandgefährlich: Österreich zieht die Jobs für qualifizierte Frauen ab. Großbritannien hält die nördlichen Regionen unmündig und stranguliert sie. Frankreich wird seine politisch gewollte, industrielle Monostruktur zum Verhängnis. Alle Forschung, Entwicklung und die Förderung von Konzernen konzentrieren sich auf Paris, Lyon und die Region am Mittelmeer. Wenn irgendwo anders eine Stadt verdorrt? Oder das ganze Burgund? C’est dommage – wirklich schade. Nur eine Partei kümmert sich. Weiß genau, welcher Betrieb schließen musste und welcher regionale Käse verschwunden ist: der Front National. Bei den Regionalwahlen 2015 siegten die Rechtspopulisten nördlich, östlich und südlich von Paris sowie am Mittelmeer. Der Front National gibt den französischen Landbewohnern das Gefühl, nicht allein zu sein und eine Stimme in Paris zu haben. Vielleicht bald auch eine Präsidentin.

Wer die Provinz politisch für sich gewinnt, bestimmt mit, wie rechts Europa wird. Das beweist Österreich. Großbritannien. Frankreich.

Und die AfD in Deutschland? Deren Themen waren der Euro, die Europäische Union, der Islam und die Flüchtlinge. Aber bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern verändert sich das Bild, die AfD wird den europäischen Schwesterparteien ähnlicher. Es treten nun auch Männer wie Hartwig Kurth (66) an. Kurth ist Direktkandidat der AfD im Landkreis Mecklenburg, jenem Kreis, in dem auch Feuerwehrmann Prandke lebt. Kurth kennt viele Leute in den Dörfern, und die kennen ihn, er betreibt einen Landhandel und ist seit 25 Jahren Vorsitzender des Fußballvereins Nossentiner Hütte. Für sein Engagement hat er vom Ministerpräsidenten die Ehrennadel des Landes bekommen, und im Kreistag saß er jahrelang für die CDU.

An einem Vormittag drei Wochen vor der Wahl steht Kurth in grauer Latzhose in seinem Landhandel. Wahlkampf führt er nur abends, morgens ist er im Geschäft, verkauft Gemüse, Zäune, Bleche, was die Leute so brauchen. Aber gerade hat er die Hände in den Taschen, es ist ruhig. Kurth zählt direkt seine politischen Themen auf: Zu wenig Steuern aus dem Dorf bleiben im Dorf, die Abgaben an die Kreisverwaltung sind zu hoch, die Musikschule will die Gebühren erhöhen, die Zuwendungen für die Vereine werden gekürzt, das Sozialamt ist umgezogen und nun 70 Kilometer weit weg. "Und dann kommt die Kommunalaufsicht und will, dass die Gemeinde die Pacht für den Sportplatz erhöht." Politik ist für Kurth Politik von unten, das hat ihn vor Jahren aus der CDU getrieben: Denn die hatte eine Gebietsreform vorangetrieben, also die Zusammenlegung von Dörfern und Kreisen, und diese hat, so sieht es Kurth, "den Menschen ihre Autonomie genommen. Ich war zutiefst enttäuscht." Danach war er lange parteilos.

Im Gespräch rutschen Hartwig Kurth manchmal noch Halbsätze raus wie "wir von der CDU" oder "mein CDU-Landrat", aber im Hier und Jetzt ist er ganz AfD. Erst habe er mit der Partei nur lose im Kreistag zusammengearbeitet, aber zur Landtagswahl sei er eingetreten, weil er glaube, "die AfD ist derzeit gut für Deutschland". In seinem Wahlkreis habe er sogar Chancen, die meisten Stimmen zu kriegen, glaubt Kurth. Denn: "Die SPD schickt eine junge Frau ohne Lebenserfahrung, die Grünen ebenso, vielleicht können wir die NPD unter fünf Prozent drücken. Letztlich entscheidet es sich zwischen dem CDU-Mann und mir." Anders ausgedrückt: Machten die Volksparteien glaubhafte Angebote an die abgelegene Provinz, hätte Hartwig Kurth keine Chance. Vielleicht würde er nicht mal antreten.

Doch was wäre eine glaubhafte Provinzpolitik? Die Lohnunterschiede zwischen Stadt und Land wird niemand einebnen. Private Unternehmen, also Jobs und Wertschöpfung, kommen nicht in die Walachei, nur weil eine Volkspartei danach ruft. Stünde die Provinz aber weniger fürs Abgehängtsein als für die Freiheit, das wäre etwas: Aber Freiheit heißt, die Dinge selbst regeln zu können. Eine zeitgemäße Provinzpolitik würde den Gemeinden wieder mehr Autonomie gewähren. Zur Freiheit braucht es außerdem die finanziellen Mittel, und hier könnten Bund und Länder die abgelegenen Regionen problemlos aufwerten. Allein im ersten Halbjahr nahm der Staat 18 Milliarden Euro mehr an Steuern ein. Damit ließe sich so mancher Dorfetat leicht verdoppeln, ließen sich Regionalbahnstrecken auf Jahrzehnte subventionieren, Straßen sanieren und schnelles Internet verlegen. Und wer weiß, wenn die Menschen in den abgelegenen Landstrichen sehen, dass der Staat sie nicht vergessen hat, vielleicht wäre es dann die AfD, die dort abgehängt würde.