Am Ende hatte Michel Butor sich in ein geräumiges Landhaus zurückgezogen. Dort thronte er in seinen legendären vom Schneider angefertigten Latzhosen wie ein ewiges Kind im bücherüberladenen Dachgeschoß seines Hauses in Lucinges und füllte in unerschöpflicher Spiellust tausende von Seiten mit Reiseessays, Gedichten und Kurzprosa über Malerei und Literatur. Weltberühmt geworden war der emeritierte Professor für französische Litaratur an der Universität Genf indes für lediglich vier Romane. Die allerdings haben die europäische Nachkriegsliteratur tief geprägt.

Man kann sich heute, wo alle literarische Übertretungen, alle Verschmocktheit, alles Outrierte und Brave in konfliktfreier Beliebigkeit nebeneinander stehen, nicht mehr vorstellen, welche Provokation es bedeutete, als 1957 Butors Roman Paris-Rom oder Die Modifikation erschien. Das Buch beschränkt sich auf eine einzige Nacht, in der ein Schreibmaschienenhändler in einem Zugabteil auf der Fahrt von Paris nach Rom sich sein Leben erzählt. Es ist ein auf den ersten Blick wunderbar meditatives und einfaches, auf den zweiten Blick ungemein ehrgeizig konstruiertes Buch voller schwindelerregender Spiegeleffekte, die Literaturwissenschaftler noch Jahrzehnte in Atem hielten. Aber vor allem: ein Triumph kühner Artistik über die verbrauchte Vorkriegssentimentalität.

Von tiefen Gefühlen wollten die aufstrebenden Nachkriegsautoren die Literatur nämlich säubern. Die waren doch genauso missbraucht worden wie die Sprache. Literatur und Leben sollten sich entpersönlichen und dynamisieren. Darin lag schon ein Vorgeschmack auf den Posthumanismus. Gemeinsam mit Claude Simon, Alain Robbe-Grillet und Nathalie Sarraute gründete Michel Butor die Schule des "Nouveau Roman", der die Nachkiegsliteratur radikaler erneuert und modernisisert hat als die vergleichsweise konventionelle Gruppe 47. Am 24. August, wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag, ist der letzte altmodische Rebell der Literatur gestorben.