Water Valley sieht für den Besucher aus wie irgendein netter Ort, aber genau das ist für die 4.000 Einwohner ein Triumph. An der Hauptstraße der Kleinstadt liegen ein paar Galerien, zwei Hotels, ein Handarbeitsatelier. Einige Blocks weiter hat sich Yalobusha Brewing, eine Mikro-Brauerei, niedergelassen, und mit ihr und einem halben Dutzend weiterer Läden sticht Water Valley schon heraus in Mississippi. Der Bundesstaat zählt zu den ärmsten der USA, bei Statistiken zur Ausbildung ist er ganz unten, bei denen zur Arbeitslosigkeit ganz oben, und der Chef der Wirtschaftsförderung in Water Valley, Mickey Howley, sagt: "Wir haben die Rezession 2009 nicht einmal mitbekommen – wir waren zu arm."

Bis vor acht Jahren war Water Valley eine dieser amerikanischen Klein- und Mittelstädte, die vor sich hinsiechen. Fast 20 Prozent der Bevölkerung im Heartland, also in den Weiten der USA, lebt unter der Armutsgrenze und verdient weniger als 22.000 Dollar im Jahr. Entgegen dem jahrzehntelangen Trend in den Industrieländern sinkt auch die Lebenserwartung. Bei weißen Frauen, die in ländlichen Gebieten wohnen, ist die Sterblichkeit um 30 Prozent gestiegen. Eine ähnliche dramatische Entwicklung war zuletzt in Osteuropa und Russland zu beobachten – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Alkohol, Drogen und Beschaffungskriminalität prägen heute den Alltag in Orten, die einst das Rückgrat der US-Wirtschaft bildeten. In diesen vergessenen Gemeinschaften kommt Donald Trump besonders gut an.

Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten aus diesem Amerika – die aus Water Valley etwa. Sie handeln nicht von iPhones und Marsraketen, sondern von Coffee-Shops und Bauernmärkten. Begonnen hat es in Water Valley mit dem BTC-Shop. Als der Laden vor sechs Jahren eröffnete, wunderten sich Alteingesessene über das Sortiment – neben frischem Gemüse, hausgemachten Schweinswürsten und selbst gebackenen Blaubeer-Muffins finden sich gebrauchte Bücher, alte Spitzenkleider und rostige Hufeisen. Auch der Name gab Rätsel auf. "BTC steht für Be the Change: Wenn du die Welt verändern willst, nimm es selbst in die Hand", sagt die Besitzerin Alexe van Beuren. Und über die Bedeutung ihres Ladens für die Stadt sagt Wirtschaftsförderer Mickey Howley: "Er ist nicht nur unser Zentrum, es ist der Anker für unsere lokale Wirtschaft geworden." Die neuen Geschäfte in Water Valley sind zwar klein, aber sie haben laut Howley etwa neunzig neue Jobs geschaffen und sogar die Immobilienpreise steigen lassen.

Einst schien Water Valley für Größeres bestimmt. 1850 war hier ein Eisenbahnknotenpunkt, aus dem eine der größten Ansiedlungen im Süden der USA erwuchs. Das Gebäude, in dem sich heute die Yalobusha Brewing Company befindet, war eines der ersten Autohäuser im Land. Dort stellte Henry Ford vor hundert Jahren seine ersten Modelle aus. Kleinstädte spielten damals eine tragende Rolle. Die neuen Fabriken ermöglichten Einwanderern und ungelernten Arbeitern den Aufstieg in die Mittelschicht. Ihre Kinder wurden Buchhalter oder Sekretärin, die Enkel Anwälte oder Ärzte.

Doch im Zuge der Globalisierung hielten die Kleinstadtfabriken der Konkurrenz aus den Billiglohnländern nicht stand, und aus den Karriereleitern wurden Sackgassen. Richard Longworth, Fellow beim Thinktank Chicago Council on Global Affairs und Experte für die Folgen der Globalisierung, sagt: "Die Bewohner haben ihre Arbeit und die Heimatstädte ihren Zweck verloren."

Longworth hat die ersten Anzeichen dieser Entwicklung bereits in den 1970er und 1980er Jahren erkannt, als er als Reporter für die Chicago Tribune durchs Land reiste. Die Finanzkrise 2008 sei der Moment gewesen, in dem die Menschen merkten, dass ihre Probleme nicht vorübergehend, sondern die Folge eines enormen wirtschaftlichen Umbruchs sind. Longworth sagt: "Die brutale Wahrheit ist: Niemand braucht sie mehr. Das macht viele zornig und ist der Motor der politischen Verwerfungen."

Dank niedriger Mieten und Digitalisierung schaffen viele Dörfer eine Wende zum Besseren

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Auch Water Valley driftete ins ökonomische Aus. Die Textilfabriken, die noch bis in die neunziger Jahre Arbeit boten, mussten eine nach der anderen schließen. Die letzte produzierte das amerikanischste aller Kleidungsstücke: Bluejeans. Jetzt wächst auf dem Grundstück nur noch Rasen. Von der industriellen Vergangenheit ist bloß noch BorgWarner geblieben, ein Autozulieferer. Aber das war nicht genug. An der umtriebigen Main Street schlossen die Geschäfte, außer der Bank und der lokalen Zeitung blieb nur der Turnage Drug Store erhalten, berühmt für seinen Milkshake.

Es war dann auch der Milkshake, der die Wende brachte. Alexe van Beuren und ihr Mann Kagan Coughlin waren auf der Suche nach einem Haus auf dem Land. Coughlin arbeitete damals für eine Softwarefirma in Oxford, einer Universitätsstadt 30 Kilometer nördlich von Water Valley. Der Zufall führte die beiden in dem Turnage Drug Store. Zu den Getränken reichte ihnen der Inhaber eine handgeschriebene Karte. "Sei glücklich" stand darauf. "Warum nicht hier?", dachte sich das Paar. Sie fanden eine Villa zum Kauf, sie war heruntergekommen, kostete aber nur 6.600 Dollar. Sie eröffneten den BTC-Shop.