Sie ist eine Ikone unserer Zeit, und vielen gilt sie längst als Heilige. Sie verklären Mutter Teresa für ihren Dienst in den Slums von Kalkutta als "Engel der Armen". Ihre Kritiker dagegen beschimpfen sie als "Todesengel": Ihre Hinwendung zu den Armen sei fanatisch gewesen; unterm Schleier der Frömmigkeit habe sie einen Leidenskult betrieben, statt den Ursachen des Leidens abzuhelfen. Der pakistanisch-britische Autor Tariq Ali nennt ihre offizielle Heiligsprechung am Samstag sogar "lächerlich": Denn Mutter Teresa verkörpere das "schlechte Gewissen der reichen Welt".

Das mag sein. Aber ist das ein Argument gegen das Engagement der Ordensschwester? Nicht nur die Idealisierung, auch die Dämonisierung dieser Helferfigur ist ein Problem. Das zeigt sich auch in der Einseitigkeit der Biografien, die entweder rückhaltlos bewundern oder gnadenlos abwerten. Kann es sein, dass Mutter Teresa auch nur ein Mensch war, mit Schwächen und Stärken?

Als Heilige werden in der katholischen Kirche Menschen verehrt, die dem Evangelium folgen, ohne die Nachteile für sich selbst zu fürchten. Mutter Teresa war eine Jesus-Nachfolgerin, indem sie sich dem Leiden stellte. Sie lebte und arbeitete, betete und litt mit den Kranken und Armen. Sie verteidigte die Würde des Einzelnen unter unwürdigsten Umständen. Ihre Provokation: die Hässlichkeit des Leidens in die Schönheit der Passion umzudeuten. Ihr Mut: die Angst vor dem Leid anderer zu überwinden.

Anjezë Bojaxhiu wurde 1910 im heutigen Skopje in Mazedonien geboren. Mit 18 Jahren trat sie dem Orden der irischen Loretoschwestern bei und wurde nach Indien entsandt, um zu unterrichten. Auf einer Fahrt durch Kalkutta will sie den Ruf des Gekreuzigten gehört haben: "Mich dürstet!" Daraufhin verließ die Ordensschwester ihre Klausur und zog in die Armenviertel. Sie legte einen Sari an und gründete die "Missionarinnen der Nächstenliebe", die schließlich über 500 Häuser für Kranke und Sterbende betrieben und weltweit Kranke, Waisen und Alte betreuen. Ihr Credo: Wer Gott liebt, muss den bedürftigen Nächsten lieben, weil Jesus selbst ein Hilfsbedürftiger war.

1979 erhielt Mutter Teresa den Friedensnobelpreis. Zu Recht? Der Religionskritiker Christopher Hitchens hielt ihr vor, Wehrlose missioniert zu haben. Er zitiert Mediziner, die sagen, die ungelernten Ordensschwestern hätten zu wenige Schmerzmittel verabreicht. So schwerwiegend waren die Vorwürfe, dass noch im Jahr 2013 kanadische Wissenschaftler die Methoden der bereits 1997 verstorbenen Teresa als "dubios" kritisierten. Hitchens’ Anschuldigung, sie habe wehrlose Sterbende taufen lassen, wurde allerdings nie bewiesen.

Nächstenliebe ist die zentrale Botschaft des Christentums – doch wie sie geübt werden soll, darüber herrscht seit jeher Streit. Die Befreiungstheologie will Armut politisch bekämpfen. Die Barmherzigkeitstheologie will sie individuell lindern. Beide Traditionen gehören zur katholischen Kirche. Während Papst Johannes Paul II., ein Unterstützer Teresas, gern den persönlichen Einsatz für Arme predigte, fordert Franziskus politisches Umdenken.

Und was heißt nun heilig? Eine Heiligsprechung ist ein dogmatisches und kirchenrechtliches Verfahren. Der Vatikan prüft den Lebenswandel des Betreffenden, der entweder ein Wunder gewirkt oder ein Martyrium durchlitten haben muss. Das Wunder, das Mutter Teresa zugesprochen wird, ist die Heilung einer Frau namens Monica Besra.

Die zuständige Kongregation in Rom hat nun verfügt, dass am 4. September der Name von Mutter Teresa in die Heiligenliste, das sogenannte Martyrologium, eingetragen wird. Kritiker sollten bedenken: Heilige sind keineswegs unfehlbar. Durch das Herausragende ihres Handelns werden sie zwar zu Außenseitern, aber auch theologisch bleiben sie erlösungsbedürftige Menschen. Ob wir sie in den Himmel heben oder verdammen, liegt bei uns.

Mutter Teresa war keine nur glaubensfromme Frau. In ihren Notizen schreibt sie von quälenden Zweifeln: "Man erzählt mir, dass Gott mich liebt, jedoch ist die Realität von Dunkelheit und Kälte und Leere so überwältigend, dass nichts davon meine Seele berührt." Dürfen Heilige zweifeln? Nur Fanatiker zweifeln nie. Gibt es Vorbilder ohne Fehler? Nein.