Die Akten der Studienstiftung zeigen: Die späteren RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Horst Mahler und Gudrun Ensslin waren schon als Studenten radikale Geister. Ein Gespräch mit dem Zeithistoriker Alexander Gallus, der die Akten herausgibt, und dem Präsidenten der Stiftung, Reinhard Zimmermann

DIE ZEIT: Jahrzehntelang lagen die Akten der früheren Stipendiaten Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Horst Mahler im "Giftschrank" der Studienstiftung des deutschen Volkes in Bonn. Jetzt werden sie veröffentlicht. Wird man die Biografien der Terroristen umschreiben müssen?

Alexander Gallus: In den über 560 Seiten der Akten begegnen uns eigenwillige, kluge, auch ethisch argumentierende Personen, die im Lauf ihres Studiums immer politischer werden. Dass ausgerechnet sie Terroristen wurden, wird durch diese Akten noch viel schwerer zu erklären.

Reinhard Zimmermann: Die Akten bieten eine stark ins Persönliche reichende Bildungsgeschichte der Stipendiaten, die Bildungsromane der späteren RAF-Terroristen: Gutachten von Lehrern, mit denen sie die Abiturienten für ein Stipendium vorgeschlagen haben, Stellungnahmen von Professoren und die "Semesterberichte": in ihnen gaben die Stipendiaten Auskunft über den Verlauf des Studiums, über Vorlesungen, die sie hörten, über Themen, die sie beschäftigten.

Gallus: Wir sehen in den Lebensläufen und Berichten sehr problematische biografische Einschnitte: Meinhof wuchs als Vollwaise auf, Mahlers Vater beging Selbstmord und wollte seine Kinder mit in den Tod nehmen, Ensslins Bruder wurde schwer depressiv. Die Akten enthalten auch handfeste Informationen wie die Höhe des Stipendiums. Alle drei hätten ohne das Stipendium nicht studieren können: Meinhof hat bis zu 230 Mark im Monat erhalten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

ZEIT: Die Stiftung hat die Akten sogar dem Generalbundesanwalt verweigert, als er sie in den RAF-Prozessen 1973 einsehen wollte. Was machte sie über so viele Jahre unantastbar?

Zimmermann: Die Beziehung zwischen Stipendiat und Studienstiftung ist eine Beziehung wechselseitigen Vertrauens: Die Studienstiftung nimmt einen Studierenden im Vertrauen darauf auf, dass er oder sie das Potenzial hat, besondere Leistungen im Dienste der Allgemeinheit zu erbringen. Der Stipendiat vertraut der Studienstiftung Informationen über seinen Werdegang an, die er nicht in der Zeitung lesen möchte. Auf diese Vertraulichkeit muss man sich verlassen können.

ZEIT: 1973 hatten die Stipendiaten ihren Teil der Vertrauensbeziehung, die "Leistungen im Dienste der Allgemeinheit", aufgekündigt.

Zimmermann: Die Studienstiftung war damals sehr erschüttert über die Entwicklung. In dem Moment, in dem die Stipendiaten die Berichte geschrieben haben, waren sie aber Teil der Vertrauensbeziehung; sie haben uns die Dokumente im guten Glauben übermittelt, dass sie vertraulich bleiben. Nur weil der eine Teil die Vertrauensbeziehung bricht, braucht der andere Teil sie nicht auch zu brechen. Auch unsere Gutachter müssen sich auf die Vertraulichkeit verlassen können. Eine Veröffentlichung hätte zu einer institutionellen Vertrauenskrise geführt.

ZEIT: Wieso veröffentlichen Sie die Akten jetzt?

Zimmermann: Meinhof, Mahler und Ensslin sind Personen der Zeitgeschichte, und es hat seit jeher Spekulationen über den Inhalt der Akten gegeben. Wir wollen transparent sein und haben nichts zu verbergen. Wir haben zuvor die Zustimmung von jedem, von dem wir etwas veröffentlichen, oder von dessen Erben eingeholt.

Gallus: Bislang gibt es wenige verlässliche Schriftquellen über das Studium von Ulrike Meinhof. Die Studentenzeit von Horst Mahler ist in dieser Hinsicht fast eine Terra incognita. Nur über die Stipendiatenjahre von Gudrun Ensslin wissen wir seit dem Kaufhausbrand-Prozess von 1968 und aus dem Nachlass ihres Verlobten Bernward Vesper etwas.

ZEIT: Wie haben Sie sich davon frei gemacht, jede Zeile abzuklopfen, ob man aus ihr nicht die Entwicklung hätte vorhersagen können?

Gallus: Ich warne davor, die Akten mit dem Wissen der Nachgeschichte zu betrachten. Dieses Bleigewicht wird man aber nie los. Ich habe versucht, mich in ein damaliges Mitglied eines Auswahlausschusses der Studienstiftung hineinzuversetzen und zu fragen: Hätte ich die drei aufgenommen?

ZEIT: Und – hätten Sie?

Gallus: Die Studienstiftung hat damals über die Aufnahme neuer Stipendiaten nach den Kriterien Begabung, Leistung und Persönlichkeit entschieden. Horst Mahler ist der einfachste Ja-Fall: Er hat sein Abitur 1955 mit Auszeichnung gemacht, wollte Jura studieren und danach Politiker werden, er zeigte Interessen weit über das Studium hinaus. Bei Meinhof, die bei ihrer Bewerbung als Berufsziel "Lehrtätigkeit an pädagogischen Bildungsstätten nach vorangegangener Schulpraxis" angibt, waren die Schulnoten durchwachsener, sie hat sogar Vieren in ihrem Zeugnis. Doch Noten waren damals für die Stiftung weitaus weniger wichtig als heute. Wenn Sie sich die Gutachten anschauen, ist für mich klar nachvollziehbar, warum sie 1955 aufgenommen wurde: Sie wirkt reif, klug und engagiert.

Zimmermann: Ich hätte auch dafür votiert, beide aufzunehmen. Die späteren Semesterberichte bestätigen diesen Eindruck; sie sind eindrucksvoll. Meinhof absolvierte kein stromlinienförmiges Studium, sie wechselte ihre Studienorte und Dissertationsthemen und reflektierte ihre Entwicklung immer wieder. Bei Mahlers Berichten merkt man, mit wie vielen Dingen er sich beschäftigte. Genau das möchte ich von einem Stipendiaten: Dass er nicht nur die Einführungslehrbücher liest, sondern den Dingen wirklich auf den Grund geht.

Gallus: Ensslin war ein schwierigerer Fall: Ihre Noten waren auch durchwachsen, aber die Gutachter zweifelten an ihren analytischen Fähigkeiten. Sie hat es erst beim dritten Anlauf geschafft, Stipendiatin zu werden.

ZEIT: Sind besonders Begabte besonders anfällig dafür, extreme Leben zu führen?

Gallus: Intelligenz und Intellektualität sind kein Garant für Mäßigung: Schauen Sie sich an: 75 Prozent der führenden Köpfe der ersten RAF-Generation waren Stipendiaten der Studienstiftung – Andreas Baader kam für eine Förderung nicht in Betracht, weil er kein Abitur hatte. Die Studienstiftung förderte in dieser Zeit jedoch nur knapp ein Prozent der Studenten. Dieser Unterschied ist doch wirklich enorm.

Zimmermann: Hohe Begabung kann einhergehen mit einer hohen Sensibilität für Probleme in der Welt und einer hohen Gefährdung für Anfechtungen auch ideologischer Art. Jemand, der tief über sich und über die Welt nachdenkt, kann zu radikaleren Folgerungen gelangen als jemand, der alles gleichmütig hinnimmt.

ZEIT: Waren diese drei Stipendiaten also keine Ausnahmen? Zu den ehemaligen Studienstiftlern zählen sonst Professoren, sogar Nobelpreisträger, wichtige Politiker und Wirtschaftsführer.

Zimmermann: Nur weil sie radikale Geister waren, waren die drei Stipendiaten noch keine Ausnahmen. Probleme von der Wurzel her zu durchdenken und etwas verändern zu wollen in der Welt. Daran ist nichts anstößig. Ganz im Gegenteil: Das gehört zu den Erwartungen an unsere Stipendiaten. Andererseits waren sie natürlich Ausnahmen, weil sie sich politisch radikalisiert und außerhalb der demokratischen Rechtsordnung gestellt haben. Dass wir die Terrorakte zutiefst missbilligen, versteht sich von selbst.

ZEIT: Sie gehen sehr gelassen mit diesen Biografien um – so als ob es unvermeidbar sei, dass irgendwann einmal jemand Ihrer früheren Stipendiaten ins Radikale abdriftet.

Zimmermann: Es geht uns nicht darum, Stipendiaten auszuwählen, von denen erwartet werden kann, dass sie in bequemer Saturiertheit durch den Strom des Lebens treiben und in gutmütigem Gleichmut akzeptieren, was ihnen an Unrecht entgegentritt. Wir geben auch schwierigen Charakteren die bestmögliche Unterstützung. Natürlich erwarten wir auch etwas von unseren Stipendiaten, darunter Respekt gegenüber anderen Menschen, Toleranz gegenüber anderen Meinungen und eine Geisteshaltung kritischer Offenheit. Laut unseren Akten über Meinhof, Ensslin und Mahler ließ sich bei der Auswahl die Entwicklung zu Terroristen nicht absehen. Die Akten zeigen vielmehr, dass die drei Suchende waren, Menschen, die zweifelten und auch Anstoß nahmen an den Verhältnissen – so wie viele junge Menschen.

ZEIT: In einem Prozess gegen Horst Mahler hieß es später, er sei aus "übersteigertem Elitebewusstsein" in den Untergrund gegangen. Die Studienstiftung fördert Elite, die RAF verstand sich als Avantgarde. Hängt das zusammen?

Gallus: Wie bei allen revolutionären Bestrebungen kam der Idee der Avantgarde auch bei der RAF große Bedeutung zu. Sie sollte Schwung in die antriebsarmen Massen bringen. Wenigstens dem Anspruch nach vereint die Idee der Avantgarde Einsicht und Entschiedenheit. Auch die Studienstiftung begrüßte bei ihren Stipendiaten Urteilskraft und Entschlussfreude. Doch ist es ein weiter Weg vom elitären Habitus eines ausgezeichnet Begabten zum autoritären Berufsrevolutionär.

ZEIT: Hätte die Studienstiftung nicht bemerken können, auf welchem weiten Weg die drei waren? Sie hatte in den Jahren der Förderung intensive Kontakte zu den Stipendiaten – durch Gutachter, Mitarbeiter in der Geschäftsstelle der Stiftung sowie "Vertrauensdozenten" genannte Professoren an den Universitäten.

Gallus: Alle drei Stipendiaten hatten ein ausgeprägtes, oft überschäumendes Gerechtigkeitsempfinden – aber das hatten auch viele andere in dieser Zeit. Eine Gutachterin schrieb, Meinhof sei von "existenziellem Ernst" geprägt. Aber ist das ein Indiz dafür, dass jemand Terrorist werden könnte? Es hätte für Meinhof viele andere Wege gegeben, gegen das zu kämpfen, was sie als politisch-gesellschaftlichen Missstand wahrnahm.

ZEIT: In den Akten tritt Meinhofs moralischer Rigorismus hervor, sie "radikalisierte Probleme theologisch" und sah pädagogisches Denken als politisches Denken; ein Gutachter sagte Ensslins Konflikte mit Autoritäten voraus; Mahler begegnete einer Gutachterin mit "fast finsterer Reserve". Sind das nicht Warnsignale?

Gallus: Ich sehe darin noch keine Anhaltspunkte für Terrorismus und Gewalt. Man sieht aber in allen Akten, wie die drei sich politisieren und radikalisieren.

ZEIT: Wie verlief die Radikalisierung?

Zimmermann: Ulrike Meinhof bewegte sich immer stärker in ein linkes Milieu hinein: Zunächst engagierte sie sich in der Anti-Atom-Bewegung, was immer mehr Zeit in Anspruch nahm, ab 1959 schrieb sie für das Magazin konkret . Der Referent der Studienstiftung in Bonn hielt es für "untragbar, dass Fräulein Meinhof so kurz vor dem Abschluss ihrer Dissertation noch mit der Arbeit in einer Redaktion beginnt". Der geschäftsführende Vertrauensdozent der Studienstiftung in Hamburg sprach sich aber dafür aus, die Förderung trotz dieser journalistischen Aktivität zu verlängern. konkret tue auf provozierende Art der konformistischen Masse der Studentenschaft gut. Ein großer Ausweis von Liberalität.

Gallus: Meinhof zweifelt in ihren Berichten zunehmend, wie gefestigt die Demokratie in Deutschland ist. Noch im Juni 1960 jedoch, gegen Ende der Förderung, beschreibt ein Referent der Studienstiftung die "ruhige Sachlichkeit und Klugheit", mit der sie ihren Idealismus vorbringt. Sie wird eine prominente Journalistin, bevor sie Terroristin wird. Ihr Studium beendet sie übrigens ohne Abschluss – gegenüber der Studienstiftung bezeichnet sie sich dann selbst als "schwarzes Schaf".