Wer sich pünktlich mit Bahn-Chef Rüdiger Grube treffen möchte, sollte in diesem Sommer das Auto nehmen. Grube hat die erste Besprechung gegen 10.30 Uhr am Flughafen Frankfurt schon begonnen, als der verschwitzte Reporter durch die Tür kommt. "Entschuldigung, die Bahn hatte Verspätung." Grubes Mitarbeiter grinsen, er lacht: "Kann doch wohl nicht wahr sein."

Recht hat er. Was die Bahn in diesen Monaten an Verspätungen einfährt, ist kaum zu fassen. Eines der – nach eigenen Angaben – weltweit führenden Mobilitäts- und Logistikunternehmen wird es vermutlich fertigbringen, die 174 Millionen Verspätungsminuten aus dem Vorjahr dieses Jahr noch zu toppen. Tag für Tag sind das zwölf Minuten pro Zug.

Für Rüdiger Grube könnte das teuer werden, denn die Bahn-Vorstände werden mittlerweile auch danach bezahlt, wie pünktlich die Züge sind. Die chronische Unpünktlichkeit könnte ihn aber sogar den Job kosten. "Fest im Sattel sitzt er nicht", sagt ein einflussreiches Aufsichtsratsmitglied. "Am Ende entscheidet über seinen Erfolg kein Bilanzgewinn, sondern die Frage, wie zuverlässig die Bahn Menschen befördert."

Eigentlich hätte der Aufsichtsrat längst Grubes Amtszeit verlängern sollen, doch der Bund als Eigentümer zögert. Auch nach der jüngsten Aufsichtsratssitzung blieb unklar, wer die Bahn ab 2017 führen wird. Kronprinz ist der frühere CDU-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, der seit einem Jahr im Bahn-Vorstand ist.

Die Bahn hätte dann einen Vollblutpolitiker zum Chef. Das gab es noch nie seit der Privatisierung. Wie groß der Druck der Politik auf die Bahn noch immer ist, das hat Grube früh erkannt. Er verabschiedete sich gleich nach Amtsantritt 2009 von der Idee des Börsengangs, für die sich sein Vorgänger Hartmut Mehdorn starkgemacht hatte. Der Bürger und nicht die Börse stand für Grube im Mittelpunkt: "Ich habe gleich zu Anfang meiner Amtszeit das Brot-und-Butter-Geschäft zur Priorität erklärt." Und dazu gehört für ihn, na klar, die Pünktlichkeit. Schadlos hat Grube seitdem jeden Konflikt überstanden: Ob Lokführerstreiks oder Stuttgart 21. Doch nun, wo er so gern noch ein paar Jahre dranhängen würde, holt den Bahn-Chef sein altes Versprechen wieder ein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Beim Mitarbeitertreffen am Frankfurter Flughafen will sich Grube darüber informieren, ob die im Herbst verabschiedete Strategie namens "Zukunft Bahn" funktioniert. Ein ganz wichtiges Element ist das Projekt "PlanStart" (siehe Kasten). Grube stützt seine Hände auf die Knie, um besser lesen zu können, was seine 14 Mitarbeiter der Projektgruppe "Steigerung Pünktlichkeit Knoten Frankfurt" auf drei Stellwänden zusammengetragen haben. Eine Überschrift lautet "Ohne die Umsetzung von mittel- und langfristigen Infrastrukturmaßnahmen keine signifikante Verbesserung der Pünktlichkeit". Dann beginnen die Mitarbeiter zu erzählen: vom ungeheuren Verkehr in Frankfurt, davon, dass täglich über 1.000 Züge in den Frankfurter Hauptbahnhof ein- und ausfahren, dass man eigentlich alles neu denken und bauen müsste – für zehn Milliarden Euro. Grube haut das nicht um. Er hört Ähnliches, wenn er nach Hamburg, Köln oder München kommt.

Hier aber haben die Mitarbeiter auch eine gute Nachricht. Sie haben es geschafft, pünktlicher zu werden. In Frankfurt kommen nun 75 Prozent der Züge mit weniger als sechs Minuten Verspätung an, Anfang 2016 waren es noch 65 Prozent. Die Züge stehen kürzere Zeit am Gleis, und schon durch eine kluge Koordination der Zugfolge am Bahnhof konnten weitere Minuten gespart werden. Grube wirkt wie so oft an diesem Tag begeistert, fordert von seinen Mitarbeitern aber zugleich Ehrlichkeit. "Eskalieren Sie lieber heute als morgen!", ruft er seinen Mitarbeitern entgegen. "Es muss uns gelingen, echt!" Dann versammelt er die ganze Truppe zum Gruppenfoto. Er streckt den Daumen hoch und animiert die Kollegen, es ihm nachzumachen, denn "Siegen beginnt im Kopf".

Der Bahn-Chef gibt seinen Mitarbeiterinnen Autogramme auf Bauhelme

Mitarbeiter anderer Firmen würden darüber lachen. Bahn-Mitarbeiter jedoch erfahren wenig Anerkennung. Zumindest dann nicht, wenn sie mit Fahrgästen zu tun haben, die sich dauernd über etwas beschweren. Aufmerksamkeit vom Chef tut den Leuten hier so gut, dass sich an diesem Tag eine Mitarbeiterin ihren orangen Bauarbeiterhelm von Grube signieren lässt, als wäre er ein Popstar.