Es ist eine obszöne Lyrik, mit der die Band Schnipo Schranke Feuilletons und Festivalbesucher verzückt und verstört. Beispiel: "Warum schmeckt’s, wenn ich dich küsse, untenrum nach Pisse?" Rocko Schamoni feierte ihr erstes Album, das zweite soll Anfang kommenden Jahres erscheinen. Es läuft bei dem Pop-Duo. Trotzdem wirken Fritzi Ernst, 27, und Daniela Reis, 28, zu Beginn des Gesprächs in den Räumen des Musiklabels Buback auf St. Pauli erst einmal schüchtern.

DIE ZEIT: Frau Reis, Frau Ernst, in einem Ihrer Songs heißt es: "Berufswunsch: Irgendwas mit fame." Werden Sie inzwischen auf der Straße erkannt?

Daniela Reis: Viele Leute gucken mich lange an, lachen und flüstern dann: "Schnipo Schranke". Manchmal kommt auch was Negatives. Neulich kam mir auf St. Pauli ein betrunkener Mann entgegen und sagte: "Pisse, Pimmel, Fotze – das ist doch alles scheiße." Ich war ganz geschockt. Der hat mich wohl auch erkannt.

Fritzi Ernst: Die negativen Reaktionen halten sich aber in Grenzen.

ZEIT: Haben Sie sich das Berühmtsein so vorgestellt?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 37 vom 1.9. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ernst: Bei mir beißt sich das: der Wunsch nach Aufmerksamkeit, dann auch wieder die Angst vor Aufmerksamkeit. Die Überforderung, so angeguckt zu werden. Früher war ich überhaupt nicht so, ich wollte einfach meine Ruhe haben.

Reis: Für mich war der Wunsch nach fame vor allem ein Wunsch nach einem Platz in der Gesellschaft. Dass die Leute nicht denken: Da kommt der Freak, der Assi. Wenn du in die Augen der anderen siehst und sie dich erkennen, bedeutet das, dass sie dich respektieren. Dass du einen Platz in der Gesellschaft hast, der nicht anfechtbar ist. Dass du ernst genommen wirst.

Ernst: Wir haben uns selbst einen Beruf geschaffen. Das fühlt sich echt gut an.

ZEIT: Können Sie von Ihrer Musik leben?

Ernst: Ja. Nicht in Saus und Braus. Aber wir müssen uns keine Sorgen machen.

Reis: Von Anfang an wurde an uns herangetragen, wie schwierig es heute ist, von Plattenverkäufen zu leben. Entweder bist du megaerfolgreich oder du verschwindest in einer Nische und kämpfst dein Leben lang, bist nie richtig abgesichert. Wenn wir sagen, wir wollen berühmt werden, heißt das auch, dass wir ordentlich verdienen wollen. Nicht, weil wir geldgeil sind. Ich will einfach maximale Sicherheit. Zugleich: Je mehr Geld ich habe, desto mehr Angst habe ich, dass es wieder verschwindet. Dass ich wieder auf null stehe oder im Minus.

ZEIT: Woher kommt diese Existenzangst?

Reis: Das liegt daran, dass ich nie gut arbeiten konnte. Ich habe einfach große Probleme, psychische, und mit der Gesellschaft sowieso. Das ist auch kein Geheimnis: Wenn man eine Band wie unsere gründet, sich selbst einen Beruf schafft, macht man das aus der Not heraus – weil man sich anderswo nicht eingefügt kriegt. Ich hatte immer Probleme, eine Arbeit länger als zwei Wochen zu halten, regelmäßig hinzugehen. Deswegen hatte ich oft Geldprobleme. Ich habe nicht dick geerbt, und da ist auch nichts zu erwarten.

ZEIT: Wann haben Sie das erste Mal mit Musik Geld verdient?

Ernst: An der Musikhochschule in Frankfurt. Wir haben Kinder und Laien in klassischer Musik unterrichtet.

Reis: Ich Cello und Klavier und Fritzi Blockflöte und Klavier.

ZEIT: Was für einen Beruf hat man vor Augen, wenn man sich entscheidet, Blockflöte zu studieren?

Ernst: Ich habe schon als Kind Blockflöte gespielt. Ich wollte Musik machen und dachte, dafür muss ich Musik studieren. Alle sagten: Mit Blockflöte kannst du gar nix reißen, da wirst du bestimmt nur Musiklehrerin. Ich dachte immer, dass ich das für mich mache, weil ich Bock drauf hatte. Ich hatte kein Bild davon, wo das letztlich hingehen sollte. Das war natürlich ein bisschen blauäugig.

Reis: Ich wollte, seit ich ein Kind war, Solocellistin werden. Dafür muss man eine der besten zehn der Welt sein. Da wäre ich nie hingekommen. Und irgendwann war dann klar, dass ich es auch nicht ins Orchester schaffe. Voll die Enttäuschung. Ich hatte überhaupt keine Lust mehr auf klassische Musik.

ZEIT: Ganz grundsätzlich?

Ernst: Du übst den ganzen Tag, und am Ende spielst du ein Konzert. Es kommen immer dieselben Leute, und die sind bald ausgestorben. Wer hat denn da ernsthaft was davon?

ZEIT: Immerhin verdient man als Orchestermusiker nicht schlecht.

Reis: Ja, du verdienst gut. Aber ich brauche mehr Aufmerksamkeit.

Ernst: Ich habe trotz der Frustration das Studium noch fertig gemacht, auch weil ich nicht wusste, was ich sonst machen soll. Eine komische Phase.

ZEIT: Und dann?