Wenn der Kandidat redet, sind seine Gegner angewidert. "Der Senator war vulgär, beinahe Analphabet", klagt ein liberaler Beobachter, "ein einfach zu überführender öffentlicher Lügner, und seine 'Ideen' waren geradezu idiotisch." Seine Bewunderer aber fühlen sich verstanden vom tobenden und scherzenden Redner. Auch wenn sie sich "auf dem Heimweg an nichts erinnern, das er gesagt hat".

Tatsächlich gewinnt der unerfahrene Charismatiker die Wahl mit dem Versprechen, er werde die Amerikaner zurück zu alter Größe führen. Nach der schwersten Wirtschaftskrise ihres Landes setzen seine Wähler keine Hoffnung mehr in den Kongress. Für mehr Wohlstand geben sie gern bürgerliche Freiheiten auf. So beginnt in den USA, begleitet von rot-weiß-blauer Rhetorik, eine faschistische Diktatur.

Die Geschichte entstammt dem 1935 erschienenen Roman It Can’t Happen Here (deutsche Ausgabe: Das ist bei uns nicht möglich) des Literaturnobelpreisträgers Sinclair Lewis. Mit Blick auf Donald Trumps Kandidatur erinnern politische Kommentatoren wie der Watergate-Enthüller Carl Bernstein heute an das Buch: "Denn vielleicht könnte es doch hier passieren."

Der Roman schildert den Aufstieg von Berzelius "Buzz" Windrip vom belächelten Senator aus der Provinz zum mächtigen Gewaltherrscher. Mit unrealistischen Versprechungen besiegt er bei der Präsidentschaftswahl 1936 Amtsinhaber Franklin D. Roosevelt. Im neuen Job knebelt Windrip rasch die Presse, entmachtet den Kongress und hetzt seine Geheimpolizei auf Kritiker. Natürlich allein mit dem hehren Ziel, "Amerika wieder zu einem stolzen, reichen Land zu machen". Anders als Hitler oder Mussolini stilisiert sich der US-Diktator nicht zum Übermenschen, sondern zum patriotischen Mann des Volkes, der leider hart durchgreifen muss. Unfreiheit im Namen der Freiheit.

Die Bevölkerungsmehrheit grollt erst, als der versprochene Wirtschaftsaufschwung ausbleibt. Das Militär putscht, Windrip flieht ins französische Exil. Um die wachsende Unzufriedenheit zu kanalisieren, trommeln die Generale zum Krieg gegen das Nachbarland Mexiko. Die Romanhandlung endet mit dem Ausbruch eines Bürgerkriegs im Jahr 1939.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Lewis hatte beim Schreiben den populistischen Senator von Louisiana, Huey Long, vor Augen. Der Demokrat wollte bei der Präsidentschaftswahl 1936 tatsächlich seinen Parteifreund Roosevelt aus dem Weißen Haus drängen. Mit dem Slogan "Share our wealth" rief er dazu auf, die Macht von Banken und Großkonzernen zu beschneiden und mehr Geld in Infrastruktur und Löhne zu stecken – ohne Steuererhöhungen. Mithilfe eines erfolgreichen katholischen Radiopredigers erlangte er landesweite Aufmerksamkeit, bevor er im September 1935 einem Attentat zum Opfer fiel.

Obwohl sich It Can’t Happen Here allein in den USA 320.000 Mal verkaufte, sind das Buch und sein einst weltberühmter Autor heute weitgehend vergessen. Das hat auch mit dessen Hang zum moralischen Lehrstück zu tun. Lewis scheut sich nicht, als Gegenpart zum Diktator sein Alter Ego ins Spiel zu bringen, den friedfertigen, liberalen Journalisten Doremus Jessup. Der sehnt sich zurück in eine Epoche, "in der nichts modern und neurotisch war", in ein ländliches 19. Jahrhundert, unbefleckt von den Gedanken der großen Menschheitskränker "Freud, Adler, Marx, Bertrand Russell". Zerstörer und Verteidiger der Demokratie berufen sich bei Lewis gleichermaßen auf eine glorifizierte Vergangenheit, um eine verheißungsvolle Zukunft zu beschwören.

Ironischerweise liegt gerade darin der heutige Reiz des Romans. Denn er veranschaulicht: Schon lange vor Trumps Kandidatur haben Millionen Amerikaner in Krisenzeiten ihr Heil nicht in einer "New Frontier" gesucht, sondern in einem verlorenen Paradies. Wer an diese Sehnsucht appelliert, weckt enorme Kräfte – rechte wie linke.

Donald Trump gelingt dies durch den Slogan "Make Amerika Great Again" und Hetze gegen vermeintliche Paradies-Zerstörer: Mexikaner, Muslime, Liberale. Bernie Sanders träumt von den fünfziger bis siebziger Jahren, als hohe Steuern und ein streng regulierter Bankensektor zum Erblühen der US-Mittelschicht beitrugen. Da hat es Hillary Clinton schwer, die sich, dem Fluchtimpuls widerstehend, den Mühen der Gegenwart stellt.