DIE ZEIT: In diesen Sommertagen streitet die laizistische Republik Frankreich um den sommerlichen Burkini muslimischer Strandbesucherinnen. Er sei als Zeichen der Religion im öffentlichen Raum zu verbieten, finden viele Küstengemeinden, aber nun hat das oberste Verwaltungsgericht das Verbot zunächst gestoppt. Was halten Sie von diesem Streit?

Philippe-Joseph Salazar: Das ist ein Kampf der Symbole. Frankreich, mit seiner antireligiösen Tradition des Laizismus, ist heute so sehr entchristlicht, dass es gänzlich verstört über die Rückkehr der Religion auf die politische Bühne ist. Nach französischer Auffassung hat die Religion dort einfach nichts zu suchen. Und der Burkini also auch nicht. Islamisten wiederum verstehen das Burkini-Verbot als Beweis dafür, dass Frankreich den Anhängern des Korans terroristische Vorschriften macht. Das ist Wasser auf ihre Mühlen.

ZEIT: Ihr neues Buch will, dass wir uns mit dem Denken radikaler Islamisten befassen. Wir müssten den "Islamischen Staat" und die Sprache des Terrors verstehen, um ihn bekämpfen zu können, sagen Sie. Was meinen Sie damit?

Salazar: Wir werden über kurz oder lang mit dem Kalifat, wie ich den "Islamischen Staat" nenne, reden und verhandeln müssen. Es ist an der Zeit, dass wir uns von dem westlichen Wunschdenken befreien, das uns auf unseren europäischen Wohlfühlinseln vertraut ist, wo nach all den Kriegsgräueln Frieden herrschen soll. Wir müssen uns intellektuell für diese Gegner wappnen: Wir unterschätzen das Kalifat als kulturelle Macht, wenn wir diese Mörder nur als fehlgeleitete Irre, als wütende jugendliche Verbrecher, als wilde Araber oder als sozial Ausgeschlossene sehen. Weder unser Sarkasmus noch das Wegducken noch die Geringschätzung sind geeignete Haltungen, um diesen Kämpfern zu begegnen.

ZEIT: Sondern?

Salazar: Wir müssen mit Worten zu kämpfen lernen.

ZEIT: Aber warum sollten wir mit Terroristen reden?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Salazar: Fast alle kriegführenden Staaten fangen irgendwann an, miteinander zu reden, auch schon während der militärischen Kampfhandlungen. Aber mir geht es darum, dass wir endlich erkennen: Das Kalifat kämpft nicht nur mit Waffen, es kämpft auch mit Worten, Argumenten. Und zwar rhetorisch und stilistisch versiert. Viele Mitglieder des Kalifats sind gebildete Leute, die gründlich an Koranschulen und Universitäten studiert haben. "Mit der Feder und dem Säbel" gelte es, der Religion beizustehen, so haben sie in den Tagen des Attentats auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in der Zeitschrift Dar al-Islam von Anfang Januar 2015 geschrieben und sich zugleich an die Christen gewandt, dass die ihre Evangelien lesen sollten, ihre Feiertage heiligen, anstatt dem Materialismus des Weihnachtskommerzes zu frönen. Die europäischen Christen, heißt es dort, verrieten die Botschaft Jesu, deshalb sei er ein Prophet des Islams. "Für alles gibt es eine Zeit, eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben", schreiben sie dort in leichter Variation der biblischen Verse, "eine Zeit zu weinen, eine Zeit zu lieben und eine Zeit zu hassen." Diese Menschen sind auch wortgewaltig. Das deutsche Wort "Bildung" beschreibt gut, was die terroristische Propaganda auszeichnet.

ZEIT: Das ist allerdings viel der Ehre. Die Anhänger des Kalifats wollen Ungläubige aufgrund ihrer Lebensform ausmerzen und sind also, wenn sie Straftaten begehen, nach dem Gesetz Verbrecher und müssen verurteilt und bestraft werden.

Salazar: Natürlich sind sie das. Sie müssen meines Erachtens sogar, wenn sie französische Staatsbürger sind, nach dem geltenden Gesetz, Paragraf L331-2 im Code de justice militaire, des Verrats angeklagt werden. Als Staatsgegner. Wir sollten deshalb eine genaue Sprache sprechen: eine bewaffnete Sprache. Wir sollten diese Terroristen Soldaten oder Partisanen nennen und eben: Verräter. Aber das entbindet uns nicht davon, ihre Gedankenwelt und ihre Sprachkunst ernst zu nehmen.