DIE ZEIT: Herr Hitzlsperger, seit ein paar Wochen sind Sie als Berater für den VfB Stuttgart tätig, mit dem Verein wurden Sie als Spieler Deutscher Meister. Suchen Sie den Club noch ab und zu automatisch in der Erstliga-Tabelle?

Thomas Hitzlsperger: Nicht automatisch – aber gewohnheitsmäßig! Ich durfte viele Jahre für den VfB Stuttgart spielen und hatte dort eine sehr gute Zeit. So eine Verbindung hält lange.

ZEIT: Sie begleiten Ihr Team nun in die Provinz, zuletzt nach Sandhausen. Fühlen Sie sich manchmal etwas verloren?

Hitzlsperger: Keineswegs. Die Stimmung hat mir gefallen, das Stadion war zu zwei Dritteln mit VfB-Fans gefüllt. So etwas erlebt man nicht alle Tage.

ZEIT: Wie hoch ist der Qualitätsunterschied zwischen den beiden Ligen?

Hitzlsperger: Der ist schon erkennbar, zumal wir häufig als Favorit ins Rennen gehen und die Gegner sich aufs Verteidigen beschränken. Das ist nicht immer schön anzuschauen.

ZEIT: Sie haben unzählige Saisonstarts erlebt: Wie wichtig ist für einen Fußballer, ob er beim Start spielt und überzeugt?

Hitzlsperger: Der Start ist die grundlegende Motivation für die meisten Spieler, der Anker für die ganze Saison. Da will man aktiv dabei sein – keinesfalls nur auf der Bank. Und wenn doch, dann wünscht man sich bis zum Transferende keine Neuverpflichtung auf seiner Position.

ZEIT: Wurden Sie schon Mal am Ende der Transferperiode transferiert?

Hitzlsperger: Ja, im Januar 2010 vom VfB Stuttgart zu Lazio Rom. Die sportliche Leitung hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich keine Zukunft beim Verein habe. Das kam überraschend, und trotzdem musste ich mich um einen neuen Verein bemühen.

ZEIT: Was bedeutet das konkret?

Hitzlsperger: Ich habe meinen Berater kontaktiert und gesagt, was Sache ist. Von da an habe ich mehrmals täglich mit ihm telefoniert, bis zur Unterschrift in Rom.

ZEIT: Klingt nach einer emotionalen Achterbahn.

Hitzlsperger: Es gab Tage, an denen sah ich mich am Morgen schon bei einem Champions-League-Verein auflaufen und abends dann wieder in Stuttgart auf der Tribüne sitzen.

ZEIT: Welchen Einfluss hat der Spieler selbst auf einen solchen Last-Minute-Transfer?

Hitzlsperger: Eigentlich den kompletten, denn er muss den Vertrag unterschreiben. In solchen Drucksituationen fallen aber Entscheidungen unter dem Einfluss von Beratern, Vereinen, dem gesamten Umfeld. Da bedarf es einer starken Persönlichkeit, um sich nichts Falsches einreden zu lassen. Der Spieler entscheidet am Ende, sonst keiner.

ZEIT: Nach der ersten Runde werden oft schon finale Saisonprognosen gemacht. Was ist der erste Spieltag wirklich wert?

Hitzlsperger: Spieler lassen sich immer wieder anstecken von Spekulationen. Die Experten und Journalisten stellen Fragen, streicheln das Ego für die gewünschte Antwort. Das sorgt für die Stimmung des ersten Spieltags. Leider hält die nur ein paar Tage. Sie kann schon beim geringsten Anlass kippen. Deswegen sollte man sich nicht darauf verlassen.

ZEIT: Schon nach ein paar Spielen heißt es, Ancelotti habe die Bayern von den Fesseln Guardiolas befreit. Macht er die Bayern noch besser, oder ist das ein ungerechtes Nachtreten gegen den besten Trainer der Welt?

Hitzlsperger: Guardiola war gut für Bayern, und Ancelotti ist es auch. Ancelotti gibt sich so, wie man es rund um die Säbener Straße erwartet hat. Und um Guardiola dürfen sich jetzt die Engländer kümmern.