"Gehen wir oben oder unten lang?", fragt mich Christine und zeigt auf eine Brücke mit zwei Etagen. Die Stahlkonstruktion erinnert an den umgestürzten Eiffelturm und verbindet die beiden Nachbarstädte am Ufer des Douro miteinander, Porto und Vila Nova de Gaia.

Ich stütze die Hände in die Hüften. Es ist heiß. Und das, obwohl es schon Abend ist. Mein T-Shirt klebt an meinem Körper. Über die Brücke gehen, das würde bedeuten: drüben durch noch mehr verwinkelte Straßen laufen, noch mehr Fotos machen, noch mehr kommentieren müssen. "Mir ist das echt zu viel", sage ich. "Na gut", antwortet Christine und deutet auf die Touristenrestaurants, die sich auf unserer Flussseite am Ufer entlangziehen: "Wollen wir da quatschen?"

Ich nicke erleichtert. Reden klingt gut – ich will ja ohnehin erst mal wissen, wer Christine ist. Diese Frau in Flipflops und kurzen Jeans, die ich vor wenigen Stunden das erste Mal in meinem Leben gesehen habe. Die Frau, mit der ich hier Urlaub mache.

Gefunden habe ich Christine in einem Forum auf Facebook. "Reisepartner gesucht" heißt es. Knapp 12.000 Mitglieder. Eine von vielen Gruppen, in denen Menschen andere Menschen suchen, um gemeinsam zu verreisen. "Habe eine Woche frei, will an den Strand nach Ägypten, wer möchte mit?", steht da zum Beispiel. Gefolgt von Wünschen zu Alter und Geschlecht des Reisepartners. Die Inserate stammen von Männern und Frauen, von Postabiturienten genauso wie von Pensionären.

Die Welt, sie steht uns offen. Doch manchmal hat der Partner keine Zeit. Oder man ist Single, und so viele Freunde kann man gar nicht haben, dass sich immer ein Begleiter im Bekanntenkreis findet. Die einen haben Kinder, die anderen nicht zur selben Zeit Urlaub. In so einer Situation könnte man alleine verreisen. Aber das erfordert Mut und Kraft. Deshalb gibt es diese Foren – und deshalb war auch Christine dort gelandet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Ich selbst war neugierig geworden, als ich zufällig auf die Seite von "Reisepartner gesucht" geriet: Mit jemand völlig unbekanntem verreisen, hatte ich mich gefragt, kann das funktionieren? Was, wenn man sich nichts zu sagen hat? Was, wenn der andere einem furchtbar unsympathisch ist?

Drei Inserentinnen zog ich in die engere Auswahl, nach Bauchgefühl: Eine Frau wollte 14 Tage durch Turkmenistan reisen – allerdings auf dem Pferderücken, wie sich beim Telefonat herausstellte, und ich kann nicht reiten. Die zweite war eine Studentin, die die Färöer umrunden wollte – das klang mir bei näherer Überlegung zu öde. Und es gab Christine Stangl, 35 Jahre alt, Polizistin aus München. Sie wollte nach Porto, Portwein trinken und sich dann mit dem Mietwagen durchs Land treiben lassen, ohne konkrete Route. Das klang herrlich entspannt.

Wir googelten unsere Namen, studierten unsere Facebook-Profile. Zweimal telefonierten wir auch. Christine erzählte, dass sie wenig Geld ausgeben wolle. Sie plane 30 Euro pro Übernachtung und 20 Euro pro Tag für Verpflegung ein. "Ich bin unkompliziert", sagte sie noch und erzählte außerdem, dass sie katholisch sei. Die Zehn Gebote, die seien ihr wichtig. Sie lachte und kicherte viel.

Jetzt sitzen wir in einem Restaurant in Porto mit Blick aufs Wasser. Der Wind spielt mit den Plastiktischdecken und hebt meine Laune. Wir bestellen Portwein, essen salzige Bohnen, die sich auf Nachfrage als Lupinensamen herausstellen, ein portugiesischer Snack. Wir reden viel. Sehr, sehr viel. Sie kommt vom Land in Bayern, hat Psychologie und Germanistik studiert, "aber ich konnte mit der Freiheit im Studium nichts anfangen." Dann ging sie zur Polizei, dort gefiel es ihr: feste Regeln, feste Arbeitszeiten. Eine ganz andere Welt als meine als freiberuflicher Autor. Trotzdem stellen wir am Ende des Abends fest: Wir verstehen uns gut. Vielleicht liegt es am Portwein, vielleicht am Zauber des ersten Reisetags, aber ach was: Vielleicht ist es auch einfach so.