Keine Fiktion, kein Roman im herkömmlichen Sinne ist 33 Bogen und ein Teehaus. Es ist eine autobiografische Erzählung. Eine wahre Geschichte die vom Fortgehen und Ankommen erzählt, vom Unterwegssein. Von Flucht.

Mehrnousch Zaeri-Esfahani verlässt 1985 mit ihrer Familie ihre Heimatstadt Isfahan im Iran als Reaktion auf die islamische Revolution. Die Autorin ist zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt. Und so beschreibt die erwachsene Zaeri-Esfahani die Revolution und ihre Folgen aus der Sicht des neugierigen Kindes, das sie damals war. Ein Kind, das die Geschehnisse aufmerksam verfolgt, meist aber nicht versteht. Sie fragt nach, die Erwachsenen erklären, das Kind versucht Schlüsse zu ziehen.

Zaeri-Esfahani erzählt, wie die nach dem Sturz des Schahs auch in ihrer Familie herrschende Begeisterung innerhalb kürzester Zeit zerstört wird: Plötzlich ist jegliche nicht religiöse Musik verboten, ebenso wie westliche Filme, Frauen müssen den Tschador, Mädchen ein Kopftuch tragen, und Liebespaare dürfen sich nicht mehr auf der Si-o-Se-Pol, der 33-Bogen-Brücke, treffen. Die Einhaltung all dieser Regeln wird von brutalen Revolutionsgarden kontrolliert, Angst und Misstrauen breiten sich aus. Im Krieg mit dem Nachbarn Irak schickt das Regime Jungen im Teenageralter auf Minenfelder, damit unter ihnen die Sprengkörper explodieren und der Weg für die ausgebildeten Truppen frei ist. Mehrnouschs Eltern fürchten um das Lebens ihres ältesten Sohnes und entscheiden sich zu fliehen. Zunächst in die Türkei und dann, ein halbes Jahr später, über die DDR in die Bundesrepublik. Mehrnousch weiß zu keinem Zeitpunkt, ob das, was die Eltern ihr und ihren Geschwistern als nächsten Schritt ankündigen, wirklich klappen wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Zaeri-Esfahani – der Familienname bedeutet wörtlich übersetzt "Pilger aus Isfahan" – erinnert sich in einer knappen, einfachen, am Duktus des Kindes orientierten Sprache mit gelegentlichen märchenhaft-poetisierenden Arabesken. An einigen Stellen hat ihr Ton auch etwas anekdotenhaft Heiteres, wenn sie zum Beispiel erzählt, wie sich ihre Familie wundert, dass ein deutscher Staubsaugervertreter, dessen Anliegen sie nicht verstehen, ihnen das halbe Wohnzimmer saugt; meist aber erzählt sie von Unsicherheit und Angst, ohne dabei um Mitleid zu heischen. Die Emotionalität der Geschichte liegt weniger im Ton als im Gestus. Man spürt, die Autorin musste sich das Erlebte von der Seele schreiben.

Sicher hat auch ihr Beruf Einfluss auf den Text und die Erzählhaltung gehabt. Die studierte Sozialpädagogin war lange in der Betreuung von Asylbewerbern tätig. Sie kennt das Thema Flucht und Migration somit aus verschiedenen Perspektiven. Sie weiß, wovon sie redet und warum man darüber reden muss. Vor allem weiß sie, was nötig ist, damit eine Flucht "gelingt". Die politischen und strukturellen Voraussetzungen – wie das Asylrecht oder legale Reisemöglichkeiten – sind selbstverständlich wichtig, um überhaupt der Gewalt entkommen zu können. Aber um den Geflüchteten das Gefühl zu geben, wirklich angekommen zu sein, braucht es mehr als Gesetze und Infrastruktur. Dazu braucht es Menschen.

Zum Beispiel Mehrnouschs Lehrerin, die sich im Unterricht besonders um sie kümmert und die dafür sorgt, dass das Mädchen an Schulausflügen teilnimmt, obwohl die Familie kein Geld dafür hat. Oder eine türkischstämmige Mitschülerin, die mit Mehrnousch, die auf der Flucht ein halbes Jahr in Istanbul gelebt hat, Türkisch spricht und ihr so aus der Sprachlosigkeit heraushilft.

Das ist das Erhellende an diesem Buch: Man kapiert, wie es gehen könnte. Vor allem wenn wir von geflüchteten Kindern sprechen. Selbstverständlich ist es auch für sie schwierig, ihre Heimat zu verlassen, aber sie können sich oft viel schneller auf Neues einlassen als Erwachsene. Sie wollen dazugehören, lernen und die neue Welt erobern. In jeder Zeile des Buches spürt man das riesige integrative Potenzial der Kinder. Und man versteht: Man muss ihnen nur die Möglichkeiten geben, es zu nutzen.

Naiv ist dies an keiner Stelle, denn Zaeri-Esfahani erzählt auch von Schwierigkeiten: verständnislose Beamte, aggressive Mitbewohner im Flüchtlingsheim, ausgrenzende Mitschülerinnen. Klar ist aber auch, solches Verhalten entsteht, wenn man die Geflüchteten nicht als Individuen sieht, sondern als Teil einer "Flüchtlingswelle" oder "Flüchtlingsflut". Oder als verwaltungstechnisches Problem. Durch den menschlichen, individualisierten Blick auf ein Fluchtschicksal ist 33 Bogen und ein Teehaus auch eine Aufforderung zur Begegnung mit Geflüchteten. Außerhalb von Literatur, von Angesicht zu Angesicht.

Was solche Begegnungen bewirken können, wissen selbst Rassisten. Ein iranischstämmiger Journalist, der für eine NDR-Reportage einen Monat im mecklenburgischen Dorf Jamel verbrachte, entlockte einem vorbestraften Neonazi folgende Begründung, warum dieser keine Asylbewerber kennenlernen wolle: "Das Problem ist, wenn man sie wirklich kennenlernt, kann man sie nicht hassen!"

Mehrnousch Zaeri-Esfahani: 33 Bogen und ein Teehaus. Peter Hammer Verlag 2016; 148 S., 14,90 €