Vor einigen Jahren fuhren meine Eltern in die Wolfsburger Autostadt und warteten auf ihr gerade gekauftes Auto. Der VW Tiguan war der erste Neuwagen ihres Lebens. Er glitt aus einem gläsernen Turm per Lift hinab zu ihnen auf die Erde. Sie hatten sich für einen Turbodiesel entschieden, weil der für unseren Planeten besonders sauber sein sollte und Diesel weit günstiger war als Benzin.

Seit einem Jahr fühlen sich meine Eltern von Volkswagen betrogen. Und mit ihnen Millionen andere Deutsche, die einen manipulierten VW, Audi oder Porsche gekauft haben.

Am 18. September 2015 kam heraus, dass ein VW-Dieselmotor nur im Labor sauber ist. Auf der Straße waren die Autos Dreckschleudern. Volkswagens großes Täuschungsmanöver hat aber nicht nur das Vertrauen der Autokäufer erschüttert. VW hat zugleich eindrucksvoll bewiesen, dass der Dieselmotor im Auto keine Zukunft hat. Er ist zu schmutzig in einer Zeit, in der sich die Welt, wie Anfang dieser Woche beim G20-Gipfel in China, ernsthafter als bisher um Klimaschutz bemüht. Und der Weg zu diesem führt, nun ja, über die Straße.

Die deutschen Käufer wenden sich schon ab. Aber der Staat hält den Diesel am Leben

Wenn es eine Chance gibt, die Volkswagen und andere Hersteller ergreifen sollten, dann liegt sie in einem radikalen Bruch mit dem Dieselantrieb. Die Zukunft wird elektrisch sein, die Brückentechnologie dahin ist das Hybridauto – ein Benziner mit Batterie, die für kurze Fahrten reicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Die deutsche Autoindustrie hat sich verzockt. Die Ingenieure haben sich dafür gefeiert, dass die Motoren immer leistungsstärker wurden und zugleich immer weniger Dieselkraftstoff verbrauchten. Verschwiegen haben sie, dass die Laborwerte nichts mit dem echten Leben zu tun haben.

Getrickst haben fast alle, es ist ein Kollektivversagen. In manchen Mercedes schaltete sich die Abgasreinigung ab, sobald die Temperatur unter vier Grad Celsius fiel. Bei Opel reichten dafür 17 Grad. Das mag gesetzlich in Ordnung sein. Doch es ist Betrug am Kunden. Nicht im strafrechtlichen, ganz sicher aber im moralischen Sinne. Die Käufer wurden vorsätzlich für dumm verkauft.

Wenn aber alle namhaften Hersteller – wie die Deutsche Umwelthilfe gerade noch einmal eindrucksvoll mit Tests belegte – die Abgaswerte ihrer Dieselmotoren frisierten, warum sollten Autofahrer sich noch für diesen Antrieb entscheiden?

Die Wahrheit ist: Sie wenden sich schon ab. Im August war der Anteil von neu zugelassenen Dieselautos am Gesamtmarkt so niedrig wie zuletzt 2012 – und das, obwohl die Hersteller ihren Kunden großzügige Rabatte gewähren.

Die Käufer haben bereits verstanden, was die Industrie sich noch nicht eingesteht. In der Autowelt etablierte sich ein System, dessen Erfolg auf einer Lüge basierte. Der Lüge vom sauberen Diesel. Diese Tatsache kleinzureden liegt für die Hersteller nahe. Aber wann, wenn nicht jetzt, könnte sich die deutsche Autoindustrie neu erfinden?