Genies, besonders musikalische, bleiben letztlich unbegreiflich. Selbst dann, wenn das Genie aus der Familie Bach stammt, die schon vor Johann Sebastian Bach generationenlang Musiker von eigenständiger Klasse hervorgebracht hat und diese Tradition noch einmal in ihren Söhnen fortsetzt. Selten kann und will man die Spuren zum "Genie der Familie", wie Jean Paul Sartre über Gustave Flaubert formulierte, aber so gern und gut verfolgen wie bei den Bachs.

Sich auf die Fährten der Bachs vor Bach zu begeben, hat Volker Hagedorn, passionierter Bratscher und formidabler Musikkritiker (auch für die ZEIT) unternommen. Es ist eine ungemein lohnende Recherche geworden, sie führte kreuz und quer durch Thüringen von Wechmar nach Ohrdruf, von Eisenach nach Erfurt, von Arnstadt sogar bis ins fränkische Schweinfurt, sie führt letztlich zum sogenannten Altbachischen Archiv, zu den musikalischen Hinterlassenschaften, die von Johann Sebastian Bach selbst gesammelt wurden, Stücke seiner Vorfahren, deren Qualität jeden überzeugten. Heute lagert das Archiv versteckt in der Berliner Staatsbibliothek.

Herausgekommen ist bei dieser Recherche eines der vergnüglichsten, spannendsten, sogar poetischsten Bücher, in denen Musik und ihre Protagonisten im Mittelpunkt stehen. Hagedorn versteht es, tatsächlich die Geschichte der verschiedenen Bachs vor Johann Sebastian Bach so zu erzählen, dass niemand zu lesen aufhören möchte, bevor er nicht vor der Tresortür zum Altbachischen Archiv zu stehen glaubt. Dabei scheut sich Hagedorn nicht, erfindungsreich die nur rudimentär überlieferten Lebensläufe der Vor-Bachs zu vitalisieren und anzureichern im Stile eines wohlüberlegten "So könnte es gewesen sein". Dabei bewegt er sich auf mindestens drei Ebenen: der Geschichte des jeweiligen Bach, soweit dessen Vita überhaupt greifbar ist; des sozialhistorischen Umfeldes bis in Behausung, Sitten und Gebräuche hinein und der politischen Geschichtslage; schließlich jener musikalischen Ereignisse, wie sie in den überlieferten Partituren erfahrbar sind, wenn sie zur Aufführung kommen.

Nie vergisst Hagedorn, seine Quellen und Wege, seine Begegnungen und Vermutungen, seine Erlebnisse und Überlegungen offen darzulegen. So gelingt ihm etwas, was man sonst fast nur aus englischsprachiger Sachbuchliteratur kennt: Hier erzählt einer einen "Roman" ohne Fiktion, aber mit der Freude an einer flüssigen, wortgewandten, vielschichtigen Darstellung. Alles ist hieb- und stichfest bis in Redewendungen hinein, der Anmerkungs- und Nachweisapparat könnte einschüchternd sein, würde daraus nicht so viel Erhellendes und Unterhaltsames gezogen.

Also folgt man Hagedorn in die thüringischen Städte und ins familiäre Dickicht der vielen musizierenden, dabei lebensfrohen Bachs, erfährt von Essen und Trinken genauso wie von der Harnabgabe für die Färber am Stadttor von Erfurt. Man fühlt sich umringt von Frauen und Kindern, trauert, wenn viele, kaum geboren, schon wieder abberufen werden. Denn es sind furchtbare Zeiten, in denen die Bach-Musiker zu überleben versuchen und ihren Pflichten als Stadtpfeifer, Kantoren und Organisten nachgehen: Der Dreißigjährige Krieg verwüstet Land, Dörfer und Städte. Hagedorn lässt Grimmelshausen zu Wort kommen, weil das Grauen der Mordbrennereien, Vergewaltigungen und sonstigen Bluttaten nie besser, in geradezu surrealistisch übersteigerter Komik, lebendig wird als in Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus.

Hagedorn zitiert jene Gedicht- und Verstexte, die die Bachs vertonten, wenn sie etwas über Zeit und Stimmung aussagen. Er schildert die Pest und nutzt Alessandro Manzonis treffliche Beschreibung des schleichenden Beginns der tödlichen Krankheit in dessen berühmtem Roman Die Verlobten. So bildet dieses Buch seine Leser ganz nebenbei weit über die Bachschen Familienwirren hinaus, weil Hagedorn keiner Versuchung widersteht, mehr und tiefgründiger darüber zu erfahren, wie es diesem durchaus selbstbewussten Clan erging, bis der Größte den Plan betritt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Das Buch endet mit der Irrfahrt des Altbachischen Archivs, und man trifft unterwegs auf so knorrige Gestalten wie den Goethe-Freund Carl Friedrich Zelter oder den selbst unbegreifbar genialen Zauberjüngling Felix Mendelssohn, der nach langer Vergessenheit mit der Neuaufführung der Matthäus-Passion den Thomaskantor Johann Sebastian in jenes Licht der Aufmerksamkeit zog, das bis heute auf ihm und seinem Werk ruht.

Damit sind auch seine begabten familiären Vorläufer ins Helle geraten. In Volker Hagedorn haben sie einen Propheten gefunden, der die Veits und Hanse, die vielen Johanns, auch Heinrichs und Christophs so nahebringt, dass man ihnen gern in die Augen schauen würde. Auf jeden Fall versteht man nun, warum die Thüringer, ob Fürsten oder Stadtmagistrate, so scharf darauf waren, einen Bach für ihre Musik zu haben.

Volker Hagedorn: Bachs Welt. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016; 416 S., 24,95 €, als E-Book 21,99 €