Ein heiterer Tag in Berlin, im Konferenzraum türmen sich üppige Fruchttörtchen auf dem Tisch. Die Gäste langen zu wie beim Kaffeekränzchen. Die heitere Atmosphäre wird sich zwischenzeitig trüben, denn es geht an diesem Nachmittag um ernste Themen. Sollten Gesundheitswissenschaftler mit ihren Prognosen recht behalten, wird jeder zweite Babyboomer an Krebs erkranken. Mit drei Experten reden wir über neue und alte Therapien, über Hoffnungsträger und heikle Fragen: Bekommen die Deutschen zu viel Chemotherapie? Wann sollte man auf sie verzichten? Und was zählt, wenn der Krebs wiederkommt?

ZEIT Doctor: Noch immer macht die Diagnose Krebs den Menschen große Angst. Die Fachleute schwärmen nun jedoch von enormen Fortschritten in der Therapie: Barack Obama hat in seiner letzten Rede an die Nation sogar prophezeit, dass wir Krebs in naher Zukunft besiegen können. Bricht ein neues Zeitalter in der Medizin an?

Onkologe: Die Losung vom nahen Sieg über den Krebs haben die Amerikaner schon einmal ausgegeben – das war kurz nach der Mondlandung, in den siebziger Jahren. Doch davon sind wir bis heute sehr weit entfernt.

Hämatologe: Ich halte Obamas Behauptung für unrealisierbar und daher für unethisch.

ZEIT Doctor: Aber die Heilungsraten bei Krebs steigen ja seit Jahren kräftig an.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Palliativmedizinerin: Das stimmt. Wir haben heute phänomenale Heilungsraten bei Kindern – bei etlichen Tumorarten liegen sie bei 90 Prozent.

Onkologe: Wir sind heute an vielen Stellen erfolgreicher, bei den Operationstechniken, bei Früherkennung und Vorsorge und auch beim Einsatz der Medikamente: Hodentumoren, Keimzelltumoren oder Lymphome können wir inzwischen bei einem großen Teil der Patienten heilen, und das übrigens weitgehend mit altbewährten Chemotherapeutika.

ZEIT Doctor: Um welchen Preis? Die herkömmliche Chemo hinterlässt oft einen erheblichen Flurschaden. Manch einer fürchtet die Therapie fast so sehr wie die Erkrankung selbst.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Onkologe: Es gibt in der Tat ein Riesenproblem mit Störungen am Nervensystem bei Patienten, die eine Chemo nach der Brustkrebs- oder Darmkrebsoperation bekommen. Aber es hat sich auch sehr viel geändert: durch die sogenannte supportive Therapie. Sie macht die Behandlung erträglicher und ungefährlicher. Chemotherapie vor 30 Jahren war definitiv anders als heute. Denken Sie an Cisplatin, eines der wichtigsten Chemotherapeutika überhaupt. Das ist ein reines Brechmittel gewesen, es hat die Nieren kaputt gemacht, und als es eingeführt wurde, dachte ich, oh Gott, das kann man doch nicht auf Menschen loslassen. Man hatte Patienten, die sich zwei Tage lang alle halbe Stunde erbrochen haben. Heute können wir diese Übelkeit mit Medikamenten eindämmen. Wir haben Patienten, die während der Therapie arbeiten und ein ganz normales Leben führen. Und das ist ein Erfolg der supportiven Therapie.

ZEIT Doctor: Nun heißt es, eine neue Medikamentengeneration werde die Chemotherapie ablösen. Die Fachwelt feiert die neuen Immuntherapien als revolutionären Ansatz.

Onkologe: Die Immuntherapien sind ein alter Traum der Krebsmediziner. Und es ist ja auch ein naheliegender Gedanke, das eigene Immunsystem auf den Krebs anzusetzen. Der Überlebenstrick der bösartigen Zellen besteht darin, sich zu tarnen, sodass die Körperabwehr sie nicht attackiert. Durch die neuen Mittel erkennt das Immunsystem die Krebszellen jetzt als Feinde. Aber man steht mit diesen neuen Therapien erst ganz am Anfang. Sie wirken bislang bei einigen Formen von fortgeschrittenem Krebs in Haut, Lunge und Niere und bei einer bestimmten Art von Leukämie.

ZEIT Doctor: Manche Patienten leben nun viele Jahre länger dank dieser Medikamente.

Hämatologe: Ja, aber im Schnitt sind es doch nur wenige Monate. Auch wenn es unbestreitbar deutliche Fortschritte gibt – bisher profitiert bloß eine kleine Gruppe von Patienten davon. Und wir reden hier auch nicht von endgültiger Heilung.

ZEIT Doctor: Warum sind dann so große Hoffnungen mit den neuen Immuntherapien verknüpft?