Der Roman Das Pfingstwunder ist eine Art Gottesbeweis. Doch anders als die berühmten philosophischen Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, legt Sibylle Lewitscharoff eine literarische Begründung vor. Ihre Pointe ist ein ebenso unwahrscheinliches wie plastisch beschriebenes Wunder: Just in dem Augenblick, da die Glocken des Petersdoms das Pfingstfest einläuten, werden die Teilnehmer einer wissenschaftlichen Dante-Tagung in Rom von einer Verzückung ergriffen. Sie reden in Zungen, erklimmen die Fensterbänke des Sitzungssaals und fliegen hinauf in den römischen Abendhimmel.

Ein Wunder, streng genommen, beweist gar nichts. Das ist dem Erzähler sehr wohl bewusst. Und doch ist der 62 Jahre alte Dante-Forscher Gottlieb Elsheimer von dem "Vorkommnis", wie er es nennt, tief verstört. "Wunder in seinem radikal emphatischen Sinn nehme ich ungern in den Mund. Es ist mir zu groß. Wenn ich Wunder sage, komme ich mir verloren vor."

Am meisten verstört ihn die Tatsache, dass er als einziger von 34 Kongressteilnehmern zurückgeblieben ist. Weshalb war er der Himmelfahrt nicht würdig? Weil er ungläubig ist? Gleich zu Beginn bekennt er, dass er den Kinderglauben an Jesus längst verloren hat. Behalten hat er allerdings das Gerechtigkeitsgefühl: "Ist es etwa gerecht, dass an so vielen Orten der Welt die Menschen auf übelste Weise verrecken, dass sie verhungern, vergast, erschossen, erschlagen, aufgeschlitzt oder gefoltert werden bis zum Wahnsinn? Und Gott schaut einfach zu?"

Das Problem der Theodizee lässt ihn nicht los, und die Hoffnung der Gläubigen auf ein schönes Jenseits kommt ihm lächerlich vor. Da allerdings nimmt er seinen Dante nicht ernst genug, geht es doch in der Divina Commedia genau darum: um die Belohnung der Guten im Himmel und die Bestrafung der Bösen in der Hölle. Elsheimers Mangel an Nachfolgebereitschaft, an Begeisterungsfähigkeit führt dazu, dass er verstockt dahockt, während sich die Kollegen von Dantes Visionen packen lassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Es ist eine ziemlich schräge Konstruktion, die sich Sibylle Lewitscharoff hier ausgedacht hat. Aber sie ist nicht schräger als die von Dante. Er entwirft eine gewaltige fantastische Gegenwelt, unbekümmert um Wahrscheinlichkeiten. Das 1321 vollendete Werk umfasst einen Prolog sowie dreimal 33 Gesänge mit insgesamt 14.233 Versen, gebündelt in gereimte Dreizeiler, in Terzinen.

Und so, wie sich Dante von dem großen Vergil in die Spiralen des inferno hinabführen lässt, so folgt Sibylle Lewitscharoff dem großen Dante in die Hölle und dann hinauf auf den Läuterungsberg. Auch sie schert sich wenig um Wahrscheinlichkeiten. Sie konstruiert das ideale Symposium, dessen Teilnehmer aus allen Ländern kommen, von Schweden bis Argentinien, von China bis Korea und natürlich Italien. Alle sind sie "dantefromm", referieren Gesang für Gesang, kommen einander immer näher, bis sie in einen kollektiven Rausch der Identifikation geraten. Sie werden nicht durch die Nachfolge Christi erlöst, sondern durch den Glauben an Dante. Die christliche Religion wird durch die romantische Kunstreligion überhöht und ersetzt.

Die Geschichte hat Gottlieb Elsheimer derart gebeutelt, dass er seine Frankfurter Wohnung nicht mehr verlässt, kaum noch etwas zu sich nimmt und in einem Delirium der Erinnerung versinkt. So kommt es, dass sein Tagungsbericht ziemlich durcheinandergerät, doch Lewitscharoff gelingt es, das Chaos zu ordnen. Über weite Strecken hin verschwindet der Unterschied zwischen dem Erzähler und der Autorin völlig, so etwa, wenn sie die zahlreichen deutschen Übersetzungen durchmustert und rezensiert. Sogar die schwer lesbare von Rudolf Borchardt findet ihr Gefallen, während sie von Prosaübersetzungen rein gar nichts hält. Lebhaft diskutiert sie theologische Fragen wie etwa die, weshalb Vergil auf dem Gipfel des Purgatoriums verabschiedet wird. In den Himmel darf er nicht, weil er kein Christ ist. Aber dafür kann er doch nichts, oder?

Gelegentlich also hadern Elsheimer und Lewitscharoff mit ihrem Dante. Es entgeht ihnen nicht, dass sich der Dichter gottähnliche Macht anmaßt, indem er seinen Zeitgenossen, je nach dem Grad ihrer Verfehlung, die Strafen zuweist. Am ärgsten finde Dante den Verräter, denn im Verrat stecke "das spitzfindig Böse". Und doch, so die Autorin, könne Verrat notwendig werden, siehe Stauffenberg, siehe Edward Snowden.

Dieses überaus kluge Buch ist kein Roman im Sinne einer romantisch-illusionären Fiktion. Es hält sich an die Tradition der lehrhaften, traktathaften Literatur. Weil Sibylle Lewitscharoff mit nicht enden wollender Liebe und Leidenschaft die ganze Landschaft der Commedia vor uns ausbreitet, folgt man ihr mit einigem Vergnügen.

Das Vergnügen wird jedoch dadurch gemindert, dass sie die Fiktion des Kongressberichts allzu sehr strapaziert und sogar einen Hund possierliche Kommentare zu den Referaten vorführen lässt. Mit ihrer überdrehten Lebhaftigkeit wirkt sie zuweilen wie eine Lehrerin, die schläfrige Schüler auf Trab halten will. Der Roman ist allein ihrer Konstruktionsfantasie entsprungen, und wer die Commedia liebt oder zu lieben begehrt, sollte sich ihrer Führung anvertrauen. Doch wer mit Dante nichts am Hut hat, sollte Lewitscharoffs andere Bücher lesen, zum Beispiel die bizarre Romanfantasie über den Philosophen Hans Blumenberg (2011).

Lewitscharoff lässt das Wunder just in dem Moment passieren, da sich der Kongress mit den himmlischen Gesängen befassen müsste. Die Dante-Forscher werden also ihre Tagung im Paradies vollenden müssen. Gnade den himmlischen Heerscharen!

Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder. Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2016; 350 S., 22,– €