Es waren die Drehbuchautoren des New Hollywood, die seit dem Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Erzähltechnik der "background story" perfektionierten. Sie statteten ihre Figuren, etwa Bonny und Clyde oder Harold und Maud oder Little Big Man, mit erfundenen Erlebnissen aus, die wie aus einem abgedunkelten Bühnenhintergrund heraus die Handlungen und Gefühle der fiktiven Personen steuerten, während Schauspieler sie vor der Kamera und schließlich in den Bildern auf der Leinwand verwirklichten. Die geisterhaften Dramen einer unsichtbaren Hintergrundgeschichte gaben der im Vordergrund erst Tiefe und Lebendigkeit.

Die Lieder Bob Dylans funktionieren mit ihrem Reichtum an einprägsamen Bildern, romantischen Figuren und geheimnisvollen Handlungen ähnlich wie gesungene Filme. Seit amerikanische Kulturhistoriker begonnen haben, die Songpoesie Bob Dylans mithilfe philologischer, mikrohistorischer und volkskundlicher Methoden wissenschaftlich ernst zu nehmen, weiß man, dass die Figuren, Geschichten, Anspielungen und Zitate seiner musikalischen Lyrik aus einem poetischen "background universe" heraus gesteuert werden. Dieser Hintergrund besteht aus Lektüreeindrücken, Kindheitserinnerungen, Zitaten, Filmen, kollektiven Träumen, politischer Prophetie, Volksfrömmigkeit, historischen Kriminalfällen, Geistergeschichten und allerlei halb vergessenen musikalischen und literarischen Genres. Der einzelne Song ist nur die Spitze dieses Eisbergs. Ein paar Minuten lang ist er hörbar als eine vergängliche und gleichsam vorläufige Mitteilung aus jenem inneren Kontinent. Es ist leicht zu verstehen, dass der unsichtbare Zwillingsplanet aus Anspielungen, der Dylans Werk mit poetischer Energie versorgt, so differenzierte philologische Spurenleser wie Greil Marcus und Sean Wilentz zu großen Büchern inspiriert hat. Der Nobelpreis für Literatur mag an Bob Dylan bisher vorbeigegangen sein. Aber es ist wertvoller als acht Millionen schwedischer Kronen, dass sein Werk schon jetzt "the best minds of my generation" (wie es im Hauptwerk seines Jugendmentors Allen Ginsberg heißt) intensiv beschäftigt. Zu ihnen zählt seit einiger Zeit auch der deutsche Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Akademiepräsident Heinrich Detering, der jetzt eine inspirierende und scharfsinnige Monografie zu Dylans Spätwerk vorgelegt hat – Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele.

Detering geht von einem merkwürdigen und sogar ein bisschen unheimlichen Phänomen aus. Spätestens seit seinem Album Love and Theft bestehen Dylans Songtexte und die Dialoge seines Films Masked and Anonymous (2003), manche Interviews oder die Moderationstexte seiner Theme Time Radio Hour und sogar viele Melodien aus Zitaten. Es ist, als verstünde sich der Dylan des Spätwerks als spiritistisches Medium, das nicht mehr als er selbst spricht, sondern mit den Stimmen der Tradition – und der Toten. "I am large, I contain multitudes" – diese Zeile Walt Whitmans hat der späte Dylan zu seinem poetisch-musikalischen Prinzip erhoben. Die amerikanische Kultur, sagte Dylan in einem Interview, sei "filled with rambling ghosts and disturbed spirits. They’re all screaming and forlorn. It’s like they are caught in some weird web – some purgatory between heaven and hell and they can’t rest. They can’t live, and they can’t die. It’s like they were cut off in their prime, wanting to tell somebody something. It’s all over the place."

Dylans spiritistisch-poetisches Verfahren ist bisher vor allem als Kommentar zur amerikanischen Geschichte und Kulturgeschichte gelesen worden. Greil Marcus’ Buch The Old Weird America (2011) verfolgte die Einflüsse der Basement Tapes bis ins 19. Jahrhundert zurück. Sean Wilentz’ Bob Dylan in America erforschte die Verbindungen Dylans zur kommunistischen Partei der USA, zu den Beat Poets und zum abstrakten Expressionismus. Eric Lott stellte in Love and Theft (nach dem Dylan sein Album von 2001 benannte) die Anregungen der karnevalistisch-dramatischen Volkskunst der Black Face Minstrel Shows in den Vordergrund. Heinrich Detering konzentriert sich in seinem Buch jetzt auf den Nachweis, wie differenziert und originell Dylan die europäische literarische Tradition in seinem Werk verarbeitet hat. Denn nicht nur vergessene Volksmusiken und andere apokryphe Traditionen der amerikanischen Populärkultur spuken in seinem Spätwerk. In überraschend langen und wörtlichen oder fast wörtlichen Passagen finden sich auch Peter Greens und Robert Fagles’ kürzlich erschienene Neuübersetzungen Ovids, Äschylus’, Sophokles’ und Homers. Detering zeichnet die ingeniösen Verfahren nach, mit denen Dylan sie zeitgenössisch formatiert. Ein literarisches Readymade-Verfahren wird sichtbar, das Dylan bei seinen Sechziger-Jahre-Zeitgenossen Marcel Duchamp und Andy Warhol abgeschaut zu haben scheint.

Höhepunkte in Deterings glanzvollem Buch sind die Rekonstruktion des Petrarkismus in Blood on the Tracks und dessen Wiederaufnahme in Dylans Sinatra-Neuinterpretation auf seiner letzten Platte. Oder der Nachweis der Verwandtschaft von Dylans spiritistischem Verfahren mit der Intention des New Historicism ("Es begann mit dem Wunsch, mit den Toten zu sprechen", schrieb Stephen Greenblatt). Und natürlich die titelgebende Interpretation des Films Masked and Anonymous und seiner musikalischen Spin-offs als postmoderne Mystery-Plays – Wiederaufnahmen also einer spätmittelalterlichen Volkstheater-Tradition, von der man annehmen kann, dass auch der junge Shakespeare sie gesehen hat. Aus diesen so volkstümlichen wie lehrhaft-allegorischen Dramatisierungen der mittelalterlichen Totentanz-Tradition leitete der große Dramatiker innere Kräfte und Wildheiten der dunklen Jahrhunderte in die europäische Hochliteratur, die Bob Dylan in der Spätmoderne als Kommentar zu unserer Gegenwart aufnimmt. Diese von Heinrich Detering gezeigte Verbindung gehört zu den seltenen Punkten, an denen die Literaturwissenschaft zu einem allgemeinen Bildungsgut wird und zeitgenössische Relevanz gewinnt. Ein größeres Kompliment kann man einem philologischen Buch kaum machen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Zu warnen ist trotzdem vor einem Missverständnis, dessen sich Detering selbst in seinem Buch zwar nicht schuldig macht, dem aber manche Dylanologen unter seinen Lesern aufsitzen könnten. Gemeint ist die Verwechslung der philologisch erforschbaren Hintergrundbühne mit der Kunst Bob Dylans, die immer noch auf der Vorderbühne spielt. Der Ursprung einer Kunstform ist etwas nicht Ableitbares. Das Wichtige am Ursprung ist der Sprung. Das "background universe" ist nicht die wahre Kunst Bob Dylans oder deren "eigentliche Bedeutung". Die ist aufbewahrt im ewig jungen Universum seiner Alben und Konzerte. Der richtige Gebrauch dieses Buchs, das Dylan-Fans mit Herzklopfen verschlingen werden, besteht deshalb darin, es im richtigen Moment zuzuklappen und zu den wahren Quellen zu gehen. Die tun sich auf, wenn Like a Rolling Stone mit dem berühmten pistolenschussartigen ersten Drumbeat einsetzt oder Dylans Gesang auf Gotta Serve Somebody mit jenem seltsam brüchigen "You may be an ambassador to England or France". Daran muss man sich gerade als Leser einer so brillanten Untersuchung wie derjenigen Heinrich Deterings erinnern.

Heinrich Detering: Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele; C. H. Beck, München 2016; 256 S., 19,95 €