Im Welser Gemeinderat äußern manche einen hämischen Verdacht: Bürgermeister Andreas Rabl freue sich derzeit genauso wie Norbert Hofer über die Annullierung von Alexander Van der Bellens Sieg in der Präsidentschaftswahl. So sehr habe es den ehrgeizigen Rabl geärgert, dass sein Parteifreund bei der Bundespräsidentenwahl am 22. Mai in Wels hinter dem Grünen landete.

In der kommunalpolitischen Topografie leuchtet Wels als blauer Klecks, es ist die größte FPÖ-regierte Stadt Österreichs. Fast logisch scheint da, dass Hofer und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache an diesem Samstag im Festzelt Schloss Eggenberg bei der Welser Messe ihren "Wahlauftakt" veranstalten werden. Ein blaues Heimspiel, dank Andreas Rabl.

Ähnlich wie Kandidat Hofer gilt der Jurist als gewiefter Stratege. Selbst seine Gegner bescheinigen ihm Beharrlichkeit und Fleiß, wenn auch gepaart mit einem Hang zu Akribie und Kontrollwahn. Bei Terminen am Freitagnachmittag läuft Rabl persönlich die Stiege runter und öffnet die Rathaustür. "Wenn man die Stadtschlüssel bekommen hat, muss man in der Früh aufsperren und am Abend abschließen", sagt Rabl wie im Scherz. Aber irgendwie ist es keiner, er ist wirklich der Letzte im Magistrat.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Rabl, braver Seitenscheitel, randlose Brille, schwärmt, wenn er von seinem Amt spricht. Bürgermeister zu sein nennt er einen "Lebenstraum". Er arbeite gut 80 Stunden in der Woche, 15 Termine täglich. Die Anteile seiner Rechtsanwaltskanzlei hat er nach seiner Wahl im Herbst verkauft, um Wels von Grund auf zu reformieren und sich mit voller Kraft dem Posten zu widmen. Kritiker sagen, genau das sei das Problem.

Mit 60.000 Einwohnern ist Wels die zweitgrößte Gemeinde Oberösterreichs, Messestadt, Verkehrsknoten. Fast zwei von drei Welsern stimmten im vergangenen Oktober für Rabl, der geschlagene SPÖ-Kandidat Hermann Wimmer trat nach der Stichwahl zurück. Nun bastelt Rabl mit blau-schwarzer Mehrheit unter anderem an einer großen Reform des Magistrats. Auch Kürzungen in den Bereichen Soziales, Kultur und Sport sind vom Gemeinderat bereits beschlossen. Außerhalb von Wels drängen sich Fragen auf, die über den kommunalpolitischen Tagesbetrieb hinausreichen. Wie verändert ein freiheitlicher Bürgermeister eine Stadt? Wandelt sich das politische und gesellschaftliche Klima? Wie kann der Vertreter einer Partei, die Flüchtlinge und Ausländer regelmäßig an den Pranger stellt, integrierend wirken?

Der Ausländeranteil in Wels liegt bei 23,76 Prozent. Während des Jugoslawienkriegs kamen Tausende Flüchtlinge. "Heute wissen wir, dass der Zuzug mit all den Problemen viel zu rasch vor sich ging", räumte der sozialdemokratische Altbürgermeister Karl Bregartner einmal ein. Das Thema Integration nennt Rabl als das drängendste in Wels. Gern hätte der Bürgermeister dabei mehr Spielraum, doch vieles bestimmen Land und Bund. Zu seinem Plan, Ausländern aus Drittstaaten, deren Kinder trotz Sprachschwierigkeiten nicht mindestens zwei Jahre in den Kindergarten gehen, das Schulstartgeld zu kürzen, ergänzt er: "Bundespolitisch würde ich auch die Kinderbeihilfe streichen."

Durchgreifen kann Rabl im Magistrat. Er will nicht nur langfristig einige der rund 1.500 Stellen "durch natürlichen Abgang" einsparen, sondern auch Abteilungen schließen und neue gründen. Unter seiner Ägide wurden 70 befristete Dienststellen nicht verlängert. Lehrlinge werden derzeit keine aufgenommen. Gespart wird auch im Kleinen: Die Büros des Magistrats werden nur mehr jeden zweiten Tag geputzt. Die Fahrzeuge der Gemeinde wurden mit GPS-Sendern versehen, sodass die Routen von Müllautos oder Schneepflügen überprüft werden können. Außerdem überlegt Rabl, das Büro für Frauen, Integration und Gleichbehandlung aufzulösen und eine Abteilung für Integration zu schaffen. Dieses soll dann von einem ÖVP-Mann statt der bisherigen SPÖ-nahen Leiterin geführt werden, berichteten die Oberösterreichischen Nachrichten .

Kurz nach Amtsantritt ließ der Bürgermeister Überwachungskameras in der Stadt installieren

Kurz nach seiner Wahl veranlasste Rabl, dass nur mehr Mitarbeiter der sogenannten Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit und politische Referenten offizielle Statements abgeben dürfen. Ein Maulkorb sei das nicht. "Es steht jedem frei, seine Meinung zu äußern, aber nicht als Magistratsbediensteter, sondern als Bürger", sagt Rabl. Das sei im Übrigen in Linz, St. Pölten oder Wien nicht anders. Solche Städtevergleiche stellt der 43-Jährige, der einst Jörg Haider zum BZÖ gefolgt war und später zur FPÖ zurückgekehrt ist, öfter an. Er legt viel Wert darauf, dass Wels auch unter blauer Flagge eine ganz gewöhnliche Stadt sei und eine unbedenkliche Entwicklung nehme.