"Jesus ist als Wort gekommen, nicht als Rock oder Socke." Der ehemalige Superindendent Christof Windhorst bringt es auf den Punkt, was den Konfirmanden jahrhundertelang eingehämmert wurde wie der Wittenberger Kirchentür die 95 Thesen Martin Luthers. Allerdings ist inzwischen bekannt, dass dessen Anschlag so polternd nie stattfand, sondern als artiges Dienstschreiben an seinen Landesfürsten gerichtet war.

Wie die Kirchentürthese fallen auch andere protestantische Bastionen. Aufgeweicht ist längst das Luthersche Diktum, dass Reliquien "all tot Ding seyen". Vom Wort allein wird der religiöse Mensch nicht mehr satt, selbst der kargheitsgestählte evangelische nicht. Die Botschaft hört er wohl, aber ihm fehlt etwas zum Glauben. Auch wenn es die EKD nicht gerne hört vor den Lutherfeierlichkeiten 2017: Aus der katholischen Heiligenverehrung erwuchs ein Personenkult um den kecken Mönch, der im 19. Jahrhundert in eine regelrechte Glorifizierung ausartete. Seine wuchtige Gestalt wirft – trotz zahlreicher aktueller Lutherbiografien, die dem kritisch begegnen wollen – immer noch mythische Schatten über uns. Amerikanische Lutheraner küssen in Eisleben den Taufstein des Reformators. Der dortige Pfarrer gab gegenüber verwunderten Benekdiktinermönchen bei einer Führung zu: "Wir haben die Heiligenverehrung abgeschafft, offenbar um einen Heiligen zu ehren."

Da mag die Lutherbeauftragte Margot Käßmann verkünden, dass es zum Jubiläum keinen Lutherkult geben wird. Er ist längst in vollem Gange. Im Mansfelder Luthermuseum werden Murmeln zur Schau gestellt, die Archäologen aus der Abortgrube des verschwundenen Lutherschen Elternhauses geborgen haben. Sie sind auf das Jahr 1500 datiert, könnten also als Spielzeug des kleinen Martinus gedient haben. Diese Klicker glänzen in der Vitrine in einem quasi heiligen Schimmer, der dem in Gold gefassten Windelstück der Jungfrau Maria in der Aachener Domschatzkammer in nichts nachsteht.

Von wegen keine Reliquien: Haarlocken des verblichenen Religionsstifters sollen in der Nachreformationszeit mindestens so viele kursiert haben wie Holzsplitter vom Kreuz Jesu Christi.

Übertrieben ausgedrückt: Was dem Katholiken die Blutreliquie des Märtyrers ist, die in edelsteinverzierten Schreinen aufbewahrt wird, ist dem Protestanten das Tintenfass, das der Bibelübersetzer auf der Wartburg nach dem Teufel geworfen haben soll. Und wo geronnenes Heiligenblut gelegentlich auf wundersame Weise wieder fließt, so soll auch der Tintenklecks, der im Studiengemach des Junkers Jörg an der Wand zu sehen war, nicht getrocknet sein. Kein Wunder, er wurde ein halbes Dutzend Mal nachgemalt. Heute ist an der Stelle des Kleckses nur noch ein Loch zu sehen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Ein solches Loch klafft auch in der Spiritualität des Protestanten. Sie markiert eine schmerzliche Leerstelle. Die Landeskirchen müssen zuschauen, wie charismatische evangelikale Strömungen die Lücke durch Eventgottesdienste schließen. In ihren Halleluja-Hallen im Industriegebiet rufen sie zu fetziger Rockmusik den Heiligen Geist zum Ortstermin in den Sonntagsgottesdienst. Geboten wird ein ekstatisches Gemeinschaftsspektakel, das bei manchen Suchenden rauschhafte Zustände erzeugt. Individueller ausgerichtete Protestanten suchen in der Esoterik ihr spirituelles Heil, wo sie mit fernöstlichen Meditationstechniken, keltischen Baumbeschwörungen, Engel-Channeling und indianischen Reinigungsritualen ihre Seele einer Wellnesskur unterziehen.

Mittlerweile gehört es auch unter Protestanten zum guten Stil, die ästhetischen Vorzüge des Katholizismus zu preisen. Selbst Feuilleton-Atheisten schreiben darüber Bestseller. Doch mit dem Schönen auch das Enge, den damit verbundenen zwingenden Glaubenskodex zu übernehmen geht den Protestanten zu weit. Mal eben reinschnuppern beim Nachbarn ist okay. Doch der dünne protestantische Pfarrkaffee nach dem Gottesdienst versüßt einfach dem Gläubigen nicht entfernt so schön den Glauben, wie es der Honig Hildegards von Bingen aus dem Klosterladen tut. Wie viel leichter schwingt die Seele im Einklang mit Gott, wenn die von Nonnen und Mönchen verkauften Bienenwachskerzen und Liköre eben das neue spirituelle Lifestyle-Gefühl treffen, jedenfalls eher als die unvermeidliche Blechdose mit der dänischen Keksmischung.

Auch beim Pilgern bewegt sich was unter Protestanten, obwohl Luther davon bekanntlich nichts hielt. Er wetterte gegen den Jakobsweg: "Wer weiß, wen sie dort begraben haben? Jakobus sicher nicht. Vielleicht liegt dort ein Hund oder ein totes Pferd im Grab. Bleibt zu Hause!"