Theoretisch müsste ich vor Freude außer mir sein über meine eigene Leistung: Einen mordsmäßigen Kraftakt habe ich hingelegt, bin 24 Stunden am Stück gewandert. In schönster Südtiroler Landschaft, vom Dorf Naturns durch die Tausend-Stufen-Schlucht zum Hochforch, über sonnenbeschienene Höhen, durch urige Bergwälder, an tödlichen Abgründen entlang. Doch jeder euphorische Gedanke erstickt. Zu schwer wiegt das Wissen um mein Problem: 24 Stunden hinter mir bedeuten, dass auch noch 24 Stunden vor mir liegen. Von den 100 Kilometern Strecke ist erst die Hälfte geschafft. Eine gefühlte Million Schritte noch. Jeder einzelne wird wehtun.

Die Route, auf der ich unterwegs bin, ist der Meraner Höhenweg. Er umrundet den Naturpark Texelgruppe. Gemütliche teilen ihn in neun Tagesetappen auf, Ehrgeizige bewältigen ihn in fünf bis sechs Tagen. Der Versuch, die Tour in 48 Stunden zu schaffen, ist typisch für den Extrembergsteiger Hans Kammerlander, der mich und 30 weitere Wandervögel anführt. Der 59-Jährige hat 13 der weltweit 14 Achttausender bestiegen. Das Matterhorn bezwang er einst in 24 Stunden von allen vier Seiten. Und er fuhr als erster Mensch mit Skiern vom Gipfel des Mount Everest hinunter.

Inzwischen lässt er es "ruhiger" angehen. Jetzt lotet er seine Grenzen beim Wandern aus – und bietet die gemächlichste aller Leibesertüchtigungsformen als Extremsport an. Touren über 24 Stunden organisiert er seit 15 Jahren. Vor zehn Jahren fand seine erste 36-Stunden-Wanderung statt. Ich war dabei, ich habe mitgelitten. Doch am Ende – euphorisiert von Glückshormonen – gehörte ich zu jenen Vorlauten, die fragten: "Hans, warum nicht mal 48 Stunden?" – "Das ist zu viel, das ist zu weit", sagte er damals.

Als ich erfuhr, dass er es dieses Jahr dennoch versuchen würde, konnte ich schlecht kneifen. Ich wollte allerdings auch wirklich mit – obwohl Freunde ohne Ausnahme den Kopf schüttelten. Zwar ist mein Umfeld längst daran gewöhnt, dass ich ab und zu Sonntage mit Marathons verbringe und dass ich Hochgebirgsläufe als Vergnügen schätze. Aber 100 Kilometer am Stück durchs Gebirge jagen?

Ich wollte ergründen, wie lange Genuss dauern kann und wann der Spaß aufhört. Mich reizten 48 Stunden in der Natur, ohne Chefs, ohne E-Mails, ohne Straßenverkehr – dafür mit unbeschränkter Zeit zum Nachdenken. "Ein Akt der Befreiung", sagte ich. "Etwas für Idioten", sagten meine Freunde.

Der Blick auf meine Mitwanderer sagt mir spontan etwas anderes. Wir sind ein ziemlich normal wirkender, bunt gemischter Haufen. Ingenieure, Anwälte, U-Bahn-Fahrer. Sandra ist mit 28 Jahren das Nesthäkchen, Wolfgang mit 67 der Gruftie. Vor mir tackert Roland, den man aufgrund seiner Leibesfülle nicht in diesem Kreis erwarten würde, seine Stöcke ins Gestein. Hinter mir wandelt lautlos Reiner: ein alternder, schlanker Beau mit akkurat nach hinten gegeltem Langhaar.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Im Zentrum dieses Teilnehmerfelds bewege ich mich in gemächlichem Trott bergauf. Aber jetzt, da die Hälfte der Strecke hinter uns liegt, fragen sich meine vernunftbegabten Hirnteile dann doch zum ersten Mal, was die leichtsinnigeren ihnen da eingebrockt haben: eine Grenzerfahrung? Etwas Wahnsinniges gar?

24 Stunden zuvor lachten wir noch alle, als Kammerlander uns im Gemeindehaus von Naturns mit den Worten begrüßte: "Willkommen, ihr Verrückten." Auch seine Ankündigung, dass es "sehr, sehr hart" würde, quittierten wir fröhlich. Er riet uns noch, "nicht bis kurz vor dem Zusammenbruch" durchzuhalten. Dann folgten wir ihm und seiner froschgrünen Trekkinghose – ein dünnes, agiles, wettergegerbtes Männchen, das jeden, der in Hörweite mitmarschiert, mit gut getimten Witzen erfreut. Am liebsten über "die Italiener" – das sind Menschen jenseits der Südtiroler Grenze.

Die gefährlichsten Kilometer des Meraner Höhenwegs spulen wir aus Sicherheitsgründen zu Beginn ab. Vorsichtig tippeln wir durch den in die Wand gehauenen Hans-Frieden-Felsenweg. An dessen ungeschützter Kante fällt der Blick mehrere Hundert Meter fast senkrecht ins Tal: "Wer hier stolpert, hat keine Zahnschmerzen mehr", mahnt Kammerlander zu erhöhter Aufmerksamkeit.

Ich will nicht mehr

Als im Abendlicht die Alpengipfel erglühen, rattert Roland in Sekundenschnelle die Namen der errötenden Massive herunter: Sellagruppe, Langkofelgruppe, Marmolata, Rosengartengruppe, Karerpass, Latemar, Weißhorn, Schwarzhorn ... Die Dämmerung zieht herauf, und unser Blick fällt auf die Lichter Merans. Die zweitgrößte Stadt Südtirols liegt manchmal vor, manchmal rechts unter uns. Auf mehr als tausend Metern über dem Meeresspiegel schlängeln wir uns auf schmalen Pfaden durch raue Topografie, passieren bei zunehmender Finsternis ein paar Gasthöfe, Alpen und Winkel. Bald trottet jeder dem Lichtkegel seiner Stirnlampe hinterher, stundenlang – wie eine Kolonne von Glühwürmchen.

Der Informationsgehalt der Bilder wird dürftig. Das, was Wanderausflüge eigentlich ausmacht, die tolle Aussicht: Sie ist in den kommenden Stunden nicht vorhanden. Statt alpiner Gipfel bestaune ich im Strahl meines LED-Lichts Millionen brauner Kiefernnadeln auf dem Boden. Widme meine Aufmerksamkeit der Gangart meines Vordermanns. Versuche meinen Geist mit mathematischen Überlegungen über die durchschnittliche Größe von Schottersteinen zu beschäftigen. Für die größte Abwechslung sorgt schließlich ein Nachtfalter. Er dreht vor meiner Stirnlampe wacklige Runden und schwirrt mir dann zielstrebig ins Auge.

Gleichzeitig lausche ich, während wir so durch die Dunkelheit wandern, tief in meinen Körper hinein. Als Extremwanderer neige ich zu temporärer Hypochondrie. Jeder Stich im Knöchel, jedes Ziehen im Muskel könnte ein Indiz für eine Verletzung sein, die langfristig den glücklichen Abschluss des Unterfangens gefährdet. Zum Glück tut alles, was wehtut, noch nicht wirklich weh.

Das erste Ungemach ereilt mich von unerwarteter Seite: Ab drei Uhr nachts schlafe ich mehrmals im Gehen ein. Ich wanke, stolpere leicht im Geröll, zucke zusammen, wache auf. Ist die Eintönigkeit schuld? Das schleppende Tempo? Ich befehle mir, unbedingt wach zu bleiben. Doch alle paar Schritte verschwimmt, was meine Augen sehen, zu einem amorphen optischen Mus – als hätte ich psychedelische Drogen genommen.

Der Grund ist Unterzuckerung. Mein Fehler war, um Mitternacht das Carbo-Loading zu vernachlässigen. Statt kohlenhydratreichem Kuchen stopfte ich nur Früchte in mich hinein. Nun lässt mich die Ressourcenknappheit wegdämmern. Mit einem halben Dutzend Traubenzuckerstücken versuche ich, das Glukosedefizit in meinen Blutbahnen zu beheben, rette mich so durch die Nacht. Und als die Sonne sich gegen sechs Uhr endlich zurückmeldet, belebt sie die Sinne mehr als der Filterkaffee, den wir bald darauf hastig in der Christl-Hütte hinunterspülen.

Im Laufe des Vormittags halten sich die körperlichen Schmerzen immer noch in Grenzen. Dafür muss ich mir, lange bevor der Akku leer ist, einen verräterischen Gedanken eingestehen: Ich will nicht mehr. Mir macht Wandern 20 Stunden lang Freude, dann will ich lieber schlafen. Genuss lässt sich offenbar, so lautet mein erstes Fazit dieser Tour, zeitlich nicht beliebig ausdehnen.

Später folgen wir der froschgrünen Signalhose durch die Mittagshitze. 24 Stunden liegen nun hinter uns. Der gleichmäßige Trott dauert jetzt schon so lange, dass ich permanent von Sinnfragen bedrängt werde. Wozu das alles? Was treibt mich immer noch weiter – jetzt, da ich weiß, wann der Spaß aufhört, und die erhoffte Zeit zum Nachdenken sich mit Selbstzweifeln füllt? Der Blick in die Runde und eine schnelle Umfrage offenbaren, dass ich nicht der Einzige bin, der hadert. Jedem meiner Extremwanderfreunde ist die Lust vergangen. Aber alle halten weiter durch. Es geht nun um etwas anderes: Die meisten wollen herausfinden, was ihr Körper hergibt – ob er zu einer solchen Leistung fähig ist. "Ich erreiche hier eine Grenze, an die ich sonst nie kommen würde", sagt Michael.

In einer Trinkpause versuche ich, so klug wie möglich darzulegen, warum es mir eben nicht um das Ausloten einer Grenze geht. Bei ernsthaften Schwierigkeiten, behaupte ich, würde ich sofort aussteigen. Doch diese Phrasen entpuppen sich auf den kommenden Kilometern als Koketterie. Mein linker Fuß ist im Grenzbereich angekommen. Seit Stunden schickt er Signale ans Gehirn, dass er genug vom Wandern habe. Und trotz Schmerzen mache ich weiter. Der Ehrgeiz ist es, der mich nun vorantreibt. Auch ich werde wohl wie alle anderen nicht aufhören, solange ich noch kann. Erst wenn ich kaputt bin.

Bergab leiden die beiden längsten linken Zehen, weil ihre Spitzen gegen die Innenseite des Wanderschuhs drücken. Bergauf tun die Gelenke im überlasteten Mittelfuß weh. Verschwinden zwischenzeitlich beide Leidenszonen aus meiner Aufmerksamkeit, spüre ich Verspannungen im Nacken, die Patellasehne im linken Knie, eine Scheuerstelle im unteren Rückenbereich, die linke Achillesferse oder die arthrosekranke rechte Hüfte. Auch meine Mitwanderer plagen verschiedenste Körperteile und Muskeln. Und mit den Kräften schwinden die Möglichkeiten intellektueller Konversation. Tiefschürfendes strengt an, das Schweigen nimmt zu. Jeder beschäftigt sich mit dem, was er spürt: mit sich.

Spätes Mittagessen im Gebirgsdorf Pfelders. Wie die meisten ziehe ich die Schuhe aus, um den Zehen Entspannung zu verschaffen. Die Befreiung unserer seit 30 Stunden schwitzenden Füße ist unüberriechbar. Aber Hardcore-Wanderer sind mit allen Sinnen hart im Nehmen – zumal auch die verschwitzte Funktionswäsche aus Polyester und anderen Kunststoffen die Gruppe in einen Odor hüllt, der fernab olfaktorischer Wohlfühlzonen liegt.

Erschöpfung schlägt in Euphorie um

Der Zwischenhalt wird von manchen zum Aussteigen genutzt. Es ist die letzte Möglichkeit. Denn vor uns liegen tausend Höhenmeter hinauf zum höchsten Punkt der Reise, zur Stettiner Hütte auf fast 2.900 Metern. Wer den vierstündigen Aufstieg in Angriff nimmt, kann sich frühestens nach dem darauffolgenden Abstieg ins Shuttle-Auto setzen, das einen schmerzlos ans Ziel bringt. Sandra, die Jüngste, hat genug. Ihre Füße sind voller Blasen. Benni hat sich einen Wolf gelaufen und streicht ebenfalls die Segel. Er schenkt mir seinen letzten Traubenzucker.

25 von uns machen weiter, in einer Art Selbstverpflichtung zum Martyrium. Zu Beginn des härtesten Aufstiegs liegt die Temperatur im mörderischen Bereich. 35 Grad auf den ersten Kilometern im aufgeheizten Talkessel. Die Hitze verzieht sich erst, als die Sonne hinterm Gurgler Kamm versinkt – der dreieinhalbtausend Meter hohen natürlichen Grenze zu Österreich.

Die zweite Nacht zieht herauf – und mit ihr weitere Sinnfragen. "Es gibt tausend Gründe, hier mitzumachen", sagt Oliver. Mal denke er, es sei dieser. Mal denke er, es sei jener. Aber eigentlich denke er: "Besser, es nicht genau zu wissen."

Trotz mürbe gelaufenen linken Fußes habe ich mich entschieden, die Tour bis zum Ende durchzustehen. Mich treibt die Horrorvorstellung weiter, sonst an dieser Stelle von meinem Scheitern berichten zu müssen. Doch die gerade noch abgewehrten Müdigkeitsattacken der ersten Nacht haben mich vorsichtig gemacht. Als wir gegen Mitternacht die Stettiner Hütte verlassen, das Eisjöchl überschreiten und uns mental damit arrangieren, dass es fast zwei Höhenkilometer hinuntergeht durch die finstere Nacht, werfe ich vorsichtshalber noch schnell einen Powerriegel ein und knabbere Schokolade. Ich verrate Heinz den Grund für meine Fressorgie. Das seien, sagt er, Probleme, die er nicht kenne: Auch wenn er einschlafen wollte, könnte er nicht, "die Schmerzen in meinen Füßen verhindern es".

Zur Sicherheit schlürfe ich noch eine Ampulle hoch konzentrierten Wachmacher aus Zucker, Guaraná und Koffein. Damit überstehe ich die folgenden Stunden in erstaunlicher Frische; erfreue mich am Zauber, mit dem die Gesteine der Texelgruppe uns bis zur Dämmerung verwöhnen: Tausende zahnweiße Marmorstücke erwidern das Leuchten meiner Stirnlampe. Mit Katzengold überzogene Brocken funkeln verführerisch.

Roland jedoch, der so lange so gut mitgehalten hat, hört plötzlich auf, sich an Naturschönheiten zu erfreuen. "Wäre es doch zehn Stunden später", murmelt er, kaum hörbar.

Doch die Zeit vergeht nicht schneller, im Gegenteil. Die Stunde, in der wir auf dem Dorfplatz von Naturns ins Ziel einlaufen sollen, scheint sogar in noch weitere Ferne zu rücken. Gegen sechs Uhr morgens erreichen wir eine Weggabelung, und Kammerlander wählt den linken Pfad. Er führt uns noch einmal steil bergauf. Die strammen hundert Höhenmeter brennen sich in die müde, übersäuerte Muskulatur – da zeichnet sich ab, dass Kammerlander sich im Weg geirrt hat. "Umkehren" ist das verhassteste Wort unter Wanderern. Und das umso mehr, wenn man gerade 42 Stunden lang einen Fuß vor den anderen gesetzt hat. Nur die Ausgeglichenheit der Spezies Extremwanderer verhindert zu diesem Zeitpunkt knapp eine Meuterei.

Trotz dieses Irrtums treffen wir noch pünktlich nach 48 Stunden in Naturns ein. Im Ort empfangen uns klatschende Zuschauer als Helden. Der körperliche Stress ebbt ab, die Glückshormone fluten an. Erschöpfung schlägt um in Euphorie. Das ist schnöde Körperchemie, doch sie wirkt so stark, dass mir schlagartig klar wird: Die Vorfreude auf dieses Gefühl – sie ist einer der Gründe, für die ich alle Strapazen der letzten 48 Stunden auf mich genommen habe.

Jeder bekommt von Kammerlander eine Urkunde überreicht, es gibt Bier und Würste. Und während wir abschließend zusammensitzen, erwarte ich ein wenig, dass jetzt wieder passiert, was vor zehn Jahren geschah. Doch diesmal ruft niemand: "Hans, das nächste Mal noch weiter!" Es scheint, dass Kammerlander endlich geschafft hat, was bisher nie gelang: Alle sind fertig.