Als im Abendlicht die Alpengipfel erglühen, rattert Roland in Sekundenschnelle die Namen der errötenden Massive herunter: Sellagruppe, Langkofelgruppe, Marmolata, Rosengartengruppe, Karerpass, Latemar, Weißhorn, Schwarzhorn ... Die Dämmerung zieht herauf, und unser Blick fällt auf die Lichter Merans. Die zweitgrößte Stadt Südtirols liegt manchmal vor, manchmal rechts unter uns. Auf mehr als tausend Metern über dem Meeresspiegel schlängeln wir uns auf schmalen Pfaden durch raue Topografie, passieren bei zunehmender Finsternis ein paar Gasthöfe, Alpen und Winkel. Bald trottet jeder dem Lichtkegel seiner Stirnlampe hinterher, stundenlang – wie eine Kolonne von Glühwürmchen.

Der Informationsgehalt der Bilder wird dürftig. Das, was Wanderausflüge eigentlich ausmacht, die tolle Aussicht: Sie ist in den kommenden Stunden nicht vorhanden. Statt alpiner Gipfel bestaune ich im Strahl meines LED-Lichts Millionen brauner Kiefernnadeln auf dem Boden. Widme meine Aufmerksamkeit der Gangart meines Vordermanns. Versuche meinen Geist mit mathematischen Überlegungen über die durchschnittliche Größe von Schottersteinen zu beschäftigen. Für die größte Abwechslung sorgt schließlich ein Nachtfalter. Er dreht vor meiner Stirnlampe wacklige Runden und schwirrt mir dann zielstrebig ins Auge.

Gleichzeitig lausche ich, während wir so durch die Dunkelheit wandern, tief in meinen Körper hinein. Als Extremwanderer neige ich zu temporärer Hypochondrie. Jeder Stich im Knöchel, jedes Ziehen im Muskel könnte ein Indiz für eine Verletzung sein, die langfristig den glücklichen Abschluss des Unterfangens gefährdet. Zum Glück tut alles, was wehtut, noch nicht wirklich weh.

Das erste Ungemach ereilt mich von unerwarteter Seite: Ab drei Uhr nachts schlafe ich mehrmals im Gehen ein. Ich wanke, stolpere leicht im Geröll, zucke zusammen, wache auf. Ist die Eintönigkeit schuld? Das schleppende Tempo? Ich befehle mir, unbedingt wach zu bleiben. Doch alle paar Schritte verschwimmt, was meine Augen sehen, zu einem amorphen optischen Mus – als hätte ich psychedelische Drogen genommen.

Der Grund ist Unterzuckerung. Mein Fehler war, um Mitternacht das Carbo-Loading zu vernachlässigen. Statt kohlenhydratreichem Kuchen stopfte ich nur Früchte in mich hinein. Nun lässt mich die Ressourcenknappheit wegdämmern. Mit einem halben Dutzend Traubenzuckerstücken versuche ich, das Glukosedefizit in meinen Blutbahnen zu beheben, rette mich so durch die Nacht. Und als die Sonne sich gegen sechs Uhr endlich zurückmeldet, belebt sie die Sinne mehr als der Filterkaffee, den wir bald darauf hastig in der Christl-Hütte hinunterspülen.

Im Laufe des Vormittags halten sich die körperlichen Schmerzen immer noch in Grenzen. Dafür muss ich mir, lange bevor der Akku leer ist, einen verräterischen Gedanken eingestehen: Ich will nicht mehr. Mir macht Wandern 20 Stunden lang Freude, dann will ich lieber schlafen. Genuss lässt sich offenbar, so lautet mein erstes Fazit dieser Tour, zeitlich nicht beliebig ausdehnen.

Später folgen wir der froschgrünen Signalhose durch die Mittagshitze. 24 Stunden liegen nun hinter uns. Der gleichmäßige Trott dauert jetzt schon so lange, dass ich permanent von Sinnfragen bedrängt werde. Wozu das alles? Was treibt mich immer noch weiter – jetzt, da ich weiß, wann der Spaß aufhört, und die erhoffte Zeit zum Nachdenken sich mit Selbstzweifeln füllt? Der Blick in die Runde und eine schnelle Umfrage offenbaren, dass ich nicht der Einzige bin, der hadert. Jedem meiner Extremwanderfreunde ist die Lust vergangen. Aber alle halten weiter durch. Es geht nun um etwas anderes: Die meisten wollen herausfinden, was ihr Körper hergibt – ob er zu einer solchen Leistung fähig ist. "Ich erreiche hier eine Grenze, an die ich sonst nie kommen würde", sagt Michael.

In einer Trinkpause versuche ich, so klug wie möglich darzulegen, warum es mir eben nicht um das Ausloten einer Grenze geht. Bei ernsthaften Schwierigkeiten, behaupte ich, würde ich sofort aussteigen. Doch diese Phrasen entpuppen sich auf den kommenden Kilometern als Koketterie. Mein linker Fuß ist im Grenzbereich angekommen. Seit Stunden schickt er Signale ans Gehirn, dass er genug vom Wandern habe. Und trotz Schmerzen mache ich weiter. Der Ehrgeiz ist es, der mich nun vorantreibt. Auch ich werde wohl wie alle anderen nicht aufhören, solange ich noch kann. Erst wenn ich kaputt bin.

Bergab leiden die beiden längsten linken Zehen, weil ihre Spitzen gegen die Innenseite des Wanderschuhs drücken. Bergauf tun die Gelenke im überlasteten Mittelfuß weh. Verschwinden zwischenzeitlich beide Leidenszonen aus meiner Aufmerksamkeit, spüre ich Verspannungen im Nacken, die Patellasehne im linken Knie, eine Scheuerstelle im unteren Rückenbereich, die linke Achillesferse oder die arthrosekranke rechte Hüfte. Auch meine Mitwanderer plagen verschiedenste Körperteile und Muskeln. Und mit den Kräften schwinden die Möglichkeiten intellektueller Konversation. Tiefschürfendes strengt an, das Schweigen nimmt zu. Jeder beschäftigt sich mit dem, was er spürt: mit sich.

Spätes Mittagessen im Gebirgsdorf Pfelders. Wie die meisten ziehe ich die Schuhe aus, um den Zehen Entspannung zu verschaffen. Die Befreiung unserer seit 30 Stunden schwitzenden Füße ist unüberriechbar. Aber Hardcore-Wanderer sind mit allen Sinnen hart im Nehmen – zumal auch die verschwitzte Funktionswäsche aus Polyester und anderen Kunststoffen die Gruppe in einen Odor hüllt, der fernab olfaktorischer Wohlfühlzonen liegt.