Der Zwischenhalt wird von manchen zum Aussteigen genutzt. Es ist die letzte Möglichkeit. Denn vor uns liegen tausend Höhenmeter hinauf zum höchsten Punkt der Reise, zur Stettiner Hütte auf fast 2.900 Metern. Wer den vierstündigen Aufstieg in Angriff nimmt, kann sich frühestens nach dem darauffolgenden Abstieg ins Shuttle-Auto setzen, das einen schmerzlos ans Ziel bringt. Sandra, die Jüngste, hat genug. Ihre Füße sind voller Blasen. Benni hat sich einen Wolf gelaufen und streicht ebenfalls die Segel. Er schenkt mir seinen letzten Traubenzucker.

25 von uns machen weiter, in einer Art Selbstverpflichtung zum Martyrium. Zu Beginn des härtesten Aufstiegs liegt die Temperatur im mörderischen Bereich. 35 Grad auf den ersten Kilometern im aufgeheizten Talkessel. Die Hitze verzieht sich erst, als die Sonne hinterm Gurgler Kamm versinkt – der dreieinhalbtausend Meter hohen natürlichen Grenze zu Österreich.

Die zweite Nacht zieht herauf – und mit ihr weitere Sinnfragen. "Es gibt tausend Gründe, hier mitzumachen", sagt Oliver. Mal denke er, es sei dieser. Mal denke er, es sei jener. Aber eigentlich denke er: "Besser, es nicht genau zu wissen."

Trotz mürbe gelaufenen linken Fußes habe ich mich entschieden, die Tour bis zum Ende durchzustehen. Mich treibt die Horrorvorstellung weiter, sonst an dieser Stelle von meinem Scheitern berichten zu müssen. Doch die gerade noch abgewehrten Müdigkeitsattacken der ersten Nacht haben mich vorsichtig gemacht. Als wir gegen Mitternacht die Stettiner Hütte verlassen, das Eisjöchl überschreiten und uns mental damit arrangieren, dass es fast zwei Höhenkilometer hinuntergeht durch die finstere Nacht, werfe ich vorsichtshalber noch schnell einen Powerriegel ein und knabbere Schokolade. Ich verrate Heinz den Grund für meine Fressorgie. Das seien, sagt er, Probleme, die er nicht kenne: Auch wenn er einschlafen wollte, könnte er nicht, "die Schmerzen in meinen Füßen verhindern es".

Zur Sicherheit schlürfe ich noch eine Ampulle hoch konzentrierten Wachmacher aus Zucker, Guaraná und Koffein. Damit überstehe ich die folgenden Stunden in erstaunlicher Frische; erfreue mich am Zauber, mit dem die Gesteine der Texelgruppe uns bis zur Dämmerung verwöhnen: Tausende zahnweiße Marmorstücke erwidern das Leuchten meiner Stirnlampe. Mit Katzengold überzogene Brocken funkeln verführerisch.

Roland jedoch, der so lange so gut mitgehalten hat, hört plötzlich auf, sich an Naturschönheiten zu erfreuen. "Wäre es doch zehn Stunden später", murmelt er, kaum hörbar.

Doch die Zeit vergeht nicht schneller, im Gegenteil. Die Stunde, in der wir auf dem Dorfplatz von Naturns ins Ziel einlaufen sollen, scheint sogar in noch weitere Ferne zu rücken. Gegen sechs Uhr morgens erreichen wir eine Weggabelung, und Kammerlander wählt den linken Pfad. Er führt uns noch einmal steil bergauf. Die strammen hundert Höhenmeter brennen sich in die müde, übersäuerte Muskulatur – da zeichnet sich ab, dass Kammerlander sich im Weg geirrt hat. "Umkehren" ist das verhassteste Wort unter Wanderern. Und das umso mehr, wenn man gerade 42 Stunden lang einen Fuß vor den anderen gesetzt hat. Nur die Ausgeglichenheit der Spezies Extremwanderer verhindert zu diesem Zeitpunkt knapp eine Meuterei.

Trotz dieses Irrtums treffen wir noch pünktlich nach 48 Stunden in Naturns ein. Im Ort empfangen uns klatschende Zuschauer als Helden. Der körperliche Stress ebbt ab, die Glückshormone fluten an. Erschöpfung schlägt um in Euphorie. Das ist schnöde Körperchemie, doch sie wirkt so stark, dass mir schlagartig klar wird: Die Vorfreude auf dieses Gefühl – sie ist einer der Gründe, für die ich alle Strapazen der letzten 48 Stunden auf mich genommen habe.

Jeder bekommt von Kammerlander eine Urkunde überreicht, es gibt Bier und Würste. Und während wir abschließend zusammensitzen, erwarte ich ein wenig, dass jetzt wieder passiert, was vor zehn Jahren geschah. Doch diesmal ruft niemand: "Hans, das nächste Mal noch weiter!" Es scheint, dass Kammerlander endlich geschafft hat, was bisher nie gelang: Alle sind fertig.