Schnell wird klar, dass es bei Michael A. Orthofer auf die äußere Erscheinung nicht ankommt. Als er am Morgen auf den Stufen des New Yorker Metropolitan Museum darauf wartet, dass sich die Türen öffnen, trägt er die Kleidung eines Mannes, der keine Gedanken an seine Garderobe verschwendet. Wandersandalen mit schwarzen Socken und eine Jeans, die nie dazu gedacht war, ihrem Träger zu schmeicheln. Die kleinen, runden Brillengläser sind gelb angelaufen, als habe jahrzehntelange Benutzung ihre Spuren hinterlassen, graue Locken sprießen seitlich an Orthofers Kopf. In der Hosentasche steckt ein zusammengerollter Economist. Irgendetwas müsse er immer zum Lesen dabeihaben, sagt Orthofer.

Das Lesen ist für den gelernten Anwalt Orthofer eine Lebensaufgabe. 8.000 Bücher hat der 52-Jährige bis heute nach eigenen Angaben gelesen. 250 bis 300 Bände kommen jedes Jahr hinzu. Wenn er am Tag nicht mindestens einhundert Seiten lese, dann fühle er sich, als habe er eine Mahlzeit ausgelassen. "Es ist für mich wichtiger als der Kaffee am Morgen oder genügend Schlaf", sagt der gebürtige Grazer. Mindestens einmal pro Woche "muss" Orthofer in einen Buchladen oder in eine Bibliothek gehen, und wenn er das sagt, klingt er tatsächlich wie ein Junkie, der seinen Schuss braucht. Ein Junkie, über dessen Lebenswerk selbst der New Yorker bereits geschrieben hat und dessen Prognosen für den Literaturnobelpreis breite Beachtung finden.

Orthofer hat im Internet die größte Sammlung an Rezensionen literarischer Werke geschaffen. Die Seite, die 1999 online ging, ist in der einfachen Programmiersprache einer Ära gebaut, in der man sich noch per Modem einwählte. Das Banner hat er selbst gebastelt: Auf gelbem Hintergrund verlaufen bunte Linien wie in einem Bild von Jackson Pollock. The Complete Review steht in grobpixeligen Lettern darauf. Ein ehrgeiziges Ziel, dem er immer näher kommt: Rezensionen zu 45 Büchern waren es zu Beginn, heute sind – Stand Redaktionsschluss – 3.799 Bücher aus mehr als einhundert Ländern gelistet. 2005 kürte das Time Magazine die Seite zu einer der "50 coolsten Webseiten". Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte Orthofer seine Rezensionen auch in Buchform: The Complete Review Guide to Contemporary World Fiction wurde von dem eingeschworenen Literaturzirkel, in dem er sich bewegt, gefeiert. Die "ausufernde und scheinbar unmögliche literarische Übersicht ist nachgerade ein Wunder", staunten sogar in Indien die Kritiker.

Angefangen hat die Liebe zur Literatur in der Kindheit. Seine Mutter, eine Malerin und Innenarchitektin, zog mit ihm von Graz nach New York, da war er gerade ein Jahr alt. Heute lebt sie in Stockbridge im Bundesstaat Massachusetts, ein paar Autostunden nördlich von New York. Der 2008 verstorbene Vater Peter Orthofer, selbst Schriftsteller und Kabarett-Autor, blieb in Österreich, wo Michael Orthofer die Sommermonate verbrachte. Immer hätten sich Bücher im Haus befunden, die Literatur sei oft Gesprächsthema gewesen, erzählt er. Die Verbindung in die Heimat ist erhalten geblieben, auch den Pass hat er nie abgeben wollen. Er spricht mit österreichischem Akzent und einer Stimme, die wohl nur im Lesesaal einer Bibliothek durchdringend wirkt. Während des Gesprächs bleibt er oft stehen, als lenke ihn die Bewegung von seinen Gedanken ab. Oft verliert er sich in langen Satzkonstruktionen, als folge er seinen Gedanken durch ein dichtes Labyrinth und wisse selbst noch nicht, wo er sich am Ende wiederfindet.

Nach dem Abschluss einer internationalen Schule in New York lag es für Orthofer nahe, Vergleichende Literatur zu studieren. Doch das vermeintliche Abenteuer entpuppte sich als große Enttäuschung. Schon während des Studiums an der prestigeträchtigen Brown University in Rhode Island wurde ihm klar, dass eine akademische Laufbahn nicht infrage kam. "Das Studium hatte sehr wenig mit Lesen zu tun", sagt er. Auch im Verlagswesen sah er keine Zukunft, weil er nicht wirklich das lesen konnte, was ihn interessierte: alles.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Orthofer nahm sich eine Auszeit, er reiste sechs Monate durch Japan, lernte ein paar Brocken Japanisch, kehrte zurück nach Europa und begann, in Wien Physik zu studieren. Er habe sich das akademische Leben in Österreich ansehen wollen, das Studium aber nie ernst genommen, sagt er. Nach einem Jahr zog es ihn wieder nach New York, und er entschied sich für ein Jusstudium. Das sorgfältige Lesen, das Studieren jedes Details und das Herauslesen dessen, was nicht gleich offensichtlich ist – Orthofer sah viele Parallelen zur Literatur. Aber auch die Arbeit als Anwalt erfüllte ihn nie. 2002 hängte er den Beruf an den Nagel und widmete sich ausschließlich der Literatur und seiner Webseite. Die hat heute bis zu 8.000 Besucher am Tag, inzwischen kann Orthofer von dem leben, was "Gelegenheitsarbeiten diversester Sorte" und Werbung sowie Verlinkungen zu Amazon einbringen. "Es sind keine sehr beeindruckenden Beträge", sagt er.

Das Museum besucht Orthofer, wenn es ihm zu Hause zu eng wird. "In meiner Wohnung ist kaum Platz, sich umzudrehen", meint er. Ein Treffen in seinem kleinen Apartment auf der New Yorker Upper East Side lehnt er beharrlich ab. Die Wohnung würde dem Lager eines mittelgroßen Buchladens ähneln, überall stapelten sich Bücher. Viele davon hat Orthofer gelesen, aber viele warten noch immer darauf, aus dem Karton geholt zu werden – eine Tatsache, die ihn schmerzt. Mit Bekannten – Familie hat er nicht – trifft sich Orthofer lieber draußen, im Metropolitan Museum oder im Café Sabarsky gleich um die Ecke. Mit den holzvertäfelten Wänden, den Kaffeehaus-Stühlen und Stoffmustern erinnert es ihn an ein altes Wiener Kaffeehaus. Wenn er eine Pause braucht, fährt er auf Rollerblades durch den Central Park. Es sei gut, sich zu bewegen, sagt er, aber es klingt wie eine lästige Notwendigkeit, die ihn vom Lesen abhält.

So viele Meinungen wie möglich

Orthofer sieht sich als Dienstleister der Literatur. The Complete Review sei ein "Werkzeug" für die Leser, heißt es auf der Seite. Es soll helfen, im Literaturdickicht die Bücher zu finden, die sich wirklich lohnen. Es geht Orthofer nicht um die eigene Meinung, sondern darum, so viele Meinungen wie möglich zu haben: Zu jedem Buch trägt er Kritiken aus allen Ecken des Netzes zusammen, für sein eigenes Urteil hat er ein Bewertungssystem eingeführt, von A+ bis F, das er um eine kurze Einschätzung ergänzt. "Eine tragische Liebesgeschichte, ein Lobgesang auf Amerika, eine schmutzige Geschichte, die vermenschlicht wurde, ein Werk von komischem Genie", schreibt er etwa zu Lolita, dem Skandalroman von Vladimir Nabokov. Gerade mal 20 Bücher haben es bei ihm auf die Bestenliste geschafft.

Seine Lieblingsautoren seien jene, die ihm neue literarische Welten eröffnen, die etwas Neues versuchen, wie die deutschen Autoren Arno Schmidt und Peter Weiss. Viele seiner Lieblingsromane sind nicht in dem Internetkompendium zu finden, weil er sie schon Jahre vor dem Start gelesen hat und bislang nicht dazu gekommen ist, eine Rezension zu schreiben. Es gebe schlicht zu viele Bücher, erklärt er. Auch deshalb ärgert er sich "wahnsinnig" über schlechte Bücher und korrigiert dann: Am meisten ärgerten ihn nicht die richtig schlechten Bücher, sondern jene, die "ganz knapp dran sind" und deren Autoren am Ende schlicht nicht das Handwerkszeug besitzen, um ihre Ideen umzusetzen. Der Distelfink von Donna Tartt etwa, immerhin ein Bestseller und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, sei so ein "fürchterliches" Buch. Auch er selbst hat sich bereits an Romanen versucht, die Manuskripte liegen in der Schublade.

In seinen gesammelten Kritiken versammelt er einen Querschnitt der internationalen Literatur. Für Österreich habe er nur ein paar Seiten zur Verfügung, entsprechend blieb nur Platz für die naheliegendsten Namen: Thomas Bernhard, Peter Handke, Elfriede Jelinek. Allesamt Autoren, die dem typischen Bild des literarischen Österreichs entsprechen, dem "sehr Dunklen, immer gegen die eigene Heimat, aber voll scharfen Witz". Dabei gebe es heute in der österreichischen Literatur so viel mehr zu finden. Nach einer Empfehlung gefragt, kann Orthofer sich nicht festlegen. Wolf Haas fällt ihm ein oder Daniel Kehlmann, vielleicht.

Dass sich seine Seite in den vergangenen 17 Jahren nicht verändert hat, liegt nicht nur daran, dass er die Zeit lieber mit Lesen verbringt. Ein bisschen wirken Orthofer und sein Projekt wie ein Aufbäumen gegen die Veränderung um ihn herum. Viele seiner Lieblingsbuchläden in New York seien verschwunden, die Stadt sei mit den Jahren insgesamt "fader" geworden, sagt er später auf dem Dach des Museums mit Blick über den Central Park. Auch die Literatur habe sich verändert. Programme zum kreativen Schreiben sorgten dafür, dass jeder Satz poliert sei, aber häufig fehle es an der Substanz, findet Orthofer. Habe ein Buch Erfolg, gebe es Dutzende, die es kopierten, anstatt etwas Neues zu versuchen. Und selbst online ist er vor dem Wandel nicht sicher: Viele der Verlinkungen auf seiner Seite funktionieren nicht mehr, weil die Quellen verschwunden sind. Auch das Internet, sagt Orthofer, sei eben endlich.