DIE ZEIT: Herr Ötzi, die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag Ihrer Entdeckung haben begonnen. Wie eingespannt sind Sie?

Herr Ötzi: Mir wurde bei alldem eine eher passive Rolle zugewiesen.

ZEIT: Würden Sie sich gern aktiver beteiligen?

Ötzi: Natürlich. So einen Fernsehauftritt beim Lanz hätte ich gern miterlebt. Stattdessen lassen die mich im Museum in Bozen in Südtriol liegen. Bei einer Temperatur von konstant minus sechs Grad Celsius. Langweilig. Immerhin schwankt die Luftfeuchtigkeit. Mal sind es 98 Prozent, dann wieder nur 97 Prozent.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

ZEIT: An die Temperatur müssten Sie sich doch gewöhnt haben. Immerhin lagen Sie fünf Jahrtausende im Gletschereis.

Ötzi: Das heißt nicht, dass mir der Frost behagt. Menschliche Wärme ist mir nichts Fremdes, auch wenn ich lange darauf verzichten musste.

ZEIT: Mit Verlaub, Sie würden auf der Stelle verfaulen, wenn wir Sie auftauten.

Ötzi: Das würde länger dauern als bei Ihnen! Vergessen Sie nicht, dass mein Fleisch gut gefriergetrocknet ist: 30 bis 40 Liter Wasser habe ich seit der Kupferzeit verloren. Ich bin gerade noch 13 Kilogramm schwer – und damit zweifellos besser konserviert als Sie oder jedes Stück Serranoschinken. Sollten Sie persönlich darauf aus sein, Jahrtausende zu überdauern, empfehle ich Ihnen eine Gletscherspalte. Allerdings keine in den Alpen. Mit seiner klimaerwärmenden Lebensweise hat der moderne Mensch die Halbwertszeit von uns Gletschermumien rabiat verkürzt.

ZEIT: War Ihr Tod vor 5250 Jahren eine Erlösung?

Ötzi: Wie kommen Sie darauf?

ZEIT: Sie waren sehr krank!

Ötzi: Ich war kerngesund, als mein Mörder mir einen Pfeil in die Schulter schoss, von hinten!

ZEIT: Das sehen heutige Mediziner anders: Sie litten an massiven Verkalkungen der Hauptschlagadern, ein Zeh war erfroren. Die Bandscheiben ihrer Lendenwirbel und ihre Knie zeigten starke Verschleißerscheinungen, in Magen und Darm tummelten sich etliche Parasiten. Eine Zecke hatte Sie mit Borreliose angesteckt. Zudem verriet die Analyse Ihres Erbguts, dass Sie unter einer Laktoseintoleranz litten ...

Ötzi: Alles bloß Zipperlein. Und Letzteres, diese Laktoseintoleranz, das war bei Weitem kein Alleinstellungsmerkmal. Wir hatten damals ja erst angefangen mit der Sesshaftwerdung, mit Vorratswirtschaft und Viehhaltung. Und so ganz scheint sich unsere Spezies bis heute nicht an lebenslangen Milchkonsum gewöhnt zu haben. Warum sonst verkaufen so viele Supermärkte laktosefreie Produkte?

ZEIT: Aber Ihre Zähne waren, wenn ich das mal so sagen darf, ziemlich hinüber ...

Ötzi: Nach Ihren Vorstellungen vielleicht. Sie frühstücken ja auch Brötchen, in denen kaum Abrieb von Mahlsteinen verbacken worden ist. Im Vergleich zu meinen Zeitgenossen hatte ich wirklich erstklassige Beißer, wenn auch nicht so gute wie Richard Kiel.

ZEIT: Kiel?

Ötzi: Der spielte den Beißer in James Bond.

Ötzi - Die Mumie hat Geburtstag Am 19. September 1991 entdeckte ein Ehepaar aus Nürnberg beim Bergwandern im Grenzgebiet zwischen Österreich und Südtirol eine Mumie, die heute als Ötzi bekannt ist. Bis heute gibt der Urmensch aus dem Eis der Forschung viele Rätsel auf. © Foto: Ochsenreiter/dpa