DIE ZEIT: Mr. Stone, Sie haben vor sechs Jahren mit Donald Trump gearbeitet, es ging um einen Kurzauftritt in Ihrem Film Wall Street 2.

Oliver Stone: Die Szene wurde aber nicht verwendet, da der Film zu lang war.

ZEIT: Wie war es, mit Trump zu drehen?

Stone: Es war ... typisch Trump. Nach jedem Take rief er: "War das nicht großartig?!"

ZEIT: Und war er großartig?

Stone: Nein, und ich habe ihm das auch ganz ehrlich gesagt. Wir haben die Szene neunmal aus verschiedenen Perspektiven gedreht.

ZEIT: Hätten Sie damals gedacht, dass Trump eines Tages Präsidentschaftskandidat werden könnte?

Stone: Nicht im Traum.

ZEIT: Sie haben Filme über Kennedy, über Nixon, über George W. Bush gedreht. Wie wäre es mit einem Film über Trump oder Hillary Clinton?

Stone: Im Moment würde ich mich ganz gerne für eine Weile von politischen Themen erholen.

ZEIT: Tatsächlich? Warum haben Sie dann jetzt den Film über Edward Snowden gedreht?

Stone: Als die Snowden-Story explodierte, wollte ich mich eigentlich raushalten. Aber Snowden ist jetzt schon eine der großen Geschichten dieses Jahrhunderts. Die Geschichte eines amerikanischen Bürgers, der seinem Gewissen gehorcht.

ZEIT: Sind Sie ein Filmemacher, der seinem Gewissen gehorcht?

Stone: Ich gebe zu, dass sich meine Rolle des amerikanischen Kinoerzählers und die des amerikanischen Bürgers vermischen. Als Bürger mache ich den Mund auf, weil ich mir keinen Maulkorb verpassen lassen möchte. Die ungeschriebene Regel der Filmindustrie ist, einfach nur Filme zu machen und als politisches Individuum den Mund zu halten, um das Publikum nicht zu verschrecken. Ansonsten kriegt man Ärger.

ZEIT: Und macht Ihnen Snowden Ärger?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Stone: Das Problem war zunächst einmal das Geld. In den USA wollte niemand einen Film über Edward Snowden finanzieren. Ein großes Studio nach dem anderen lehnte ab. Natürlich wurde niemand von der NSA aufgefordert, die Finger davon zu lassen. Es war Selbstzensur. Deshalb haben wir den Film dann hauptsächlich in München gedreht, mit deutscher und französischer Beteiligung. Unsere deutsche Produktionsfirma hatte einen Deal mit der Firma BMW, die ihr normalerweise Autos für die Produktion zur Verfügung stellt. Aber plötzlich sagte BMW Nein. Wir vermuteten dann, dass die amerikanische Tochtergesellschaft von BMW nichts mit Snowden zu tun haben wollte.

ZEIT: Sehen Sie Parallelen zwischen Ihrem politischen Aktivismus und dem von Edward Snowden?

Stone: Snowden ist ein junger Mann aus North Carolina, ein superkluges Kind seiner Zeit, ein Typ, der im Computer lebt. Ich bin eher ein Romantiker, einfach gestrickt, ein bisschen altmodisch. Ich habe viel länger als Snowden gebraucht, um ein politisches Gewissen zu entwickeln.

ZEIT: Wie war Ihre erste Begegnung mit Snowden?

Stone: Am meisten hat mich beeindruckt, wie jung er war. Niemals wäre ich mit 29 in der Lage gewesen, eine so starke moralische Sicherheit zu entwickeln. Snowden war klar, dass er ein Verbrechen begeht, um ein viel größeres Verbrechen offenzulegen. Darin ähnelt er Martin Luther King und anderen Aktivisten, die Gesetze brachen.

ZEIT: Genau wie Snowden waren Sie selbst zunächst ein konservativer Amerikaner.

Stone: Als ich mit dem Film anfing, dachte ich zunächst, dass es große Parallelen zu meinem Film Geboren am 4. Juli gibt. Da konnte ich mich mit dem von Tom Cruise gespielten Vietnamveteranen Ron identifizieren, der zum Kriegsgegner wird. Wie Ron war auch ich ein Konservativer aus einer Kleinstadt. Auch ich ging als junger Mann nach Vietnam, weil ich meinte, dort das Richtige für mein Land zu tun. Oder weil ich mich für John Wayne hielt. Oder weil ich meinem Vater gefallen wollte. Vielleicht auch, weil ich zu viele Filme über den Zweiten Weltkrieg gesehen hatte und dachte, der Krieg sei eine heroische, romantische Angelegenheit.

ZEIT: In Ihrem Film zeigen Sie, wie sich Edward Snowden 2003 zur US-Army meldet, um in den Irakkrieg zu ziehen.

Stone: Das wird ja gern unterschlagen. Snowden wollte seinem Land dienen, erst als Soldat, dann als IT-Techniker. Man kann sagen, dass er Glück hatte, sich bei der militärischen Ausbildung beide Beine zu brechen und ausgemustert zu werden.