Es war ein Aufstand. Junge Frauen ließen ihre Schultern hängen, die Brust einsinken und den Rücken zusammensacken. "Debutante slouch" wurde die Haltung genannt: das Lümmeln der Partygirls. Im London, New York und Berlin der zwanziger Jahre wurde die legere Pose rasch Mode. Sie war eine Revolte gegen den Anstand und die Disziplin – und gegen das Korsett. Auch die Nachwirkungen der nächtlichen Ausschweifungen deuteten sich in der coolen Pose an: Das It-Girl tanzte damals Charleston, Shimmy und Black Bottom, rauchte Zigaretten und soff Schnaps.

Jahrhundertelang hatten sich Frauen (und Männer) in Korsetts gezwängt, was auch nicht gerade gesund war. Aber ein gerader Rücken war damals Pflicht, er galt als Zeichen von Würde und Selbstkontrolle. War es doch der aufrechte Gang, der den Menschen vom Tier unterschied: Körperhaltung gleich Geisteshaltung!

Schaut man sich heute in Bürofluren um, sind die meisten von uns dem Ideal der Partygirls erstaunlich nah: überall eingesunkene Gestalten mit hängenden Schultern und runden Rücken. Diese deuten in der Regel allerdings weniger auf nächtliche Ausschweifungen hin als vielmehr auf die tägliche Schufterei am Rechner. Dabei entspricht unser Schönheitsideal eigentlich eher dem des Kaiserreichs: gerader Rücken, Bauch rein, Brust raus!

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

"Eine aufrechte Körperhaltung ist wie eine Einladung. Sie lässt uns offener und attraktiver wirken, sogar jünger", sagt die Fotografin Claudia Larsen. Sie hat Hunderte Models und Nichtmodels fotografiert und korrigiert. "Oft helfen schon zwei, drei Kleinigkeiten: das Brustbein heben, das Kinn senken." Die meisten seien zuerst überrascht über ihre Fehler – und dann verblüfft über die rasche Verbesserung. "Eine gute Haltung ist eine schnelle, billige und schmerzlose Schönheitsoperation", meint Larsen. Sie hat deshalb angefangen, sich intensiver mit schöner Haltung zu beschäftigen, zusammen mit ihrem Mann, einem auf Orthopädie spezialisierten Arzt. Die beiden sind sich einig: "Eine schöne Haltung ist auch eine gesunde Haltung."

Andersherum kann eine schlechte Haltung krank machen: Muskeln und Gelenke werden dabei zu stark oder ungleichmäßig belastet, die Folge sind Verspannungen und im schlimmsten Fall sogar Verschleiß. Bemerkbar macht sich das mit Schmerzen in Kopf und Rücken, Nacken und Schultern.

Tatsächlich unterscheiden sich die Tipps von Orthopäden kaum von denen der Fotografin Claudia Larsen: Schultern entspannt zurücknehmen und auf eine Linie mit den Ohrläppchen bringen. Hilfreich ist es auch, sich vorzustellen, ein Luftballon wäre mit einem Faden am Hinterkopf befestigt und zöge diesen sanft nach oben.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Larsen empfiehlt, sich in Alltagssituationen immer wieder die eigene Haltung bewusst zu machen und zu trainieren. Etwa beim Zähneputzen: mit geradem Rücken und gerader Halswirbelsäule aus der Hüfte über das Waschbecken beugen, statt den Kopf hängen zu lassen. Oder beim Tragen der Handtasche: nicht die Schulter zum Ohr hochziehen, sondern locker sinken lassen. Beim U-Bahn-Fahren: Wenn man stehen muss, wie ein Surfer das Gleichgewicht halten, statt sich an der Griffstange hängen zu lassen (natürlich sollte zur Sicherheit trotzdem eine Haltemöglichkeit in der Nähe sein).

Bernd Kladny von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie ergänzt: "Bewegung ist ebenso wichtig wie Haltung. Wenn Sie den ganzen Tag strammstehen oder wie festgeschraubt auf dem Stuhl sitzen, bringt das auch nichts. Die ständige aktive Aufrichtung überfordert sogar die Muskeln." Also hin und wieder ein paar Lockerungsübungen am Schreibtisch machen, zwei- bis dreimal in der Stunde aufstehen und ein- bis zweimal in der Woche schwimmen, walken, Pilates oder Yoga machen. "Welche Form der Bewegung, ist eigentlich egal", sagt Kladny.

Neben der bewegungsarmen und stressigen Schreibtischarbeit sind es zunehmend die mobilen Geräte, die unserer Haltung schaden: Mit gesenktem Kopf starren wir immerzu auf Smartphones und Tablets. Welche körperliche Belastung das bedeutet, hat der Wirbelsäulenspezialist Kenneth Hansraj aus New York berechnet. Hält man den Kopf aufrecht, so lastet dieser mit etwa fünf Kilogramm auf der Halswirbelsäule, neigt man ihn um 15 Grad, ist es schon mehr als doppelt so viel (Hebelwirkung!). Doch im Schnitt beugen Smartphone-Nutzer ihren Kopf sogar um fast 45 Grad, hat Myroslav Bachynskyi vom Max-Planck-Institut für Informatik in einem Experiment festgestellt. Das bedeutet eine Last von 22 Kilogramm – so viel wie ein Kasten Wasser.

"Körperhaltung gleich Geisteshaltung"

"Die Halswirbelsäule wird dadurch überlastet, und die Muskeln verspannen sich. Das führt zu Nacken- und Schulterschmerzen", sagt Orthopäde Kladny. Der "Handynacken" ist schon fast ein orthopädischer Fachbegriff. Auch Kopfschmerzen können so entstehen: "Die Hinterhauptsnerven verlaufen durch die Nackenmuskulatur. Wenn die verkrampft, reizt das die Nerven."

"Man sollte wirklich versuchen, das Handy zum Kopf zu bewegen und nicht umgekehrt", rät der Ergonomie-Experte Bachynskyi. "Dazu kann man den Ellbogen mit der anderen Hand unterstützen, dann sieht es nicht so bescheuert aus." Aber auch die Handyhersteller könnten etwas beitragen: "Leichtere Geräte würden eine aufrechte Haltung natürlich einfacher machen."

Die Gesundheit ist das eine. Das andere: Eine aufrechte, offene Haltung kann auch das Auftreten und die Ausstrahlung verbessern. Das hat die amerikanische Sozialpsychologin Amy Cuddy gezeigt, ihre power poses sind inzwischen berühmt: aufrechtes Stehen oder Sitzen mit geöffneten oder hinter dem Kopf verschränkten Armen. In einem Experiment fand Cuddy heraus, dass Menschen sich selbst mächtiger fühlen, wenn sie solche Posen einnehmen. Es scheint, als wirke die Körperhaltung auf die Selbstwahrnehmung – und das hat weitreichende Folgen: In einem weiteren Experiment ließ Cuddy Probanden auf diese Weise posieren, bevor sie dann spontan eine Rede halten sollten. Andere Versuchspersonen sollten dagegen die Schultern hängen lassen oder die Arme vor der Brust verschränken. Für die Haltung während der Rede gab Cuddy keine Anweisungen. Und obwohl die Bewerter nicht wussten, wer vor dem Auftritt welche Haltung eingenommen hatte, beurteilten sie die Reden der aufrechten Kandidaten besser – und deren nonverbale Präsens ebenfalls.

Wie stark die Körperhaltung unseren Blick auf uns selbst und die Welt beeinflussen kann, entdeckte der Psychologe Johannes Michalak bei einem Versuch mit depressiven Menschen. Er ließ sie entweder aufrecht oder zusammengesackt auf einem Stuhl sitzen. Dabei sollten sie sich Ereignisse aus ihrem Leben in Erinnerungen rufen, nachdem sie positive und negative Stichwörter gelesen hatten. Die Aufrechten erinnerten sich später an gleich viele positive wie negative Begriffe, die Zusammengesackten dagegen vor allem an negative. "Die Körperhaltung scheint eine gewisse Gestimmtheit des psychischen Systems hervorzurufen", sagt Michalak. Er vermutet, dass es Gedächtnisnetzwerke für Gefühle gibt, in denen Erinnerungen, Wörter und Körperwahrnehmungen verknüpft sind. "Eine zusammengesunkene Haltung an sich macht natürlich nicht depressiv, aber sie lässt Menschen eher negative Informationen verarbeiten. Und das kann auf die Dauer zur Niedergeschlagenheit beitragen."

An der kaiserzeitlichen Formel "Körperhaltung gleich Geisteshaltung" scheint also etwas dran zu sein. Ein Grund mehr, aufrecht durchs Leben zu gehen. Auf ein Korsett sollte dafür aber niemand zurückgreifen: Die äußere Stütze lässt die Muskeln erschlaffen – wer sie ablegt, klappt erst recht zusammen.