Christ und Welt: Peter Seewald, seit 1996 sind drei Gesprächsbände von Ihnen mit Joseph Ratzinger erschienen, am Anfang war er noch Kardinal, dann Papst. Jetzt legen Sie "Letzte Gespräche" vor, mit dem ersten emeritierten Papst der Neuzeit. Was war diesmal anders?

Peter Seewald: Zum einen ist es eine Weltpremiere. Erstmals in der Kirchengeschichte zieht ein Papst die Bilanz seiner Amtszeit. Zum anderen ist da eine Unbefangenheit und beispiellose Offenheit. Diese Gespräche waren ursprünglich ja nicht für eine eigenständige Publikation gedacht, sondern als Material für die Ratzinger-Biografie, an der ich arbeite. Dadurch sitzt man vielleicht auch ein wenig anders zusammen.

Christ und Welt: Wie entstand dieses Buch?

Seewald: Ein kleiner Teil der Interviews stammt noch aus der Amtszeit, der größere Teil aus der Zeit nach dem Rücktritt. Die Sitzungen zogen sich deshalb über einen längeren Zeitraum hin.

Christ und Welt: Als Sie Benedikt XVI. das erste Mal nach seinem Rücktritt trafen, wie haben Sie ihn da erlebt?

Seewald: Er war gebrechlicher geworden und sah entsetzlich müde aus. Schon von diesem Anblick her war verständlich, dass er sagt, er kann die Kraft nicht mehr aufbringen, die das Amt erfordert. Zugleich war eine große Gelöstheit zu erkennen. Es umgab ihn etwas Rührendes, weil die Bescheidenheit und Einfachheit wieder ganz unmittelbar spürbar waren, die ihn schon als Student und später als Kardinal gekennzeichnet hatten.

Christ und Welt: Vom Apostolischen Palast aufs Altenteil: Wie schaut es bei einem Papa emeritus daheim aus?

Seewald: Das sogenannte Kloster in den Vatikanischen Gärten ist eine recht bescheidene Angelegenheit. Hier wohnen neben dem Papst auch noch die Schwestern, die sich um ihn kümmern, sowie Erzbischof Gänswein …

Christ und Welt: … es ist eine Senioren-WG eher als eine Senioren-Residenz?

Seewald: Na ja, der einzige Senior ist Benedikt, Georg Gänswein ist mit seinen 60 Jahren für einen Bischof ja noch in den besten Jahren. Man wird jedenfalls von Schwester Camilla in Empfang genommen, die auch mal in Schürze die Tür aufmacht. Und dann gibt es einen kleinen Lift ins Obergeschoss, weil Benedikt inzwischen einen Rollator braucht.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Christ und Welt: Wie ist die Atmosphäre bei den Gesprächen?

Seewald: Joseph Ratzinger ist sehr strukturiert, und der Ablauf ist eigentlich immer gleich. Er fragt zu Beginn, wie’s mir geht, ich frage: Wie geht’s Ihnen? "Wie’s halt einem alten Mann so geht", sagt er – und dann geht’s auch schon mit dem Gespräch los.

Christ und Welt: Kein Plaudern vorab, keine Einladung zum Mittagessen danach?

Seewald: Nein, wir haben uns da immer begnügt mit einem kargen Rahmen. Einmal habe ich zu den Schwestern gesagt: Stellen S’ ihm doch bitte wenigstens ein Wasser hin. Aber er trinkt nichts, Kaffee ohnehin nicht.

Christ und Welt: Keine weltlichen Vergnügungen?

Seewald: Mein Eindruck ist, er lebt jetzt wirklich sehr im Gebet und für das Gebet. Aber ein Muss ist abends die italienische Tageschau. Sein Bruder hat sogar mal behauptet, Joseph Ratzinger sei nachrichtensüchtig.

Christ und Welt: Und das sonstige Fernsehprogramm, das ja in Italien oft recht deftig ausfällt?

Seewald: Wenn man ihn fragt, was er gern schaut, kommt meistens die Antwort: Don Camillo und Peppone! Er geht sehr früh ins Bett.