Der Mann, der das Wunder vollbracht haben soll, fährt eine schmale Straße hinauf, links und rechts die sanft herabfallenden Hänge am Fuße der peruanischen Anden. Ein paar Bananen wachsen am Wegesrand, eine Reismühle rattert. Wie ein zufriedener Feldherr lässt Hans Jochen Wiese seinen Blick aus dem Jeep über die Landschaft schweifen. "Das war alles Koka", sagt er.

Er meint: Bis ich kam.

Glaubt man den Berichten der UN, ist diesem Mann tatsächlich ein Wunder gelungen. Eines, das den Kampf gegen die Drogen revolutionieren könnte, das wieder Hoffnung schöpfen ließe, ihn gewinnen zu können. Nicht mit Gewalt und Zerstörung, so wie es die US-Regierung seit Jahrzehnten immer wieder erfolglos probiert, indem sie die Vernichtung der Kokafelder durch Spezialeinheiten der peruanischen Polizei finanziert. Sondern mit den Waffen der Menschlichkeit. Und denen der Wirtschaft. Wieses Programm soll die Existenzgrundlage der Bauern nicht zerstören, sondern ihnen helfen, eine neue aufzubauen. Anstatt mit Koka sollen sie ihr Geld mit dem Anbau von Kaffee, Kakao oder Ölpalmen verdienen.

Bloß: Wenn Wiese so erfolgreich war, wie konnte das Land dann gleichzeitig zum größten Kokaproduzenten der Welt werden?

Wiese sieht nicht aus, wie man sich einen hohen Repräsentanten der Vereinten Nationen vorstellt. Eher wie ein in die Jahre gekommener Abenteurer. Aus dem beigefarbenen Hemd quillt das ergraute Brusthaar. Die meisten Peruaner überragt er, der Deutsche, um mindestens einen Kopf. Das Gesicht ist sonnengegerbt, die Nasenspitze leicht nach unten gebogen. Fast immer guckt Wiese ein bisschen grimmig. Wenn er doch mal lacht, streckt er dabei die Zunge heraus, so wie ein Reptil, das darauf lauert, ein Insekt zu verschlingen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

In Peru war Wiese offiziell der Chief Technical Advisor des UN-Programms gegen den Kokaanbau. Er hatte Vorgesetzte, aber die kamen und gingen, Wiese blieb. 30 Jahre. Zwischen Anden und mückenbefallenen Ausläufern des Amazonas erschuf er sich ein Reich, in dem er wie ein König regierte. Wer heute dort recherchiert, stößt auf Bauern, die sich von Wiese entmachtet fühlen. Auf eine Fabrik, die mit UN-Mitteln errichtet wurde und nun, geführt von einem früheren Geschäftspartner des kolumbianischen Drogenkönigs Pablo Escobar, sagenhafte Profite abwirft. Auf Koka-Pflanzen, die unter UN-Palmen sprießen. Und auf einen Investor, der im großen Stil den peruanischen Regenwald abholzt. Es geht um Drogen, Macht, Geld, Umweltzerstörung.

Vor allem aber geht es um einen Mann, der auszog, die Welt zu verbessern. Und bei dem man sich am Ende nicht mehr sicher ist, ob er noch auf der Seite der Guten steht.

Aber erst einmal soll Wiese sein Wunder selbst vorführen.

Sein Jeep hält an einer steinernen Baracke. Drinnen begrüßt ihn Don Marcelino, ein schmächtiger Bauer im bunten, traditionellen Poncho. Beide nehmen auf Holzstühlen Platz und plaudern über vergangene Zeiten. Dann führt Don Marcelino auf die sechs Hektar Land hinter seiner Baracke. Mehr als sein halbes Leben hat er hier Koka angebaut. Nun aber wuchern überall Kakaopflanzen, mehrere Meter hoch, saftig grün und buschig.

Laut der UN-Behörde für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) haben 27.000 peruanische Bauern so wie Don Marcelino an dem Programm Alternative Entwicklung teilgenommen. Die Idee: Man zerstört die Felder der Bauern nicht, sondern hilft ihnen mit Krediten, Technik und Know-how, von der Kokapflanze loszukommen. Gekostet hat das Programm in Peru fast 100 Millionen Dollar, bezahlt vor allem von den Mitgliedsstaaten der EU – aus Deutschland kamen 10,6 Millionen. Doch hat es auch funktioniert?

Die von den UN unterstützte Genossenschaft, in der sich Don Marcelino mit 1.300 Bauern zusammengetan hat, heißt Oro Verde. Das bedeutet: grünes Gold. Auch mit Kakao, so die Botschaft, lässt sich Geld verdienen, nicht nur mit Koka, dem weißen Gold. Das ist auch Wieses Botschaft. Auf dem Rückweg nach Tarapoto, dem wirtschaftlichen Zentrum der Provinz San Martín, fährt der Jeep vorbei an Diskotheken mit grellen, blinkenden Leuchtreklamen. "Sehen Sie", sagt Wiese, als wäre das ein Beweis, "die Leute hier haben genug Geld, um sich zu vergnügen."

In einem UN-Bericht wird das durchschnittliche Jahreseinkommen der am Programm teilnehmenden Familien auf etwas mehr als 5.000 Dollar taxiert, in einzelnen Genossenschaften liege es über 10.000 oder sogar 25.000 Dollar. Wer mit Don Marcelino spricht, dem Bauern im bunten Poncho, bekommt etwas anderes zu hören. Nur 3.000 Dollar verdiene seine Familie. Das reiche gerade so zum Leben. Nicht einmal ausreichend Dünger könne man sich leisten.