Kommen Sie nach Reutlingen, oder lassen Sie es sein. Am besten: Lassen Sie es. Uns ist es fast lieber so. Wir brauchen keine Gaffer, die auf unsere wenigen Sehenswürdigkeiten stieren. Ihr Geld haben wir nicht nötig. Ihr Mitleid auch nicht. In Reutlingen genügen wir uns selbst. Bosch nährt uns, Daimler tränkt uns, KiK kleidet uns ein. Unsere Stadt ist keine Schönheit und gibt auch nicht vor, eine zu sein. Reutlingen ist ehrlicher Beton und anständiger Asphalt. Durch ihn müssen Sie sich beißen, sollten Sie sich doch einmal hierher verlaufen haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Ein Ring aus breiten Bundesstraßen legt sich um unsere Innenstadt. Sie vom Bahnhof her zu überqueren ist beschwerlich. Nur selten schalten die Ampeln auf Grün. Hinter dem Asphalt stoßen Sie auf Döner. Auf einen ganzen Stadtwall aus Döner. Wer es durch ihre Spieße hindurch geschafft hat, erreicht die Haupteinkaufsstraße, die Wilhelmstraße. Sie ist sehr lang und hat neues Pflaster. Zu kaufen gibt es hier viel – viel Schuhe und Bekleidung.

Unsere Stadt drängt sich auf wenig Raum. Zwei steil aufragende Berge zwängen uns in ein verdammt enges Tal. Einer davon, der kleinere, ist der Georgenberg, ein Vulkan, dessen Magma im Schlot stecken blieb, bevor es an die Oberfläche stieg. Eine große Kraft, die erkaltete, lange bevor sie sich entfalten konnte. So wie unsere Stadt. Einst Reichsstadt, nur dem Kaiser untertan, mit eigenem Militär und eigener Gerichtsbarkeit. Im 19. Jahrhundert dann von württembergischen Truppen besetzt, eine Schmach, die bis heute unvergessen ist. Schon lange vor den Weltkriegen war Reutlingen ein gedemütigter Ort. Wie unser Vulkan ist auch unsere Stadt ein Rohrkrepierer, mit Potenzial zu Größerem, aber stecken geblieben im Kleinstädtischen.

Was nicht schlimm wäre. Wenn wir nicht andauernd damit hadern würden, nicht so bedeutend wie Stuttgart zu sein.

Wir haben 110.000 Einwohner, jeden Monat werden es Hunderte mehr, die Wohnungsnot ist enorm, aber wir haben nur ein großes Kino. Die Fans von B-Movies kommen hier auf ihre Kosten. Wir haben 40 Autohäuser, aber nur zwei Buchhandlungen. Wir haben gar nicht so wenige Museen und Kunstgalerien, von denen die meisten allerdings so gut wie nie besucht werden. Eine Ausnahme: das Heimatmuseum mit seinem Rosengarten, eine kleine Oase. Aber, Warnung!!, auch jene Rosen sind kein Grund, Reutlingen zu besuchen. Denn dieses Idyll wird überragt vom mächtigen grauen Rathausbau aus den fünfziger Jahren. Wie ein Pflock sitzt der Betonklotz in der Altstadt. Nach dem Krieg hatte man mit ihm das Kleinstädtische in unseren Herzen abtöten wollen.

Träume, die wir träumen in Reutlingen, schlagen rasch in Albträume um. Der Kultur haben sie hier eine Krematoriumsoptik verpasst. Die neue Stadthalle im Zentrum, kantig, abweisend, rostbraun mit vertikalen Fensterschlitzen. Die sterile Fantasie eines Schweizer Architekten. Unsere Stadt ist reich, aber nicht sexy. Reutlingen ist produktiv. Die Unternehmen, die in Reutlingen ihren Sitz haben, haben selten klingende Namen, gehören aber zu den Säulen des deutschen Exportwunders. Berlin, die hochdefizitäre Hauptstadt, pflegen wir zu sagen, hängt an unserem Tropf.

Ruhe ist hier immer noch die erste Bürgerpflicht. Das Nachtleben hat die Stadtverwaltung mithilfe des Ordnungsamtes ausgetreten. Für einige Jahre war in der Altstadt etwas los gewesen, in kleinen Bars, improvisierten Clubs, die Straßen waren bis weit nach Mitternacht gefüllt mit jungen, feiernden Leuten – die besser ins Bett gehen sollten. Meinte die Stadtverwaltung. Jetzt ist die Stadt wieder so, wie es sich die Älteren wünschen, sehr ruhig. Das ist der Gruselmoment, wenn es Berliner zum ersten Mal hierher verschlägt: die unglaubliche Stille in der Altstadt nach Geschäftsschluss.

Und bitte kommen Sie nicht auf die Idee, wir tünchten die Stadt nur so schwarz, weil wir die Schönheit, die verborgene, ganz für uns beanspruchen wollten. Den malerischen Brunnenplatz am Gartentor, die lauschigen Bachstrände der Echaz, die vier wackeligen Stühle, die das Schwarze Cafe in die Fußgängerzone stellt, den Jazzclub im Kellergewölbe mit dem sauren Weißwein, den Wochenmarkt am Samstag, dem singenden Kellner Marcello Amoruso im Al Panino, die Pomologie, von dessen Wiesen man auf die weiß leuchtenden Felsen der Schwäbischen Alb sieht. Was für den Hamburger das Meer, ist für den Reutlinger die Alb. 400 Meter über der Stadt ist der Himmel ein ganzes Stück näher. Die Alb ist die Weite, die den Knoten in der schwäbischen Brust aufschnürt.

Also, überlegen Sie es sich genau, ob Sie uns in unserer Ruhe stören wollen. Fahren Sie besser ins nahe Tübingen. Eine sehr gute Idee! Da gibt es sogar ein richtiges Schloss. Versprochen!