Immer donnerstags, immer vormittags bildet im Tal der Träume der amerikanische Albtraum eine Schlange, die sich langsam vorwärtsschiebt. Immer donnerstags, immer vormittags stellt sich eine Frau in diese Schlange, die Haut schwarz, die Haare hochgesteckt, der Blick müde. Die Frau, heute trägt sie eine helle Bluse, macht einen Schritt nach vorn und schaut auf ihre frisch lackierten Fingernägel.

LaConya Gilbert, 30 Jahre alt und Mutter zweier Kinder, hat zwei Jobs. Sie macht die Buchhaltung für eine Zeitarbeitsfirma und pflegt eine behinderte Frau. Sie verdient 24.960 Dollar im Jahr. Trotzdem reiht sie sich jede Woche in Palo Alto in die Schlange der städtischen Ernährungshilfe ein, Fallnummer 15940.

Eine Obdachlose im Silicon Valley.

LaConya Gilbert steht an für Gutscheine, die sie bei Discountern wie Walmart und Target eintauschen kann gegen Lebensmittel und Kleidung. Sie werden für drei, vier Mahlzeiten für sie und die Kinder reichen. Brot, Butter, vielleicht Brokkoli, das Lieblingsessen ihrer Tochter. Gilbert selbst braucht dringend eine neue Hose. Sie hat gesehen, dass Walmart gerade welche im Angebot hat, das Stück für sieben Dollar.

Neben ihr in der Reihe schaut ihre Mutter auf die Uhr, Barbara Williams, 50, studierte Betriebswirtin. Heute arbeitet sie als Förderlehrerin und im Zweitjob bei einer Sicherheitsfirma. Außerdem macht sie noch eine Ausbildung zur Versicherungsmaklerin. Sie verdient 51.000 Dollar im Jahr und lebt in einer Sozialwohnung. Auch sie braucht Gutscheine.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

LaConya Gilbert lehnt sich an ihre Mutter, schnauft erschöpft, es dauert. Jetzt ist erst mal Paul dran. Mutter und Tochter kennen Paul, er kommt jede Woche hierher. Paul ist Informatiker, war Softwaretester bei Apple und Adobe, bis ein anderer ihn ersetzte. Nach vier Jahren auf der Straße hat er vor Kurzem wieder eine Wohnung gefunden.

Nach ihm kommt David, graues T-Shirt, Jeans, die Gewöhnlichkeit in Person. David ging auf dieselbe Highschool wie Steve Jobs, hat eine Arbeit und ein Auto, kann sich aber kein Zimmer leisten.

LaConya Gilbert und ihre Mutter warten weiter und grüßen VJ, die, gestützt auf einen Rollator, an ihnen vorbeischlurft. VJ war einst angestellt in der Personalabteilung eines großen Elektronikunternehmens, bekam einen schweren Diabetes, verlor ihre Stelle und wäscht nun per Hand, weil sie kein Geld hat für den Waschsalon.

LaConya Gilbert und ihre Mutter und Paul und David und VJ: Sie sind die Gesichter einer neuen, amerikanischen Armut. Viele der Menschen, die an diesem Donnerstagvormittag in einem Gemeinderaum der All Saints Episcopal Church von Palo Alto auf Almosen warten, haben Job und Lohn, Bildung und einen geregelten Tagesablauf. Sie passen nicht ins Klischee von Hunger und Elend. Und dennoch ist ihr Anblick ein Bild der Alltäglichkeit im Silicon Valley, der düstere Ausschnitt eines blendenden Panoramas.

Das Valley wirkt, zunächst, wie ein kleines Paradies. Von San Francisco fährt man hinein in das Tal, das eigentlich keines ist, eher ausgedehnte amerikanische Vorstadt. Links streckt sich die Bucht von San Francisco, am Horizont Hügel, Palmen. Der Highway 101 führt durch eine blühende Landschaft, vorbei an Palo Alto und Mountain View bis nach San José. Weiße Busse mit abgedunkelten Fensterscheiben gleiten über die Fahrbahn, und vorbei rauscht auch ein Wahlkampfbus von Donald Trump. Am Straßenrand zeigen sich warm und bunt und von der Sonne beschienen die Firmensitze von Microsoft, Google, Intel. Was man nicht sieht: Im Zukunftslabor Amerikas, in einer der reichsten Gegenden der USA, zwischen 53 Milliardären und Zehntausenden Millionären leben Hunderttausende Menschen in Armut. 15 044 sind offiziell obdachlos, schlafen auf der Straße, in Autos oder Garagen. Und die Statistiken erfassen nicht mal alle. Abertausende, die bei Freunden unterkommen, sich winzige Zimmer teilen, werden nicht mitgezählt. Auch LaConya Gilbert und ihre Kinder gehören zu diesen Unsichtbaren, die man eigentlich dazuaddieren müsste. Sie schlafen illegal in der Sozialwohnung der Großmutter.