In der 18. Straße von Manhattan hat eine Weltversammlung begonnen. Sie besteht aus einem Nepalesen, der westliches Gurung spricht, einem chinesischen Studenten einer Eliteuniversität, der sich für den Gurung sprechenden Nepalesen interessiert, einem mexikanischen Schamanen, der einmal in der Woche eine Radiosendung auf Totonac moderiert, einer deutsch-türkischen Entwicklungspsychologin, die Lasisch erforscht, und einem Linguistikprofessor, der Experte für die Idiome Südostasiens ist.

Der Professor heißt Daniel Kaufman, er hat diese Weltversammlung einberufen. Der Raum, in dessen Mitte ein paar Tische zusammengeschoben sind, ist mit Karten an den Wänden zugehängt. Sie zeigen, wie sich die Azteken-Dialekte über das südliche Mexiko verteilen oder wo in Sumatra die Menschen Minangkabau sprechen. Hier befindet sich das Hauptquartier der Endangered Language Alliance (ELA), der "Allianz für gefährdete Sprachen". Sie ist ein Zusammenschluss von Linguisten und Sprachaktivisten, die etwas aufhalten wollen, das unsichtbar ist und unmerklich voranschreitet: das Verschwinden von Sprachen.

Dafür konnte sich die ELA keinen besseren Ort als New York aussuchen. 6.000 Sprachen hat die Unesco auf dieser Welt gezählt. Die Hälfte könnte bis 2100 ausgestorben sein. 800 werden in Manhattan, Queens, Brooklyn, der Bronx und Staten Island gesprochen – wohl nirgendwo ist die Sprachendichte höher.

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In diesem Soziotop wuchs Daniel Kaufman auf. Heute ist er Professor am Queens College der City University of New York. Er kennt die Hektik, den Hype und die Lautstärke dieser Stadt. Das Revier des Sprachenjägers sind die Straßen der Metropole. Nicht jene Canyons Manhattans, in welche die Sonne nie hereinscheint, sondern die Viertel in der Peripherie, in die jene Menschen gespült werden, die nach einem neuen Leben suchen, das alte aber noch mit sich herumtragen, auch auf ihren Zungen.

Kaufmans Arbeit ist mehr als nur der Spleen eines Aktivisten. Sie stärkt das Selbstbewusstsein jener Minderheiten, deren Idiome die ELA untersucht. Sie erhebt Daten, die Linguisten später analysieren. Sie beschäftigt sich mit diffizilen wissenschaftlichen Problemen, etwa der Frage, ob es eine universale Grammatik für alle Sprachen gibt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.
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"Als ich mit dem Sammeln anfing, bin ich einfach über den Roosevelt Boulevard in Queens spaziert und habe Leute beim Einkaufen oder an der Bushaltestelle belauscht, wenn ich auf der Suche nach neuen, seltenen Sprachen war", erzählt Kaufman. Stieß er auf eine rare Sprache, lud er die Sprecher ein, mit der ELA zusammenzuarbeiten. Heute sind die Streifzüge nicht mehr nötig; längst hat er mehr Sprachen gefunden, als die ELA bearbeiten kann. "Hier gibt es so viel Seltenes, dass wir gar nicht mehr hinterherkommen."

Man würde gern die Geschichte erzählen, in der Kaufman ein Noah ist und die Stadt seine Arche. Oder in der ein Held einen Schatz gegen böse Mächte verteidigt. Doch New York taugt nicht für dieses Märchen. Viel mehr als ein sicherer Hafen ist die Stadt ein Friedhof für Sprachen. Deutlich länger als zwei Generationen behält kaum eine Community ihre Muttersprache in der Diaspora.

Der linguistische Suizid

Doch es gibt Menschen wie José Juárez, die ihre Sprachen gegen alle Wahrscheinlichkeiten verteidigen. Wie alle Mitglieder der Weltversammlung aus der 18. Straße hat er eine Mission. Juárez ist einer von 250.000 Menschen, die Totonac sprechen, eine indigene Sprache Mexikos. "Ich lebe seit 23 Jahren hier. Noch immer spüre ich Vorbehalte gegenüber meiner Herkunft", erzählt er. Er fühlt sich abgewertet, seine Sprache missachtet. Vielleicht weil José Juárez Schamane ist und die Geister, die New York üblicherweise umtreiben, wenig gemein haben mit jenen, die Juárez beschwört. Einmal in der Woche kommt er ins Büro der ELA, um Kontakt zu den Totonac-Muttersprachlern in Mexiko aufzunehmen. Er moderiert eine Radiosendung im Internet, in der er Geschichten aus der neuen Heimat erzählt, sich über Politik ereifert, Ratschläge gibt. Die Hörer schreiben Mails, sie lassen Grüße nach Los Angeles oder Spanien ausrichten, alles über die stickigen acht Quadratmeter der Radiokabine, die so weit entfernt sind und doch ein Stück Heimat bieten.

Im Ausland sind Sprachen wie Totonac nutzlos. Um ihre Kinder nicht mit einer vermeintlichen Hypothek ins Leben zu schicken, sprechen die Eltern lieber Englisch oder Spanisch mit ihnen. Dieses Schema ist so verbreitet, dass Wissenschaftler einen Begriff dafür erfunden haben: linguistischer Suizid.

Kaufman und seine ELA wollen das Sterben nicht begleiten. Sie wollen es aufhalten. Schon die Tatsache, dass sich die Wissenschaftler intensiv mit einer Sprache auseinandersetzen, wertet sie innerhalb der Communities auf. Die ELA organisiert Kurse für Bretonisch (gesprochen in der Bretagne) oder Nahuatl (wurde schon von den Azteken benutzt) und hat Bücher für den Unterricht von Tsou (ein indigenes Idiom in Taiwan) herausgegeben.

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Manfred, Roland und Siegfried nehmen nicht an der Weltversammlung teil. Sie halten sich an Biergläsern fest und gucken Fußball auf den Bildschirmen, die über der Theke hängen. Jeden Mittwoch kommen sie in die Kneipe in Queens, deren Name in Leuchtschrift an der Fassade prangt: Gottscheer Hall. Bar, Catering, Parties, steht an der blauen Markise. Was dort nicht steht: Die Gottscheer Hall ist eine Erinnerung an eine Welt, die es nicht mehr gibt.

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Bis 1941 lebte die Gemeinschaft rund um die Stadt Gottschee im heutigen Slowenien. Ihre Sprache ist eine ursprüngliche Form des Deutschen, sie überlebte als eine der vielen deutschen Sprachinseln in Osteuropa. Während des Zweiten Weltkriegs musste das Volk seine Heimat aufgeben, spätestens bis 1951 waren fast alle geflohen. Ganze Dörfer wurden neu besiedelt, viele sind komplett verfallen. Die Emigranten gingen nach Australien, Österreich oder eben nach New York.

Für eine der größten Gemeinden ist die Gottscheer Hall das Zentrum. Ist? War. Schon für die Kinder der Auswanderer ist Englisch die Muttersprache, ihre Enkel verstehen Deutsch überhaupt nicht mehr. Bis auch der letzte Gottscheer seine Sprache mit ins Grab nimmt, ist es nur eine Frage von Jahrzehnten. Selbst in der Gottscheer Hall zweifelt daran niemand. Nicht Siegfried, der auf Deutsch höchstens noch flucht, nicht Manfred, der sich furchtbar über Merkels Flüchtlingspolitik aufregt. Roland Belay, der eine Goldkette mit österreichischem Bundesadler um den Hals trägt, gibt der Sprache noch 50 Jahre, bis der letzte Gottscheer-Sprecher gestorben ist. Trotzdem erzählt er voller Begeisterung von der Geschichte seines Volkes und der deutschen Community, für die diese Nachbarschaft einst berühmt war.

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Jeden Mittwoch trifft sich der gemischte Chor in der Gottscheer Hall, begleitet von einem verstimmten Klavier. Es ist merkwürdig, 20 Stimmen in Gottscheer zu hören, die von "Main Dearfle" singen, während draußen der M Train der Subway vorbeiballert: "Main Dearfle müss i haint varluss’n / ünt varluss’n main Vutarhaüsch! / Vila Baglain, vila Schtruss’n / tsoig’nt mir in da Barlt hinaüs. (...) "Et vergiss dain Hoimöt dü!" (Mein Dörfchen muss ich heut verlassen / und verlassen mein Vaterhaus! / Viele Wege, viele Straßen / zeigen mir in die Welt hinaus (...) / "Vergiss nicht deine Heimat, du!")

Beim Weg zurück ins Erdgeschoss sind die Stimmen noch durch die geschlossene Tür zu hören. Sie bilden den Soundtrack für die Traurigkeit, die sich hier in den Wänden und Nischen und Bildern eingenistet hat. Niemand muss hungern, wenn eine Sprache verschwindet, niemand Schmerzen erleiden. "Sprachen sterben leise", sagt Kaufman. "Dabei zeigen sie, wie vielgestaltig die menschliche Kultur ist. Mit jeder Sprache, die ausstirbt, verlieren wir einen Teil davon." Kaufman ist Jude, seine Eltern kamen als Einwanderer nach New York. Sie redeten Hebräisch miteinander. Der Junge schämte sich, fand es rückschrittlich – bis ihm klar wurde, dass er damit sich selbst verleugnete. Seitdem redet er in ihrer Muttersprache mit ihnen. "Wir brauchen unsere Unterschiede, unsere Ethnie und unsere Kultur, um zu verstehen, wer wir sind", sagt Kaufman. Und eine Kultur braucht eine Sprache, um zu überleben.

Lokale Sprachen werden von nationalen verdrängt

Die Sprachen, die von großen Gesellschaften gesprochen werden, haben normalerweise ein größeres Vokabular als kleinere Sprachen, das haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten herausgefunden. Man könnte meinen, dass auch die Struktur der großen besonders fein und hoch entwickelt ist, doch in der Regel ist das Gegenteil der Fall. Denn große Sprechergemeinschaften sind meist heterogener. Um sich zu verständigen, müssen sie ihre Regeln vereinfachen. Ist eine Gruppe dagegen homogen, haben ihre Mitglieder weniger Probleme, die komplexen Regeln zu pflegen. Je kleiner eine Sprache, desto sperriger und komplexer. So gibt es die Archi-Sprache, die nur in dem Dorf Archib in Dagestan gesprochen wird, in der Linguisten gezählt haben, in wie vielen verschiedenen Formen ein Verb verwendet werden kann. Mit Vor- oder Nachsilben lassen sich 1.502.839 Varianten des Verbs bilden.

Für Daniel Kaufman ist diese Komplexität ein Grund, gegen das Aussterben zu kämpfen. "Das meiste, was wir über Sprachen zu wissen glauben, kommt aus großen Idiomen wie dem Englischen, dem Deutschen, Spanischen oder Chinesischen. Aus dieser Stichprobe versuchen wir universelle Regeln abzuleiten. Doch fast jede der Sprachen, mit der wir uns hier beschäftigen, bricht eine dieser Regeln." Ikota etwa, gesprochen im afrikanischen Gabun. "Nur hier kann man eine Frage stellen, bei der das Fragewort am Satzende steht."

Kaufman widerspricht damit dem Star-Linguisten Noam Chomsky. Der beschäftigte sich in den sechziger Jahren mit der Frage, ob es eine Universalgrammatik gibt: Sind uns die Regeln von Sprachen über die Gene in die Wiege gelegt, und folgen deshalb alle Idiome den gleichen Regeln? Bis heute streiten Linguisten auf Konferenzen und in Aufsätzen darüber. Wer die Architekturen von Sprachen versteht, kann versuchen, noch größere Fragen zu beantworten. Wie haben sich Sprachen entwickelt? Wie funktioniert unser Denken? Was hat der Bauplan unseres Gehirns mit unserem Spracherwerb zu tun?

Narayan Gurung interessiert etwas anderes. Der 54-Jährige nimmt schon seit einer Weile an der Weltversammlung teil. Er stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Pokhara, einer 250.000-Einwohner-Stadt in Nepal. Er hat vier Kinder, keines von ihnen spricht Gurung, seine Muttersprache, und in seiner Heimat reden die meisten in der Landessprache miteinander, also Nepali. Dass lokale von nationalen Sprachen verdrängt werden, ist in vielen Ländern der Welt ein Grund für das Sprachensterben. Regelmäßig trifft sich Narayan mit Lingzi Zhuang, der an der Columbia University Informatik und Linguistik studiert. Ein bis zwei Stunden dauern die Treffen. Zhuang schaltet Kamera und Aufnahmegerät ein, dann beginnt das Interview: "Erzähle mir von deiner Kindheit, Narayan! Wie sah die Straße aus, in der du gewohnt hast? Welche Sprichwörter kennst du?"

Tausende Stunden Material hat die ELA so gesammelt. Nach und nach arbeiten Freiwillige wie Zhuang die Videos auf, schreiben Untertitel, obwohl es für viele Sprachen keine Schrift gibt, oder übersetzen, selbst wenn noch nie jemand ein Wörterbuch angelegt hat. Im YouTube-Kanal der ELA kann man hören, wie eine alte Frau in Livisch von ihrem Schulweg in Lettland erzählt, wie ein Mann in Masalit beschreibt, dass er vor dem Bürgerkrieg in West-Darfur Antilopen jagte.

Auch Peri Yüksel ist auf der Suche nach den Klängen ihrer Kindheit. Yüksel wuchs in Berlin auf, ihre Eltern sind Lasen – die Ostfriesen des Kaukasus, wie sie sagt. Sie lebten in den Höhen Anatoliens, in den Bergen, in die der Wind die Nebel vom Schwarzen Meer hinauftreibt und wo Jason der Sage nach das Goldene Vlies erbeutete. 30.000 Muttersprachler leben noch dort. Zwei Generationen, so lautet eine Prognose, dann wird Lasisch ausgestorben sein.

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Die Entwicklungspsychologin Yüksel, die an der New Jersey City University lehrt, erinnert sich, wie sie als Jugendliche nach ihren Wurzeln suchte: "Erst wollte ich echte Türkin sein, dann nicht. Es gab eine Zeit, da wollte ich am liebsten Sabine heißen." Als Studentin verbrachte Yüksel Wochen in den Dörfern der Lasen, sie beobachtete, wie Großeltern mit ihren Enkeln auf Lasisch sprachen. Was sie herausfand: Obwohl die Muttersprache der Enkel Türkisch war, folgten sie den Aufforderungen auf Lasisch. Die Kinder verstanden mehr, als die Alten glaubten.

Kaufmans kleine Weltversammlung stemmt sich gegen etwas, das man kaum aufhalten kann. Und dennoch: Peri Yüksel hat zwei Kinderbücher auf Lasisch geschrieben. Narayan Gurung ist Teil einer New Yorker Gurung-Community, die gerade begreift, dass sie ihre Sprache bewahren möchte und regelmäßig gemeinsam feiert. Roland Belay aus der Gottscheer Hall lädt zum Chorkonzert ein. Und Versammlungsleiter Daniel Kaufman? Er hält Vorträge über die seltenen Sprachen und bereitet ein Treffen mit Verbündeten in Kanada vor. Dann entschuldigt er sich, seine Frau, die aus Indonesien stammt, hat angerufen. Kaufman ist gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Seine Kinder wachsen mit Englisch und Bahasa auf. Sie sollen immer wissen, wer sie sind.

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