Die These ist verbreitet, vom Kreml über das Willy-Brandt-Haus bis in AfD-Büros. Besonders prägnant spricht sie Sahra Wagenknecht aus, die Fraktionschefin der Linken im Bundestag: "Die Nato-Einkreisung Russlands sichert nicht den Weltfrieden, sondern gefährdet ihn."

Die Nato kreist Russland ein. Stimmt das?

Nehmen wir den Begriff der Einkreisung zunächst einmal wörtlich. Russland ist das größte Flächenland der Erde. Sein Staatsgebiet erstreckt sich über gut 16 Millionen Quadratkilometer (die Krim und die Ostukraine nicht mitgerechnet). Das entspricht etwa einem Achtel der Landmasse des Planeten oder fast fünfzigmal der Fläche Deutschlands. Der Großteil von Russlands Außengrenzen besteht aus Küste, circa 37.500 Kilometer. Ein eher überschaubarer Teil davon grenzt an die Vereinigten Staaten. In der Beringstraße liegen die beiden Inseln Ratmanow (Russland) und Klein-Diomedes (USA) nicht einmal vier Kilometer voneinander entfernt. Die viel belachte Ex-Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, hatte schon recht: Man kann Russland von Amerika aus sehen. Bei günstigem Wetter jedenfalls. Aber da von den Inseln bisher weder auffällige Truppenbewegungen noch Spannungen berichtet wurden, beschränken wir uns auf die Landgrenzen.

Im Westen und Süden grenzt Russland auf einer Länge von knapp 20.000 Kilometern an Nachbarländer. Unter ihnen sind drei Nato-Mitglieder, mit folgenden Anteilen: Norwegen mit 196 Kilometern, Estland mit 294 Kilometern und Lettland mit 217 Kilometern. Zusammen macht das 707 Kilometer. Das entspricht etwa 3,5 Prozent der Landgrenze Russlands. Von Einkreisung also keine Spur. Geografisch von der Nato eingekreist ist lediglich die russische Enklave Kaliningrad, die zwischen Polen und Litauen liegt. Sie macht indes weniger als ein Tausendstel der russischen Landmasse aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Aus geografischer Sicht ist die These von der Einkreisung Russlands durch die Nato also nicht bloß falsch. Sie behauptet gegen alle offenkundigen geografischen Tatsachen eine versteckte Agenda. Sie ist damit ein klarer Anwärter auf eine klassische Verschwörungstheorie – vorausgesetzt, sie ist auch in politischem Sinne kontrafaktisch.

Fragen wir also: Verfolgt die Nato die Politik, Russland einzukreisen? Die Ausdehnung der Allianz seit dem Ende des Kalten Krieges ließe daran denken. In bislang drei Erweiterungsrunden hat sich die Nato immer näher an Russland heranbewegt, und zwar in einer (von Europa aus gesehen) halbkreisartigen Form, von Estland bis nach Albanien. Weitere Balkanländer, unter ihnen das traditionell russlandfreundliche Serbien, diskutieren die Mitgliedschaft. Umstritten innerhalb des Bündnisses war, wie es mit den Beitrittswünschen der Ukraine und Georgiens umgehen sollte. Die Regierung von George W. Bush wollte beiden Ländern den Aufnahmeprozess eröffnen. Dagegen sträubten sich einige europäische Staaten, unter ihnen Deutschland. Der Formel-Kompromiss, der auf dem Bukarester Nato-Gipfel 2008 erzielt wurde, lautete, "dass diese Länder Nato-Mitglieder werden". Wann und wie, steht allerdings in den Sternen. Tatsache also ist: Die Nato betreibt eine Politik der sichelförmigen Ausdehnung in der russischen Peripherie.

Der Begriff der Einkreisung allerdings unterstellt eine offensive Absicht. Die lag den Erweiterungsrunden nicht zugrunde. Grob gesagt, strebten und streben weniger die alten Nato-Staaten mit der Allianz nach Osten, als dass einige Staaten im Osten in die Nato strebten. Zugleich machte das Bündnis den Russen immer wieder Angebote zur Kooperation, etwa im Format der "Partnerschaft für den Frieden".

Auch deswegen ist das Wort von der "Einkreisung" ein manipulativer Begriff. Er impliziert einen Masterplan gegen Russland, der weder von geografischen noch von politischen Fakten gedeckt ist.