Hier stimmt etwas nicht. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie dieser Mann aus einer Ecke des Raumes auffallend zielstrebig auf mich zukommt. Ich bin zum ersten Mal hier, habe diese Welt betreten, indem ich mir Datenbrille und Kopfhörer aufgesetzt habe. Es ist, als ob ich meinen Körper daheim vor dem Computer zurückgelassen hätte und im Geist an einen weit entfernten Ort gereist wäre. Mit den Controllern in meinen Händen bewege ich mich als eine Figur aus Pixeln durch die dreidimensionale Computergrafik von AltspaceVR, einem Treffpunkt in der virtuellen Realität.

Eigentlich würde ich mich gerne diesem verrückt echten Gefühl hingeben: Ich bin eingetaucht in diese Umgebung, die es nicht gibt. Ich drehe mich um die eigene Achse, gehe ein paar Schritte durch einen großen, hellen Raum zu einer Terrassentür, vor der Vögel zwitschern und Grillen zirpen. Ein Bach plätschert. Eigentlich würde ich mich jetzt gerne umschauen und plaudern mit den anderen Leuten, deren Grafikfiguren (Avatare) in Grüppchen draußen in einer digitalen Dämmerung unter Bäumen stehen. Eigentlich will ich erleben, was es mit dieser "Social VR" auf sich hat, der sozialen Interaktion in der virtuellen Realität.

Eigentlich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

Aber nun kommt dieser Mann näher, immer näher. Ich sehe, wie der riesige rote Körper seines breitschultrigen Avatars sich vor mir aufbaut. Und ich höre die schweren Atemzüge des echten Spielers direkt an meinem Ohr. Alarm, schreit jede Zelle meines Körpers, aber ich bin wie erstarrt. Ich schaue an mir hinunter und sehe: Das digitale Abbild seiner Hände greift mir an die Brüste. Diese Hände werden mittels raffinierter Technik in die virtuelle Welt eingeblendet, sie führen die Bewegungen aus, die der Fremde real vollführt. Irgendwo auf der Welt sitzt er, eine Datenbrille auf der Nase und greift zu. Ich starre nur auf diese Hände. Als ich wieder hochschaue, blickt er mir in die Augen. Er hält den Kopf schief, auch das eine Bewegung aus der echten Welt, von der Technik hierher übertragen. Dann höre ich ihn leise lachen.

Ich will einen Schritt zurückgehen, blicke mich um. Da sind Stufen hinter mir. Nur aus Pixeln, ich weiß, trotzdem zögere ich. Was, wenn ich stolpere? Wo bin ich noch mal: auf dem ebenen Boden meines Wohnzimmers oder am Ende dieser Treppe?

"Das alles ist so real!" Wie oft habe ich das gehört von Menschen, die glücklich grinsend ihr Headset abgesetzt haben. Selbst hatte ich schon einige solcher Spiele ausprobiert und war beeindruckt. Dann las ich, Forscher und Entwickler prognostizierten mittlerweile, wichtiger als Spielen werde in der virtuellen Realität (VR) etwas anderes: Menschen wollten Interaktion. Wer weit entfernt lebe, könne im Virtuellen Erlebnisse teilen. Wie ein soziales Netzwerk sei das, aber dreidimensional. Social VR hatte meine Neugier geweckt. Und tatsächlich, sofort erlebte ich das komplette Eintauchen ("Immersion") in die andere Welt, als sei ich wirklich dort. Nur gibt es auch eine Schattenseite der Immersion: Negatives fühlt sich ebenso real an.

Ich nehme das Headset vom Kopf und atme durch. Als ich in die andere Welt zurückkomme, steht der Mann ein paar Schritte entfernt. Ich gehe in die andere Richtung und frage mich, ob ich besser keinen weiblichen Avatar hätte wählen sollen. Oder ob ich sonst irgendetwas falsch gemacht habe – es klingt wie ein Klischee, aber ich frage mich tatsächlich, ob der Fehler bei mir liegen könnte.

Lange muss ich nicht recherchieren, um zu verstehen: Dies war keine Ausnahme. Beinahe alle Frauen, die ich in den folgenden Wochen in den virtuellen Räumen von Altspace treffe, berichten davon, ähnliche Erfahrungen gemacht oder beobachtet zu haben. Männer, die ungefragt Frauen küssen und umarmen, die ihnen an die Brüste, den Po und in den Schritt fassen: In amerikanischen Technikblogs beschreiben Betroffene immer wieder ähnliche Situationen.

Selbst erfahrene Spielerinnen, die den bisweilen sexistischen Ton im Netz gewohnt sind, erstaunt die neue Qualität der Übergriffe: Renee Gittins, Geschäftsführerin des Videospielunternehmens Stumbling Cat aus Seattle, schreibt in ihrem Blog, sie spiele seit 15 Jahren intensiv Onlinespiele und wisse sich normalerweise gegen Angriffe aller Art zu wehren: "Aber als mir dieser Mann gegenüberstand, seine Brust rieb und aggressiv rief: 'Schau mich an, ich reibe meine Titten!', bin ich erstarrt. Ich war überrascht von dem Unbehagen, das ich spürte. Es war so fühlbar" – selbst als sie ihre Datenbrille abgesetzt habe. "In der virtuellen Realität steckt eine große Portion Realität."