Als die Soldaten vorrücken, verlassen Tausende ihre Häuser und ergreifen die Flucht. Der einfachste Weg führt in kleinen Booten über das Meer. Wer die gegenüberliegende Küste erreicht, zieht weiter, durch karges, sonnenverbranntes Land. Syrien, Türkei, Griechenland heißen die Stationen. Nur in umgekehrter Reihenfolge. In Europa tobt der Zweite Weltkrieg, und die Flüchtenden sind Griechen vom Dodekanes, der Inselgruppe in der südlichen Ägäis um Rhodos herum. Sie fliehen im Oktober 1943 vor der deutschen Wehrmacht.

Vorangegangen ist im September die Kapitulation des faschistischen Italien und im Juli die Entmachtung Mussolinis. Mit seinem fliegenden Wechsel vom Verbündeten des nationalsozialistischen Deutschland zu den Alliierten zerbröckelt das italienische Reich auf dem Balkan. Die Italiener ziehen sich zurück, die britische Armee kann den Einmarsch deutscher Truppen nicht verhindern. Als im Herbst und Winter 1943/44 die SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division Prinz Eugen weite Teile der dalmatinischen Küste erobert, fliehen Tausende Jugoslawen, überwiegend Kroaten, auf die von den Partisanen kontrollierte Insel Vis. Um die Flüchtlinge länger zu beherbergen, fehlt es der kleinen Insel an Fläche und Infrastruktur. Über Süditalien werden sie von der britischen Armee nach Ägypten evakuiert.

Neun Flüchtlingslager gibt es damals in Syrien, Palästina und Ägypten. Bei den meisten handelt es sich um ehemalige Lager der britischen Armee, die ab Mai 1944 von der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) übernommen werden. Die UNRRA ist Ende 1943 auf Betreiben der USA entstanden und kümmert sich, gestützt von 44 Mitgliedsstaaten, um die Versorgung und später die Rückkehr der Flüchtlinge. Ab 1945 agiert sie als Teil der neu gegründeten UN, in deren New Yorker Archiven heute die Berichte der UNRRA über die europäischen Flüchtlinge im Nahen Osten lagern. Bislang noch kaum ausgewertet, erlauben sie zusammen mit Unterlagen aus dem Staatsarchiv von Split einen Einblick in das Leben der Flüchtlinge, die nach dem Krieg weitgehend in Vergessenheit geraten sind.

Mit der Größenordnung der heutigen Fluchtbewegung aus dem Irak und Syrien ist die damalige Episode nicht zu vergleichen. Geringfügig ist sie dennoch nicht. Im Januar 1945 füllen fast 40.000 europäische Flüchtlinge die Lager im Nahen Osten. In El Shatt, dem größten von ihnen, nördlich der Stadt Sues gelegen, leben 20.000 Flüchtlinge aus Dalmatien. Sues selbst ist mit seinen 30.000 Einwohnern kaum größer. Die Griechen werden teils ins südliche Afrika verschifft, im Mai 1944 leben fast 4.000 in Äthiopien, Belgisch-Kongo, Tanganjika (heute Tansania) und Rhodesien. Die meisten aber kommen im palästinensischen Nuseirat und in Moses Wells unter, einer Quarantäne-Station in Ägypten auf dem Weg nach Mekka am Golf von Sues. Das zehn Kilometer südlich der Stadt Gaza gelegene Nuseirat wird später mit dem arabisch-israelischen Krieg 1948 erneut ein Flüchtlingslager. Heute leben dort 66.000 palästinensische Flüchtlinge.

Die Aufnahmeländer sind Protektorate Großbritanniens und Frankreichs. Begeistert ist man am Ort über die Flüchtlinge nicht. So stellt die UNRRA fest, dass "keine Regierung die Flüchtlinge wirklich willkommen heißt, da diese im besten Fall ein weiteres Problem zusätzlich zu den unvermeidlichen Lasten des Krieges sind". Um die einheimische Bevölkerung nicht aufzubringen, verbietet die Regierung Ägyptens zunächst eine Berichterstattung über die Lager.

Die Flüchtlinge sollen dem Aufnahmestaat keine Kosten verursachen. Die Lager dürfen sie kaum verlassen. In Moses Wells können sie im Roten Meer baden und abends am Strand spazieren gehen. Von El Shatt aus kann man die Stadt Sues sehen, darf sie aber nicht besuchen. Auch das Baden im Sueskanal ist verboten. Dennoch schwimmen dort abenteuerlustige Jungen im regen Schiffsverkehr. Die Ausnahme bildet ein Durchgangslager am Rande Aleppos. Den Flüchtlingen steht dort die nahe gelegene Stadt mit ihrem quirligen Leben offen.

Die Stimmung in den Lagern hängt eng mit den Lebensumständen der Flüchtlinge zusammen. Mitarbeiter der UNRRA notieren sich, dass die Griechen in Moses Wells "eine Flüchtlingsmentalität" aufwiesen: "Was auch immer für sie getan wird, stets finden sie einen Grund, sich zu beschweren." In Briefen nach Hause oder an Verwandte in Übersee wird die Lage dramatisiert, wohl auch, um Geld zu bekommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 38 vom 8.9.2016.

In allen Lagern arbeitet ein Teil der Flüchtlinge, überwiegend sind es die Männer. Sie helfen in der Verwaltung, den Küchen und den Krankenhäusern. Ein UNRRA-Mitarbeiter schreibt in einem Bericht Ende 1944, dass ihnen die Arbeit "eine gewisse Selbstachtung gab und Prestige in den Augen der Frauen und kleinen Jungen".

In den griechischen Lagern erfolgt die Arbeit gegen Bezahlung. Für die jugoslawischen Partisanen gibt es nur eine Extra-Ration Zigaretten oder Brot. Sie sollen nicht besser behandelt werden als Soldaten der Befreiungsarmee, die in Jugoslawien auch ohne Sold kämpfen. Zerstreuung bieten in den Lagern Kinos und Kaffeehäuser. Auch dort finden sich vor allem Männer ein. Die Frauen, oftmals aus einem traditionellen Umfeld kommend, kümmern sich um den Haushalt und dekorieren die kargen Zelte mit Stickereien und improvisierten Bildern. Die Kinder versucht man, so gut es geht, zu unterrichten. Da es keine Lehrmaterialien gibt und Papier knapp ist, schreiben im Lager Tolumbat, 20 Kilometer östlich von Alexandria, die Schüler ihre Übungen in den Sand.