Der größte Fehler in der langen Geschichte der Menschheit? Für den Evolutionsbiologen und Pulitzer-Preisträger Jared Diamond ist die Antwort eindeutig: dass die Menschen sesshaft wurden. Zwar habe es sich, gesteht der amerikanische Forscher zu, um den Startschuss zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte gehandelt – in den vergangenen 10.000 Jahren ist die Zahl der Menschen von vier Millionen auf bald acht Milliarden gewachsen. Doch die gewaltigen Probleme, die durch die Sesshaftwerdung erst entstanden sind, bestimmen das menschliche Schicksal bis heute.

Tatsächlich stellt der Übergang des Homo sapiens vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter die dramatischste Verhaltensänderung einer Tierart auf diesem Planeten dar, die je beobachtet wurde. Um die Bedingungen und Motive dieses Wandels zu erforschen, stützten sich Wissenschaftler bisher auf genetische, archäologische und ethnologische Studien. Unbemerkt blieb, dass es eine Quelle gibt, die wie keine zweite Einblick in diese Misere des Menschen gewährt: die Bibel.

Das Alte Testament bringt den menschheitsgeschichtlichen Umbruch auf den Punkt: Gott hat Adam und Eva fürs Paradies bestimmt, aber diese fristen ihr Dasein weit jenseits von Eden. Dort geht es drunter und drüber. Kain erschlägt Abel. Gott schickt die Sintflut. Der Turmbau von Babel endet im Fiasko. Die Geschichten um Abraham und Co. strotzen von Zank und Zwietracht. Dürren, Seuchen und Kriege sind ein beständiges Thema der Thora, der fünf Bücher Mose.

Es sind genau jene Krisen, die sich erst aus dem Sesshaftwerden ergeben, dem eigentlichen Sündenfall der Menschheit. Wie diese Katastrophen die kulturelle Evolution auf Touren brachten, das dokumentiert die Bibel.

Unsere nomadischen Vorfahren haben vermutlich nie im Paradies gelebt. Weil sie aber für Zehntausende von Jahren in kleinen Gruppen als Jäger und Sammler umherzogen, waren sie hervorragend an dieses Dasein angepasst. Weder gab es nennenswerten Besitz noch ausgeprägte Hierarchien. Die Beute wurde geteilt. Da man keine Vorräte anlegen konnte, waren soziale Beziehungen die Lebensversicherung. Egoisten wurden, wie der Anthropologe Christopher Boehm von der University of Southern California zeigte, von der Gruppe in die Schranken gewiesen, wenn nicht verstoßen oder gar getötet. Unter diesen Bedingungen entstand als zentrale moralische Intuition der Sinn für Gleichheit, Gerechtigkeit und Gemeinschaft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

Warum also vor mehr als zehntausend Jahren dieser dramatische Wandel? Sehr wahrscheinlich ist dieses Szenario: Wo es die reichen Wildbestände erlaubten, hörten nach dem Ende der letzten Eiszeit einzelne Gruppen auf, Beeren und Beute suchend umherzuziehen. In Lagernähe säten sich dann jene Pflanzen zufällig aus, deren Früchte und Samen die Frauen sammelten. Und brachten die Jäger mal Jungtiere aus dem Wald mit, so vollzog sich deren Domestikation wohl fast von selbst.

Prähistoriker diskutieren noch, ob ein Klimawandel dem natürlichen Überfluss im fruchtbaren Halbmond zwischen Levante, Euphrat und Tigris vor gut zwölftausend Jahren ein Ende bereitet hat oder ob die Wildbestände durch zu starke Bejagung eingebrochen sind. Auf jeden Fall reichte das, was die Natur allein hergab, nicht mehr aus. Da auch die Nachbarn mit diesen Problemen kämpften, war Weiterziehen keine Option. Also mussten Ackerbau und Viehzucht fortan das Überleben sichern.

Die Folgen waren verheerend. Zwar wuchs die Bevölkerung, weil die Babys früh entwöhnt wurden und die Frauen mehr Kinder gebaren. Doch der Einzelne litt. Skelettfunde aus dieser Zeit beweisen, dass die Menschen kleiner blieben und früher starben. In der neuen Welt musste man im Schweiße seines Angesichts schuften, da hat die Bibel recht. Samuel Bowles, Ökonom vom Santa Fe Institute, hat berechnet, dass Bauern erheblich mehr Zeit für dieselbe Kalorienmenge aufwenden mussten als Jäger und Sammler. Zudem führte ihre oft einseitige Ernährung zu Mangelerkrankungen. Nicht zuletzt veränderte die Nahrungsumstellung die Mundflora – seither plagt Karies die Menschheit.

Es blieb nicht das einzige Hygieneproblem der Siedler. Dass die Zahl der Darmparasiten stieg, beweisen Koprolithen, versteinerte Exkremente. Der Kontakt mit domestizierten Tieren ließ immer mehr Erreger von Schaf, Schwein, Ziege oder Rind auf den Menschen überspringen. (Nicht ohne Grund wird in der Thora die Sodomie gleich dreimal explizit verboten.) Je enger die Menschen beieinander wohnten, desto verheerender wüteten Epidemien. Ihre ersten Städte wurden zu Seuchen-Eldorados: von Babel bis Sodom und Gomorrha. Wen wundert es da noch, dass in der Bibel so oft Städte untergingen.

Gottes Fluch über Eva schließlich ist eine besonders präzise Beschreibung der neuen anderen Umstände: "Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger bist; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein." Unter dem sich formierenden Patriarchat verloren die Frauen nicht nur ihre Selbstbestimmung, auch führten ihre kleinere Statur und neue Körperbelastungen etwa durch Getreidemahlen dazu, dass ihre vielen Geburten mit Qualen und hoher Sterblichkeit verbunden waren.