Mit ihrer Initiative "Die Astronautin" will Claudia Kessler die erste deutsche Frau ins All bringen. Knapp 400 Frauen haben sich beworben, dann wurde ausgesiebt. Die verbleibenden 120 Kandidatinnen wurden am heutigen Mittwoch in Berlin der Presse vorgestellt. DIE ZEIT sprach mit der Weltraum-Managerin.

DIE ZEIT: Frau Kessler, Astronauten sucht normalerweise die Europäische Weltraumorganisation, Esa, aus. Ihre private Initiative hat an diesem Mittwoch Kandidatinnen präsentiert, aus denen die erste deutsche Astronautin hervorgehen soll. Warum?

Claudia Kessler: Es ist doch eine Schande, dass Deutschland als Technologie-Land noch nie eine Frau in den Weltraum schicken konnte. Es gab amerikanische, italienische und chinesische Astronautinnen. Aus Deutschland waren bislang nur elf Männer im All. Wann die Esa das nächste Mal rekrutiert und Frauen sich bewerben können, ist unklar. Darauf wollte ich nicht warten.

ZEIT: Wieso hat sich bislang keine Deutsche bei der Esa durchsetzen können?

Kessler: Uns haben viele Frauen angerufen und gefragt, ob sie für eine Bewerbung auch qualifiziert genug sind. So eine Rückversicherung kriegen sie bei einer Ausschreibung der Esa nicht, auf die sich Tausende Menschen melden. Frauen sind zu zaghaft, sie müssen sich mehr zutrauen!

ZEIT: Welche Resonanz hatte der Aufruf Ihrer Initiative dieastronautin.de vom März?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

Kessler: 408 Frauen haben sich beworben, und 120 sind noch im Rennen. Bei der letzten Esa-Ausschreibung hatte es nur rund 300 deutsche Bewerberinnen gegeben. Unsere 120 Auserwählten haben wir in dieser Woche vorgestellt. Bis Ende September grenzen wir die Zahl auf 90 ein. Diese Frauen absolvieren dann eine erste Runde psychologischer Untersuchungen beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR. Maximal 30 kommen in die zweite Runde, und höchstens zehn werden dann zu den medizinischen Tests zugelassen. Sechs oder sieben werden diese hoffentlich bestehen, dann sucht eine Kommission zwei fürs Astronautentraining aus. Eine von ihnen soll zur Internationalen Raumstation, der ISS, fliegen.

ZEIT: Wer sind die Bewerberinnen?

Kessler: Es sind Ärztinnen, Physikerinnen und Chemikerinnen, Geologinnen, Luft- und Raumfahrtingenieurinnen, aber auch Pilotinnen.

ZEIT: Und hat Sie jemand besonders überrascht?

Kessler: Ich wusste nicht, dass wir bei der Bundeswehr Eurofighter-, also Kampfjet-Pilotinnen haben. Das hat mich beeindruckt. Gerührt hat mich die Bewerbung einer 73-jährigen Marathonläuferin. Auch die deutsche Teilnehmerin der Mars-Simulation auf Hawaii war mit dabei.

ZEIT: Wie unterscheiden sich die Weltall-Bewerbungen von Männern und Frauen?

Kessler: Von der Qualifikation her unterscheiden sie sich nicht. Viele Frauen erwähnen, dass sie ein Vorbild für junge Mädchen sein, dass sie diese für naturwissenschaftliche und technische Berufe begeistern wollen. Dieser Vorbild-Gedanke ist bei Männern viel weniger ausgeprägt.

ZEIT: Was benötigt eine Kandidatin, um es durch den Auswahlprozess zu schaffen?

Kessler: Sie muss Mut und Durchhaltevermögen haben und bereit sein, in den kommenden Jahren einen großen Teil ihres Privatlebens zu opfern. Außerdem ist bei uns im Unterschied zu einer Esa-Mission noch nicht klar, ob wir am Ende genug Geld zusammenbekommen, damit sie tatsächlich fliegen kann.