Aus christlicher Sicht scheint die Sache klar. Barmherzigkeit hat keine gesetzliche Obergrenze, und das Gebot der Nächstenliebe gilt nicht nur unter Christen. In der Bibel heißt es bekanntlich: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Nicht etwa: "Liebe deinen Mitchristen wie dich selbst."

Aus rechtsstaatlicher Sicht ist die Sache sogar noch klarer. Wer Flüchtlinge, also Schutzbedürftige, nicht nach ihrer Schutzbedürftigkeit, sondern nach ihrer Religion beurteilt, handelt grundgesetzwidrig. Das erklärte jetzt die saarländische Ministerpräsidentin, eine CDU-Frau. Sie wetterte besonders heftig gegen den wohl provozierendsten neuen Vorschlag der CSU, Einwanderer aus dem "christlich-abendländischen Kulturkreis" in Deutschland zu bevorzugen. Annegret Kramp-Karrenbauer sagte: "Bei der Aufnahme von Verfolgten unterscheidet unser Grundgesetz nicht, ob jemand als Christ, Jude, Moslem, Mann oder Frau verfolgt wird." Wie wahr.

Trotzdem finden viele verfolgte Christen, dass sie im "christlichen" Europa besonderen Schutz genießen müssten. Sie sind enttäuscht, wenn der Westen, den sie ohne Arg als Abendland bezeichnen würden, ihre Lage nicht eigens thematisiert. Ist diese Enttäuschung unchristlich? Diskriminierend? Moralisch ganz falsch? Für den Wunsch der verfolgten Christen nach besonderer Aufmerksamkeit spricht zumindest, dass sie wegen ihres Glaubens zu Opfern werden – und für diesen Glauben stehen auch die europäischen Kirchen. Wo immer dem Christentum also feindlich begegnet wird, sind diese mit gemeint. Manche Verfolgte haben nun den Eindruck, dass unsere Kirchen aus ihrer sicheren Position heraus diese Feindschaft nicht klar genug verurteilen.

Ein Beispiel aus dem Redaktionsalltag: Im Januar berichtete uns eine syrische Christin, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, dass kurz vor Silvester ihr Bruder in Syrien vom "Islamischen Staat" ermordet wurde. Er lebte in einer Region, wo sich viele Aramäer sammeln, zumeist Nachfahren jener altorientalischen Christen, die vor hundert Jahren einen Genozid überlebten. Nach mehrfachen Attacken der Terrormiliz beantragte der Bruder ein Visum, um zu seinen Verwandten in Deutschland zu kommen. Es wurde abgelehnt. Nun war er tot. Die Schwester fragte: "Wieso darf ein Flüchtling, der auf illegalem Weg nach Deutschland geht, bleiben, aber ein legaler Antrag wird abgelehnt? Wieso interessiert sich Europa nicht für das Schicksal der Christen im Orient?"

Es war nicht der Moment, der trauernden Frau mit Vernunftgründen zu kommen, etwa, dass dieses Drama mit dem Visum auch einer muslimischen Familie hätte widerfahren können. Oder dass die meisten Opfer des islamistischen Terrors Muslime seien. Gegenüber den Opfern verbietet es sich ganz besonders, einer Opfergruppe die Existenz einer anderen Opfergruppe vorzuhalten – auch wenn solche Relativierungen im Streit um Nahost üblich geworden sind. Nach dem Motto: Soundso viel Sunniten wurden von Schiiten getötet? Aber soundso Schiiten von Sunniten!

Wir schwiegen also. Wir sagten auch nicht, dass doch im Herbst 2014 bereits der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland eine UN-Schutzzone für den Nordirak gefordert hatte, namentlich wegen vertriebener Christen und Jesiden. Denn die Klage orientalischer Christen, sie seien dem Westen gleichgültig, hat Gründe. Im Zank um die CSU fallen die jetzt auf. Kaum hatten nämlich die Christsozialen ihre unmoralische Forderung zugunsten der Christen erhoben, liefen die Kirchen dagegen Sturm. Der Kölner Kardinal Woelki schimpfte, die Partei betreibe das "Geschäft der Rechtspopulisten von der AfD". Der rheinische Präses Manfred Rekowski rief, unsere humanitären Verpflichtungen ließen sich "keinesfalls" auf Angehörige einer bestimmten Kultur oder Religion beschränken. Der deutsche Provinzialobere der Jesuiten Stefan Kiechle erklärte bündig: "Jesus wollte das Reich Gottes für alle Menschen." Mit anderen Worten: Wir dürfen Christen und Muslime nicht auseinanderdividieren! Schon gar nicht in der Not! Gut und richtig. Trotzdem war der Appell auch feige. Denn die Christen in Nahost und in Teilen Afrikas erleben mit der Ausbreitung des Dschihad eine eskalierende Verfolgungssituation. Ihnen droht die Auslöschung in Gebieten, wo sie ewig beheimatet waren. Trotzdem haben Deutschlands Kirchen und christliche Politiker dies bisher nie einhellig und lautstark thematisiert.

Warum? Wohl aus der berechtigten Sorge, selbstgerecht zu erscheinen, wenn nicht gar kreuzzüglerisch, zumal nach Georg W. Bushs unseligem "Krieg gegen den Terror". Der wurde seinerzeit mit evangelikaler Propaganda angeheizt. Trotzdem müsste es möglich sein, Christenverfolgung politisch zu thematisieren, ohne Muslime zu diskriminieren. Das mag gedanklich und rhetorisch anstrengender sein, als Rechtspopulisten rechtspopulistisch zu nennen. Dass es aber geht, haben einzelne Kirchenvertreter bewiesen: der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider, als er vor Jahren in Jordanien war; der Weltkirchenrat, als er die Kirchen des Westens und Ostens versammelte; die Deutsche Bischofskonferenz, als sie in Rom die Kirchenvertreter des Nahen Ostens zu einer Krisenkonferenz einlud. Aber sonst?