Max Liebermann, "Simson und Delila", 1902 © Städel Museum/Artothek

Wie schrieb Karl Kraus? "Weiber sind oft ein Hindernis für sexuelle Befriedigung, aber als solches erotisch verwertbar." Eine Frechheit, allerdings eine, die womöglich die Frauen weniger traf, dafür umso mehr den von der Weiblichkeit total gestressten Liebhaber vor gut hundert Jahren.

Mit dem ewig schwelenden, manchmal heftig eskalierenden Konflikt zwischen Männern und Frauen beschäftigt sich in diesem Herbst eine Ausstellung im Frankfurter Städel. Ihr Titel: Geschlechterkampf! Wer aber meint, hier auf die Bildermassen der Gegenwart zu treffen, wie sie Kunst, Werbung, soziale Medien ununterbrochen hervorbringen, der wird überrascht sein. Das Museum taucht ab in die Vergangenheit, ins 19. und 20. Jahrhundert, eine düstere Episode, auf die wir manchmal mitleidig zurückschauen, weil sich die Emanzipationskonflikte von damals doch nun wirklich erledigt haben. Aber haben sie das tatsächlich? Oder brauchen wir womöglich den Blick auf die Geschichte, um das anhaltende Genderchaos und die heutigen Scharmützel um Geschlechterrollen zu erklären?

Interessant jedenfalls, dass die Männer vor gut hundert Jahren recht ausgezehrt und bleich auf den Gemälden herumstehen, an den Bildrand oder ins Halbdunkel gedrängt, unterdrückt und geschlagen. Der Joseph von Lovis Corinth (1914), ein fliehender Schatten, spreizt die Hand zur Stopp-Geste, denn feiste Hände zerren an ihm: Potiphars Weib, die zum Betrug wild Entschlossene, bleckt die Zähne, drall und lüstern. "Nein heißt nein" sagt man zu so einer besser nicht.

Max Liebermanns Delila (1902) drückt derweil ihrem Samson das Gesicht in die Laken und stützt sich auf seinem Hinterkopf ab, um am ausgestreckten anderen Arm den Feinden seinen Haarschopf zu überreichen. Und die Judith, nackt und muskulös, bei Franz von Stuck? Wird im nächsten Moment den schlummernden Holofernes enthaupten.

So erhebt sich in diesen Jahren eine ganze Reihe ikonischer Frauengestalten phallisch über den männlichen Counterpart. Vom Standpunkt aktueller Begriffe wie "Selbstbestimmung", "Gleichberechtigung" oder "Konsens" wirkt die Überlegenheit dieser Damen archaisch und befremdlich. Wobei es schon damals nicht unbedingt die Frauen selbst waren, die sich so sehen wollten, denn Kunst wurde noch überwiegend von Männern gemacht. Und vielleicht lässt es sich sogar als Denunziation verstehen, dass ausgerechnet zu einer Zeit, als die Frauenbewegung ihre Rechte immer unnachgiebiger einforderte, in der Kunst die mythischen und biblischen Verführerinnen fetischisiert wurden, lauter männermordende Monster, Sphinxen und Evas, Judiths, Delilas, Salomes. Als habe man nach Belegen dafür gesucht, dass die Macht in den Händen der Frauen auf jeden Fall missbraucht werden würde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

Im Rückblick könnte man das Auftauchen der Femmes fatales zur Jahrhundertwende geradezu für ein Symptom halten: dafür, dass die symbolische Ordnung der Männer zu wanken beginnt und eine Entwicklung einsetzt, die am Ende zur Gleichberechtigung führt.

Davon allerdings ahnten die Künstler damals nichts. Sie hielten sich eher an Philosophie, Evolutionstheorie und Psychoanalyse, die allesamt davon zu reden begannen, dass sich vor allem im Begehren der Wille zum Leben zeige und damit jene Kraft, die die Welt zusammenhält. Frauen, deren Vernunft mancher für "eine gar knapp gemessene" hielt (Arthur Schopenhauer), unterhielten angeblich ein unmittelbareres Verhältnis zu solchen Urinstinkten. Und daher sehen die von keines Zweifels Blässe angekränkelten Frauen des Symbolismus gerade im Kampf ums Dasein so blühend aus.

Den Frauen, die man derart als Verkörperung von Naturgewalten ansah, hätte man natürlich nur um den Preis einer geradezu unheimlichen Machtakkumulation auch noch politische Rechte einräumen können. Zumal den Weibern als naturhaften Wesen oft auch der Verfall, ja die Zerstörungslust zugerechnet wurde. Auf manchen Gemälden scheinen sie Kriege, Gewalt und Verbrechen heimlich zu genießen.