Zahlreiche Lokalzeitungen kämpfen ums Überleben, den Parteien laufen die Mitglieder davon – interessieren sich die Menschen in Deutschland nicht mehr für Politik? Ganz so einfach ist es nicht. Die Daten der Vermächtnis-Studie zeigen, dass drei Viertel der Befragten es für wichtig halten, über aktuelle Entwicklungen in Politik und Kultur informiert zu sein, und dies auch kommenden Generationen mit auf den Weg geben wollen ("Vermächtnis"). Angesichts dieser Zahlen kann man durchaus von einem breiten gesellschaftlichen Konsens, einer Norm sprechen.

Doch es gibt ernst zu nehmende Entwicklungen, die Anlass sind, diese Ergebnisse zu hinterfragen. Erstens geben immerhin fünf Prozent der Befragten an, ihnen seien die aktuellen politischen und kulturellen Entwicklungen egal. Dieser Wert ist vor allem deshalb nicht zu vernachlässigen, da dies vorwiegend junge Menschen mit geringer Bildung artikulieren; auch wer sich selbst als arm einschätzt, gehört eher zu den uninteressierten fünf Prozent. Die besonders Interessierten sind hingegen älter, eher hochgebildet und in vielfältige soziale Netzwerke eingebunden.

Zweitens sehen wir, dass sich viele Menschen nicht informieren, obgleich sie dies kommenden Generationen empfehlen. Dies trifft auf ein Drittel der Befragten zu, vor allem auf junge Menschen mit geringen Ressourcen. Wer nur ein vergleichsweise geringes Einkommen hat und darüber hinaus über eine eher niedrige Bildung verfügt, kann die eigenen Ansprüche oft nicht erfüllen: Der Wert, am politischen und kulturellen Diskurs teilzunehmen, ist jenen Menschen bewusst, das Scheitern daher besonders tragisch. Fast 40 Prozent der Befragten weichen im wirklichen Leben von einer recht breit akzeptierten gesellschaftlichen Norm ab.

Informiertheit

Und welche Zukunft erwarten die Menschen, jenseits des eigenen Vermächtnisses? Die meisten Befragten sind sehr skeptisch: 75 Prozent sind der Meinung, dass man in Zukunft eher weniger informiert sein wird. Wieder sind es die jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, die sich pessimistisch zeigen. Die Befragten beurteilen zukünftige Entwicklungen, indem sie auf ihre Mitmenschen heute blicken und deren Verhalten in die Zukunft projizieren. Ihnen selbst sind Informationen wichtig, bei den anderen sehen sie diesen Anspruch aber nicht. Die Gefahr liegt auf der Hand: Warum sollte man sich informieren, wenn es die anderen nicht tun? Man kapituliert.

Veränderung

Was also kann man tun, um vor allem junge und bildungsarme Menschen zu bewegen, sich zu informieren? Diejenigen, die eigentlich informiert sein wollen, scheitern häufig am Verständnis gesellschaftspolitischer Zusammenhänge. Das zeigen unsere Daten am Beispiel der Renten- und Verbraucherschutzpolitik. Andere Studien belegen die Überforderung junger Menschen durch die Sprache der Politik und der Medien. Doch allein eine vereinfachende Sprache oder gar eine anspruchsärmere politische Berichterstattung kann die Lösung nicht sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

Um die wirklich Uninteressierten zu erreichen, sind andere Maßnahmen gefragt. Auch hier bietet die Vermächtnis-Studie Ansätze: Wer die Erfahrung gemacht hat, mit persönlichem, politischem und sozialem Engagement die Verhältnisse verändert zu haben, informiert sich auch über aktuelle Entwicklungen. Zum informierten Bürger wird man durch die Erfahrung gesellschaftlicher Selbstwirksamkeit. Warum diese Erkenntnis nicht schon so früh wie möglich nutzen und beispielsweise in den Schulen mit entsprechenden Projekten umsetzen? Bürgersinn, Teilnahme an der demokratischen Willensbildung lassen sich lernen – informiert sein ist eine wichtige Voraussetzung.