"Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott." Der so gerne von Brautleuten gewählte alttestamentliche Hochzeitsspruch Ruth 1,16 ist vielleicht das letzte poetische Signal, das der altgediente kanadische Liederdichter Leonard Cohen seiner verstorbenen Muse Marianne nachsendet. Damit tut er es seinem großen Kollegen Johnny Cash nach, der in seinen letzten Platten seiner vorausgegangenen Gattin sein baldiges Nachkommen ankündigte. Und Wort hielt. Denn unter Liederdichtern gilt das "Bis dass der Tod euch scheidet" nicht. Die Liebe siegt über den Tod.

Demnächst erscheint Cohens frisches Alterswerk mit dem Titel You Want It Darker. Der Poet wird am 21. September 82 Jahre alt. Die Welt kennt ihn als knorrigen Poeten, der die Ballonmütze des ewigen Zeitungsjungen mit dem Borsalino des dunklen Dandys zu seinen Markenzeichen machte. In Montreal kam er zur Welt, im Vorort Westmount, einem Viertel der Wohlhabenden, der protestantischen Anglokanadier und jüdischen Einwanderer der dritten Generation. Leonards Vater Nathan besaß dort ein renommiertes Textilkaufhaus, das Haus der Familie stand in der Belmont Avenue 599. Der eher stille Knabe erbte von seinem Vater die Zurückhaltung und Korrektheit; seine musische Gabe und den Hang zur Melancholie soll er von der Mutter Masha mitbekommen haben, der Tochter eines aus Russland ausgewanderten Talmudgelehrten.

Cohens Großvater mütterlicherseits also, Rabbi Solomon Klonitsky-Kline, und dessen tadelloser Ruf in der Gemeinde prägten schon in jungen Jahren Leonards Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen und das Rechte zu tun. Ein wichtiges Gefühl zu einer Zeit, in der die Deutschen Polen besetzten und Europas Juden mörderischer Verfolgung ausgesetzt waren.

Im Kaufmannshaushalt des Vaters Nathan wurde nicht über Religion gesprochen; sie wurde praktiziert. Fische diskutieren ja auch nicht über das Wasser, das sie umgibt. Dabei waren die Cohens zwei Generationen zuvor am Aufbau des Judentums in Kanada maßgeblich beteiligt. Urgroßvater Lazarus war bereits in den 1860er-Jahren aus Litauen nach Kanada eingewandert. Als der Geschäftsmann zwei Jahrzehnte später zum Vorsteher einer Synagogengemeinde gewählt wurde, hatte sich die Zahl der Juden in der Stadt bereits verzehnfacht.

Montreal wurde die Hauptstadt der kanadischen Juden und Lazarus Cohen eine ihrer angesehensten Persönlichkeiten. Lazarus’ jüngerer Bruder Tzvi Hirsch Cohen wurde Oberrabbiner der Stadt. Leonards Großvater Lyon setzte die Kohanim-Tradition fort, bekleidete internationale zionistische Ämter und gründete die erste englisch-jüdische Zeitung Kanadas, die Jewish Times.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Zeit seines Lebens hat Leonard Cohen den Sabbat beachtet – aber er behielt auch immer einen Hang zum Geheimnisvollen, Pathetischen, Mystischen. Und ihn interessierte die Psychoanalyse Freuds, weswegen er sich bereits früh Grundtechniken der Hypnose beibrachte.

Unverwechselbar wurde Cohen durch diese dunkle, ruhige, sanfte Stimme – die etwas Suggestives hat. Das Gitarrespielen hat sich Cohen, wie er einmal launig bemerkte, nach eigener Aussage vor allem beigebracht, um "Mädchen rumzukriegen".

Dabei ist sein Ursprungsmetier eher das Dichten als das Musizieren. Let Us Compare Mythologies hieß sein erster Gedichtband, der 1956 erschien. Erste Erfolge des jungen Dichtertalents erlaubten ihm Reisen in Europa – und einen mehrjährigen Aufenthalt auf der griechischen Insel Hydra. Dort schrieb er zwei Romane und den Gedichtband Flowers for Hitler. Und dort lernte er auch Marianne, die Liebe seines Lebens, kennen. Als er Hydra 1967 verließ, schrieb er ihr den Song So long, Marianne.