Im Prinzip hatte sie gar nichts gemacht, sondern nur etwas nicht gemacht – aber hinterher redeten trotzdem alle darüber. Alicia Keys, Sängerin, Produzentin, Songwriterin und Schauspielerin, hatte es gewagt, ungeschminkt bei den MTV Video Music Awards aufzutauchen. Wobei ungeschminkt relativ ist: Keys hatte sich dezent im No-Make-up-Style präpariert, also mit dem Ziel, ungeschminkt auszusehen. Was offenbar genügte, um ein paar Leute zu provozieren.

Schon im Mai hatte die 35-Jährige in einem Essay verkündet, nie mehr Make-up tragen zu wollen. Sie habe keine Lust mehr, sich zu verstellen. Nun also auch auf dem roten Teppich, vor den Kameras, voll ausgeleuchtet. "Sie muss endlich mit diesem No-Make-up-Scheiß aufhören, sie sieht schrecklich aus", schrieb jemand bei Twitter, oder: "Das geht zu weit, du siehst total fertig aus, Mädchen."

Natürlich kann und muss es ziemlich egal sein, was Menschen, die sich hinter Usernamen wie "Black Bill Gates" oder "Kiing Kay" verstecken, so an Gemeinheiten ins Internet schreiben. Und man soll nicht jede digitale Pöbelei, die mehrstimmig auftritt, zum Shitstorm aufwerten. Aber das Phänomen ist nicht zu leugnen: Fast jede Frau, die mal ungeschminkt zu einer Feier oder ins Büro gekommen ist, kennt die Frage, ob sie krank sei oder müde. Da gibt es die Tanten, die man nach langer Zeit wiedersieht und die als Erstes sagen, noch vor der Umarmung: "Du musst dir unbedingt die Augenbrauen zupfen." Und es gibt jene Frauen, die ungeschminkt "nicht mal den Müll wegbringen" würden.

Die souverän Ungeschminkte ist eine Provokation, noch immer. Sie nimmt sich die Frechheit heraus, anderen nicht um jeden Preis gefallen zu wollen. Sie pfeift auf das ungeschriebene Gesetz, dass Frauen immer so aussehen müssen, als könne man sie jederzeit von der Straße weg casten. Nachdem Frauen mittlerweile wählen, arbeiten und sich scheiden lassen dürfen, wollen sie jetzt tatsächlich auch noch das Recht, ohne Kajal und Concealer vor die Tür zu gehen?

Eine der wichtigsten Errungenschaften des letzten Jahrhunderts ist ja, dass es die Bewohner der großen Städte immer weniger kümmert, wie man aussieht. Dass man in Stockholm, New York, Berlin oder Dortmund in Boxershorts und Gummistiefeln einkaufen gehen kann, ohne Aufsehen zu erregen. Wer jetzt gehofft hat, dass es immer so weitergeht mit der ungezwungenen Individualisierung von Modegeschmack und Lifestyle, wird in diesem Jahr allerdings enttäuscht.

In Frankreich zwangen vor ein paar Wochen vier Polizisten eine Frau, ihre lange Bluse am Strand auszuziehen, offiziell, weil der Look "gegen die guten Sitten verstoße". Heißt: Sie soll gefälligst tun, was alle anderen auch tun – sich ausziehen. Doch halt: Sie soll nur ein bisschen nackt sein, nicht total.

Die Frau hat sich in den Spielräumen zu bewegen, die ihr der Zeitgeist lässt. Es ist noch nicht lange her, da galt es als Befreiung, dass Frauen wenig trugen. Und dass sie sich schminkten. Heute ist das Gegenteil eine Provokation: die Frau, die zu viel trägt und sich zu wenig schminkt. Die Spielräume für Frauen haben sich verändert. Doch eins bleibt immer gleich: Die Regeln machen die anderen.

Das Make-up, ehemals ein Kennzeichen selbstbewusster Weiblichkeit, ist zur Pflicht geworden, zur erwarteten Ausstattung einer Frau. Erinnern Sie sich noch daran, als Angela Merkel Umweltministerin war – und ungeschminkt? Und wie alle erleichtert aufatmeten, als sie eine Visagistin bekam?

Im schlimmsten Fall wird man ungeschminkt gar nicht erkannt. Wie die Moderatorin Katrin Bauerfeind, die sich Talkshowgästen nach eigener Aussage manchmal doppelt vorstellen muss – einmal vor und einmal nach der Maske.

Alicia Keys schreibt in ihrem No-Make-up-Essay, dass sie kein Chamäleon im Showbusiness mehr sein will: "Ich war nie ich selbst, sondern habe mich immer angepasst."

Es erinnert an Bob Dylans Song Maggie’s Farm, da singt er: "I try my best to be just like I am, but everybody wants you to be just like them." Das war 1965. Es könnte die Hymne der Ungeschminkten werden.