Bisweilen höre ich Klagen über meinen Gesichtsausdruck. Die zusammengebissenen Zähne, das Botox-Lächeln, die Augen, die das Fenster suchen, den Boden oder die Decke. Kein Grund zur Sorge, ich warte dann bloß. Auf dieses rettende "Ziiiuuum", wie es bei Star Trek ertönt, wenn einer der Guten im letzten Moment vom Monsterplaneten zurück aufs Raumschiff gebeamt wird. Leider aber habe ich es bis heute noch niemals gehört. Stattdessen passiert immer dasselbe. Eines der Monster reckt sein Haupt und sagt mir, was ich bin: "Du bist so, so ... passiv-aggressiv."

Na klar, sage ich dann, absolut richtig. Warum bin ich nicht selbst drauf gekommen? Am Anfang war das ironisch gemeint. Inzwischen aber weiß ich, dass ich wirklich ein Problem habe – euch. Ihr seid viele, furchtbar viele, und ihr haltet mich für das Monster.

Ihr seid die Gewinner des Kommunikationszeitalters. Wenn euch was nicht passt, dann redet ihr drüber. Und redet und redet und redet. Es gibt aber Menschen, die dieses Rumgerede nicht ertragen, weil sie ein ungewöhnliches Temperament mitbringen: Sie sind ruhig und reizbar zugleich. Wenn man sie bedrängt, reagieren sie etwas sonderbar oder, in euren Worten: passiv-aggressiv.

Der Angestellte, der die Vorschriften sklavisch befolgt, um zu beweisen, wie albern sie sind. Der Rentner, der so lang durch den Bus humpelt, bis jemand ihm einen Platz anbietet. Der Autofahrer, der im Schneckentempo vor den Rasern herschleicht. Der Nachbar, der Kinderlärm mit Heavy Metal beantwortet. Der Partner, der Migräne kriegt, wenn man ihm zu nahe rückt. Was diese Leute verbindet: Sie sind sauer, aber sie sprechen nicht darüber, sondern kontern mit Bockigkeit.

Schon klar, das kann nerven. Aber es nervt auch, deswegen von Hobbypsychologen als verrückt abgestempelt zu werden. Wer einen anderen passiv-aggressiv nennt, sagt ja nicht bloß "Du Stinkstiefel!". Er bringt ihn in Verbindung mit einer Persönlichkeitsstörung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

So oft, wie das Wort derzeit fällt, wird es langsam eng in der Schmollecke. In den westlichen Gesellschaften soll einer Schätzung nach jeder zwanzigste Bürger passiv-aggressiv sein. Wie die New York Times schreibt, gerät das Wort zur "Allzweck- Diagnose für so gut wie jeden schwierigen Charakter".

Eine Modekrankheit? Nicht ganz. Denn der Passiv-Aggressive darf auf kein Mitgefühl hoffen. Leute erzählen von ihrem Burn-out, ihrer Bindungsunfähigkeit, ihren Aufmerksamkeitsdefiziten. Aber niemand sagt freiwillig: Ich bin passiv-aggressiv. Na schön. Dann mache ich halt den Anfang.

Ihr haltet uns für gestört. Knapp daneben: Wir werden gestört. Ein psychisch Kranker leidet ja vor allem an sich selbst. Der Schizophrene hört sogar auf einer einsamen Insel Stimmen, und der Choleriker tritt gegen die Palme. Ein Passiv-Aggressiver dagegen ist allein gar nicht denkbar. Er reagiert auf andere, die etwas von ihm wollen. Reagiert unangemessen, vielleicht. Aber könnte das nicht daher kommen, dass man zuvor etwas Unangemessenes von ihm verlangt hat?

Schlagt mal nach, woher euer Schmähwort stammt. Geprägt hat es der amerikanische Psychiater William Menninger. Colonel Menninger. Er beschrieb damit eine neue Form der Aufsässigkeit bei Soldaten der U. S. Army: Sie befolgten zwar ihre Befehle, protestierten aber indirekt durch "Passivität, Obstruktion oder aggressive Ausbrüche". Und wann trat dieses Leiden auf: im Jahr 1945. Bei Wehrpflichtigen, die in den Wahnsinn eines Weltkriegs gescheucht worden waren und nicht einfach kehrtmachen durften. Ihre einzige verbliebene Freiheit war, das "Jawohl!" ein wenig leiser zu brüllen.

Halten wir fest: Die ersten amtlich Passiv-Aggressiven waren arme Schweine in einer ausweglosen Lage, vielleicht sogar Pazifisten. Der Begriff stammt aus einer Welt des unbedingten Gehorsams. Bezeichnend, dass er seinen Weg von dort ins zivile und ins private Leben fand.

Einer seiner eifrigsten Verbreiter ist der amerikanische Therapeut Scott Wetzler. In seinem Buch Warum Männer mauern vollbringt er das Kunststück, dieses Konzept ausgerechnet für sein Fachgebiet, die Paartherapie, einzuspannen: "Der ungehorsame Soldat des Zweiten Weltkriegs ist in einem gewissen Sinne das Musterbeispiel für den modernen passiv-aggressiven Mann, der es ebenfalls ablehnt, das zu tun, was von ihm erwartet wird."

Passive Aggression gilt als heimtückisch und feige

Das sollte er auch, wenn er nicht blöd ist. In der Ehe gibt es nämlich keinen Colonel, ebenso wenig wie im Büro oder im Straßenverkehr. Wenn ihr euch wie Befehlshaber aufführt, dann reagieren wir entsprechend, was auch heißen kann: gar nicht. "Schatz, wann kachelst du endlich das Bad neu?" – "Ist das Ihr Müll in der Biotonne?" – "Stell das Ding ab, wenn ich mit dir rede!" Botox-Lächeln an, Blick in die Ferne, so sinkt der Puls am schnellsten.

Eins müsstet ihr uns doch lassen: Wir gehen mit unserer Wut zivilisiert um. Brüllen nicht, prügeln nicht, laufen nicht Amok. Doch verrückterweise legt ihr gerade das gegen uns aus. Für aktive Aggression bis hin zur Gewalt gibt es ein gewisses Verständnis. Da ist ihm halt der Kragen geplatzt. Nicht so schlimm, solange es den Richtigen trifft. Kein Actionfilm funktioniert ohne solche Typen in der Heldenrolle. Passive Aggression dagegen ist das Letzte; sie gilt als heimtückisch und feige. In seinem Buch Der ganz normale Wahnsinn ersinnt der Psychologe François Lelord das perfekte Verbrechen der passiven Aggression: Ein Butler rächt sich an seinen Herrschaften, indem er über Jahre in das Essen pinkelt, das er ihnen serviert.

Zur Realität der passiven Aggressivität gibt es bloß einen Unterschied: Der Butler wird niemals erwischt. Seine Herrschaften vertrauen ihm. In der Wirklichkeit dagegen müssen wir mit euren Schuldzuweisungen leben. Unsere mühsame Selbstbeherrschung "durchschaut" ihr als Fassade. Ihr seid sicher, dass wir euch übelwollen, und je weniger sich dieser Verdacht erhärten lässt, desto perfider muss unsere Bosheit sein.

Wir irritieren euch offenbar ein bisschen mehr, als wir wollen. Mit aktiver Aggression sei leichter umzugehen, schreibt der britische Neurologe Dean Burnett: "›Ich habe das Bier dieses Typen verschüttet, darum will er mich jetzt töten‹ – eine solche Situation ist beängstigend, aber für das Gehirn leicht zu verarbeiten. Passiv-aggressives Verhalten dagegen ist mehrdeutig. Es verbindet ›akzeptables‹ Benehmen mit einer feindseligen Einstellung. Dieser Gegensatz frustriert andere, weil unklar bleibt, wie sie ihn deuten und angemessen reagieren sollen."

Okay, wir sind nicht leicht zu lesen; da ist schon etwas dran. Warum sagen wir "Mir geht’s prima", wenn uns etwas quält? Warum behaupten wir "Ich bin nur müde", wenn in unseren Tagträumen bereits die Kettensäge heiß läuft? Vielleicht, weil wir uns in solchen Momenten selbst nicht sonderlich mögen, uns bei aller Ironie ehrlich wünschen, es ginge uns prima. Passive Aggression ist manchmal das letzte Mittel, Würde zu bewahren. Wir mögen es einfach nicht, die Fassung zu verlieren.

Macht uns das zu psychisch Kranken? Seit zwölf Jahren nicht mehr. Schon damals hat die einflussreiche American Psychiatric Association den betreffenden Eintrag aus ihrer Liste der Persönlichkeitsstörungen gestrichen. Es fanden sich nämlich kaum Patienten mit diesem Befund. Nun ist die Wortkeule bei den Laien, und es lohnt, darauf zu achten, wer sie am wildesten schwingt. "Du bis passiv-aggressiv" – sagen das Kinder zu ihren Eltern, Untergebene zu ihren Chefs, stille Menschen zu lauten? Natürlich nicht. Es läuft immer umgekehrt. Passive Aggressivität ist ein Begriff der Regelmacher, die den letzten Widerstand der Querköpfe brechen wollen. Wir sollen nicht nur tun, was ihr sagt, wir sollen uns auch noch drüber freuen. Wie heißt es bei Brecht: "Die Enttäuschten und Vergrämten sind die wahrhaft Unverschämten."

Wir setzen dagegen unseren Wahlspruch: "Ohne mich!" Zugegeben, damit wählt einen keiner. Aber es ist die beste Antwort auf manche Zumutung. Sie steht für Gewaltverzicht und zähneknirschende Toleranz. Eine Welt der Passiv-Aggressiven, wäre die so viel schlechter? Keine Gewalt mehr auf den Straßen, überhaupt weniger Lärm mit Ausnahme von Punk-Musik. Vielleicht wären die Leute auch fitter, weil sie ihren Dauerfrust am Sandsack im Keller abbauen. Die Kunstwelt wäre … ach was, sie ist. Hört Stockhausen, lest Benn, schaut auf die Bilder von Francis Bacon – gäbe es diese Schönheit ohne angestauten Zorn?

In ihrer politischen Form, dem zivilen Ungehorsam, hat passive Aggression vieles zum Guten bewegt. Streiks, Demonstrationen, Sitzblockaden – das sind doch große Errungenschaften! Sogar Scott Wetzler nennt bei seinen "mauernden Männern" zwei Helden: Gandhi und Martin Luther King.

Philosophen von Sokrates bis Schopenhauer lehrten und lebten die Widerspenstigkeit. Nicht zu vergessen diese Religion, die fordert, dass man sich ohrfeigen lässt, bis der andere zur Vernunft kommt. Und was ist mit Jesus, der Sache mit dem Kreuz ... jaja, ich bin schon still.

Besser wäre es trotzdem, wenn ihr lerntet, mit uns zu leben; denn los werdet ihr uns nicht. Ihr könnt uns nicht heilen, weil wir nicht krank sind. Wir sind der Schatten eurer Durchsetzungsfähigkeit. Wo ihr zu viel wollt, zucken wir mit den Schultern. Wo ihr eure Reden schwingt, hüllen wir uns in Schweigen. Erst mit der aktiven Aggression wird auch die passive verschwinden. Fangt gern schon mal an.

Eins noch: Verkneift euch nach dieser Lektüre bitte die Leserbriefe; bei einem wie mir ist das sinnlos. Kündigt auch nicht eure Abos, ich hab hier schon Ärger genug. Ballt einfach die Faust in der Tasche, denkt "So ein Spinner!", und seid willkommen im Club.

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