Es wird Zeit, dass Oliver Stones Film Snowden endlich in die Kinos kommt. Denn was im Vorfeld über den Film gesagt wird, hilft ihm nicht. Es dreht sich nämlich alles um Stone. Wie der Oscar-Preisträger bei einem Teil der Dreharbeiten, die in Bayern stattfanden, Nudeln isst. So weicht die bisherige Kritik doch nur der knallharten Botschaft des Films aus. Nämlich: Snowden hat recht. Big Brother is watching you.

Stones Film ist vor allem deshalb so wertvoll, weil er sich im Geist zurückhaltend und gar nicht erfinderisch, aber mit den pompösen Mitteln Hollywoods komplett in den Dienst des realen Edward Snowden stellt. Der ist bekanntlich vor drei Jahren aus den USA geflohen und lebt seither im Exil in Moskau. Aber hat er unsere Welt, unser Denken verändert? Eher nicht.

Was der Film mit den Augen Snowdens an globaler Überwachungsmaschinerie beschreibt, weckt schnell Erinnerungen an eine Verfilmung von Orwells 1984 und übertrumpft sie sogleich. Wovor hatte man damals bloß Angst? Die NSA ist heute schon viel besser als das Wahrheitsministerium je sein könnte. Jede Computerkamera ist ihr Auge.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

Nebenbei wird deutlich, dass es nicht so einfach war, an die Informationen zu gelangen, die Snowden für uns vor drei Jahren aus der Höhle des Löwen entwendete. Umso weniger können wir uns heute darauf verlassen, dass er Nachfolger haben wird. Hilft uns das, ihm jetzt endlich ernsthaft zuzuhören?

Gegen Ende des Films wird aus dem Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt der richtige Edward Snowden. Stone fuhr nach Moskau, um die letzten Szenen mit Snowden zu filmen. "Plötzlich kommt dann diese kleine Kreatur auf dich zu – so zerbrechlich und schön, so ein charmanter und wohlerzogener kleiner Mann", erzählte Kameramann Anthony Dod Mantle später der New York Times. Es funktioniert erstaunlich gut: Als wäre der Film-Snowden tatsächlich ein Ebenbild des echten Snowden.

Kino - "Snowden" (Trailer) © Foto: Universumfilm

Der Eindruck hält auch dann noch stand, als der reale Snowden Anfang September bei einer Premiere in Brüssel nach dem Film live auf der Kinowand aus Moskau zugeschaltet wird. Da sprach uns nun der lebendige Snowden unmittelbar in das vom Film bloßgestellte schlechte Gewissen. "Die Massenüberwachung geht weiter", warnte er.

Nicht, dass wir hilflos dagegen wären. Die Veranstaltung in Brüssel wurde von einem Europaabgeordneten der Grünen, Jan Philipp Albrecht, geleitet, der mit Snowden wie im Bund wirkte. Im selben Alter, mit denselben Interessen, warfen sie sich die Stichworte zu. Das tat gut. Vor allem als Snowden am Ende sagte, dass wir in Europa die "Champions der Menschenrechte" seien und das Europaparlament der Ort, an dem derzeit am ernsthaftesten über Big Brother verhandelt würde. Nach dem Film aber klangen seine Worte noch einschüchternder als der Film selbst.

Das ist das große Verdienst von Stone. Er gibt uns mit der unter seinen Bildern liegenden, thrillerhaften Spannung, mit seinen farbigen digitalen Bildkreationen, die alle Datenflüsse dieser Welt symbolisieren sollen, Gelegenheit Snowden ein zweites Mal zuzuhören. Wir müssen uns nicht mehr speziell ärgern, dass die NSA das Handy der Kanzlerin abhört. Auch das brachte erst Snowden uns bei. Er hat das Unvorstellbare vollbracht: uns zu beweisen, dass man alles abhören und speichern kann. Alles. Wenn Orwell doch noch leben würde, schriebe er jetzt den Roman zum Film.