Warten auf Ute Lemper. Wir stehen vor der Restaurantterrasse auf dem Pöstlingberg über Linz. Es riecht nach Nadelbaum und Höhe, unten liegt die Donau als graues Band in der dampfenden Stadt; es ist ein heißer Sommerabend. C. Bernd Sucher, legendärer Theaterkritiker der "Süddeutschen", trägt seine Hermès-Krawatte mit winzigen Elefanten trotzdem perfekt geknotet, das Jackett seines meerblauen Anzugs behält er an, setzen will er sich erst, wenn die Dame da ist. Sucher ist aufgeregt, legt sich den Satz zurecht, mit dem er sie begrüßen will. Sie, die als junges Talent in Deutschland von den Kritikern niedergeschrieben wurde und dann im Ausland Weltkarriere machte. Wir wollen mit ihnen über Kritik sprechen. Sucher war sofort bereit, Lemper sagte zu, sprang ab, nach vielen Überredungs-Mails traute sie sich doch ... Da kommt sie: leger, Spaghettiträger, schwarze Hose, Blumenhandtasche. Die Künstlerin vermisst den Kritiker mit einem langen Blick. Sie schaut sich um, sagt: Also gut, dann lasst uns die Fotos hinter uns bringen, solange die Fassade hält.

DIE ZEIT: Frau Lemper, Herr Sucher, schön, dass wir jetzt hier an einem Tisch sitzen! Es gibt da nämlich eine unangenehme Sache, die Sie beide verbindet: das Jahr 1992. Da haben Sie, Herr Sucher, Frau Lemper in einer bösen Kritik als Kunstprodukt bezeichnet. Sie sei eine Barbie-Puppe – perfekt, aber ohne Zauber, ohne Persönlichkeit ...

C. Bernd Sucher: Darf ich bitte zuerst etwas loswerden? Liebe Ute, ich freue mich von Herzen, dass Sie sich überwunden haben, den Menschen zu treffen, der solches über Sie geschrieben hat. Aber bitte bedenken Sie, es ist 24 Jahre her, und ich habe gelernt.

Ute Lemper: Ach, mein liebes Kritikerlein, das haben Sie aber schön einstudiert. (tätschelt seinen Arm) Ich kann Sie aber beruhigen: Das alles habe ich längst vergessen. Vor unserem Treffen habe ich Ihren Artikel noch mal gelesen und muss sagen: Mit vielem hatten Sie sogar recht! Dieses Stück ...

ZEIT: Es ging um Peter Zadeks Bühnenfassung vom Blauen Engel  ...

Lemper: ... war eine Katastrophe. Zadek hat sich aus dem Staub gemacht, der französische Regisseur Jérôme Savary hat übernommen. Ein irrer Typ mit Cowboystiefeln und Gehstock. Ich kannte ihn sehr gut, weil ich in Paris in seiner Inszenierung von Cabaret mitgespielt hatte. Da ließ er die Mädchen in Paillettenbikinis tanzen, aus denen die Brüste hüpften, und im Hintergrund brannten Hakenkreuze. Savary ist dreist, aber mutig. Mit Cabaret hat er die Franzosen schockiert. Das Stück funktionierte, aber beim Blauen Engel ging es schief.

Sucher: Furchtbar. Die haben Millionen reingesteckt in diese Produktion. Diese Gigantomanie!

Lemper: Savary hat den Leuten mit seiner Plakativität ins Gesicht geschlagen.

ZEIT: Frau Lemper, hat Sie diese Kritik damals trotzdem verletzt?

Lemper: Was für eine Frage! Ich bin doch ein Mensch. Ich kam am Morgen nach der Premiere in die Theaterkantine. Hatte nicht gefrühstückt, war noch total zerzaust. Wir hatten in der Nacht ja gefeiert. Und dann haben mich alle angestarrt, mir die Kritiken hingelegt. Da ist mir der Kaffee im Halse stecken geblieben ...

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

Sucher: Es gab auch noch schlimmere Rezensionen als meine.

ZEIT: Aber Ihre Kritik, Herr Sucher, war vernichtend.

Lemper: Vernichtet hat Sucher mich ganz sicher nicht, das haben auch all die anderen nicht geschafft. Ich habe in den letzten 25 Jahren eine wunderbare Karriere gehabt, ich habe mich meinem Beruf hingegeben, mit Körper, Geist und Seele. Je ne regrette rien. Ich habe sogar die verhunzte Produktion des Blauen Engels genossen und meinen Part so gut gespielt, wie es mir in dieser unglücklichen Inszenierung möglich war.

ZEIT: Herr Sucher, finden Sie sich im Nachhinein eigentlich selbst gemein?

Sucher: Auf der einen Seite finde ich meinen Text, wenn ich ihn jetzt lese, immer noch gut geschrieben. Auf der anderen Seite denke ich, was ich über Ute Lemper geschrieben habe, das mit Nachtigall und Krähe und so ... Na ja, ich glaube, ich wäre heute nicht mehr so verliebt in meine Formulierungen ...

Lemper: Ihr Artikel hatte so viel Selbstliebe! Sie haben sich selbst in den Himmel gehoben und uns alle in die Scheiße gezogen.

Sucher: Moment, ein Kritiker muss sich positionieren, sonst wäre es ja langweilig! Ich war immer ein Fan von Reich-Ranicki: Das Buch ist schlecht, zack, das zerreiß ich.

Lemper: Was für ein unverschämtes Weltbild! Sie haben genau das gemacht, was Savary beim Blauen Engel gemacht hat: mit Plakativität gewinnen wollen.