Die Jugend ist eine Plage. Eine gefühllose Langeweile ist den jungen, androgynen Menschen im Gesicht erstarrt, die im Berliner Museum Hamburger Bahnhof auf Plattformen drapiert sind. Sie sitzen zwischen Schlafsäcken, trinken Cola Light und glotzen das Publikum an, um die Performance Angst II der Künstlerin Anne Imhof zu sehen.

Jung sein zu müssen scheint ein hartes Los zu sein, vor allem wenn man diese Lebensphase in einer westlichen Großstadt im 21. Jahrhundert durchleben muss. Als Millennials und Generation Y tituliert, muss man ständig Artikel über sich lesen, die paradoxerweise die Arbeitsscheu junger Menschen ebenso beklagen wie ihre Karrierefixierung. Auch die stumpfe Konsumhaltung junger Menschen wird mit traurigem Kopfschütteln quittiert. Die erste Generation der westlichen Welt zu sein, die wirtschaftlich schlechter gestellt ist als die vorhergehende, erschwert die Umsetzung dieser Konsumwut allerdings etwas. Dieser Umstand schlägt sich in Gratiskultur und Internetpiraterie nieder, mit der man den Feuilletons nur wieder einen Grund gibt, die Jugend für ihre Verrohung zu tadeln. Ständig wird einem das Herz gebrochen, doch die oder der Nächste lauert nur einen Swipe, eine Message, einen Like entfernt. Man muss chill sein, cool, emotionslos. Der multioptionalen Welt voller Möglichkeiten, die man doch nicht ergreifen kann, begegnet man mit Gleichmut, man flüchtet sich in Ennui. Ständig rennt man in Clubs, um Rekordmengen an Drogen in sich hineinzuschütten – MDMA, um sich trotz äußerer Umstände mit dem chemischen Vorschlaghammer glücklich zu prügeln, Ketamin, um nichts mehr denken und fühlen zu müssen.

Rauch wabert durch die historische Halle des Hamburger Bahnhofs, dazwischen ragen frei stehende Wendeltreppen aus dem Dunst, die nirgendwo hinführen. Ein opernhaftes Dröhnen und Drängen dringt aus Lautsprechertürmen, es ist Musik, von Billy Bultheel komponiert, ein in Raum und Zeit desorientierender Lärm. Durch den Nebel und die Musik stapfen die Performer, sie tanzen miteinander, gegeneinander, aneinander vorbei, Liebeskummer, Abweisung, Bindungsängste, Verlorenheit zucken durch ihre Körper. Sie singen und schreien stumm, synchron und doch allein. Markenprodukte liegen wie die Relikte einer untergegangenen Kultur verstreut, große Packen von Pepsi Light stehen herum, langsam sammeln sich die leeren Dosen am Boden. Die Darsteller rauchen zu ihren Diätgetränken E-Zigaretten, es ist eine gefahrlose Welt, den eigenen Körper zu schädigen ist verboten. Über allem schwebt ein Hochseil, auf dem eine Darstellerin balanciert, über dem Abgrund. Manchmal schmieren sie sich mit Rasierschaum von Gillette ein und rasieren sich die Körper. Die Performer tragen eine Kombination aus Sportklamotten und Vintage-T-Shirts, alles in Schwarz und Weiß, die Normcore-Uniform der Berghain-Gänger und Art-Week-Besucher. Manche tragen Falken auf ihren Fäusten durch den Rauch, während über allem programmierte Drohnen schweben, beides fliegende Jagdinstrumente, das Tier und die Maschine jedoch ein Kontrast zwischen absoluter Kontrolle und Spontaneität.

Die 1978 in Gießen geborene Anne Imhof hat vergangenes Jahr den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gewonnen, sie gehört zu den kommenden Stars des Kunstbetriebs. Angst II wird in drei verschiedenen Versionen an drei verschiedenen Orten aufgeführt, im Juni in der Kunsthalle Basel, im September im Hamburger Bahnhof in Berlin und im Oktober auf der Biennale Montreal. Jede Aufführung wird anders sein, ebenso wie die Performance im Hamburger Bahnhof, die während einer Woche jeden Abend von 20 Uhr bis Mitternacht gezeigt wird und jedes Mal leicht variiert sein wird. Wenn ein Performer auch nur eine winzige Veränderung vornimmt, passen sich die anderen an ihn an – und das ganze Stück ist wieder ein klein wenig neu.

Eigentlich ist Angst II eine Anhäufung von Klischees, von wunderschönen, wahren Klischees. Wer im Rauch verweilt, im Dröhnen, wer lange in die leeren Gesichter der Zuschauer wie der Darsteller blickt, wer sieht, wie sie endlos fallen, Treppen ins Nichts emporsteigen und gelangweilt auf ihre Handybildschirme schauen, den erfasst dieses Gefühl: Angst. Im englischen Wortsinn der existenziellen Beklemmung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Es lässt sich kaum erkennen, wer Performer ist und wer Publikum, denn die Besucher unterscheiden sich kaum von den Darstellern, sie werden gespiegelt. Doch erkennen sie sich in dieser traurigen Performance wieder, sie werden von dem Gefühl der Verlorenheit erfasst, das durch die Halle wabert. Oder erkennen sie nur, welch tolles Motiv diese visuell so hippe Veranstaltung bietet? Berechnen sie bloß, wie viele Likes ihre Fotos davon auf Instagram bekommen werden, anstatt das Drama der Wohlstandsverwahrlosung an sich ranzulassen?

Wäre man Anne Imhof wohlgeneigt, könnte man annehmen, die Reaktion der Zuschauer sei einkalkuliert und das Publikum ein Teil der Performance. Wie eine Herde Schafe trotten sie den Darstellern hinterher, was – von der Tribüne aus beobachtet – an einen Fischschwarm erinnert, der form- und willenlos durch die Halle wandert. Die gelernte Fotografin Imhof wird wohl einkalkuliert haben, dass die Ästhetik eines hippen Musikvideos die Handykameras provozieren würde, Instagram mit Fotos der Performance geflutet würde – doch neben dem Gratismarketing für Imhof ergibt sich dadurch auch ein Feedback-Loop: Manchmal greift sich ein Zuschauer eine der Cola-Dosen, für die Darsteller reserviert, andere rauchen E-Zigarette. Imitiert hier die Performance den Alltag, oder imitieren Zuschauer schon Fotos der Performance?