Das Aquarium begann seine Karriere als Werkzeug der Forschung, aus dem Geist seiner Zeit geboren. Die nachgebauten Lebenswelten aus Fischen, Korallen und Pflanzen dienten der Arbeit von Naturkundlern des 19. Jahrhunderts, die den Geheimnissen der Unterwasserwelt näher kommen wollten – und diese Welt in ihre Schauräume und Labore holten. Und heute? Sind die meisten Becken kitschige Relikte der Vergangenheit, die uns gefangene Tiere in künstlicher Umgebung zeigen.

Seit ihrer Entwicklung im England des vorvergangenen Jahrhunderts sind Aquarien zu einem Geschäft geworden. Sie sind technisch raffiniert ausgestattet, mit Lichtern, Pumpen und Filtern. Mit der Kreativität ihrer Besitzer lässt sich gutes Geld verdienen. Kleine Schatztruhen oder Plastikruinen, ja ganze Unterwasserthemenwelten, effektvoll illuminiert, hält der Fachhandel bereit. Die Grenzen zum Kitsch sind fließend. Mit der Natur, so wie sie wirklich ist, hat die Inszenierung im Glaskasten wenig zu tun. Das Ökosystem des Ozeans ist zu vielgestaltig und komplex, um auch nur einen Ausschnitt davon im Wohnzimmer simulieren zu können.

Trotzdem hat sich die Aquarienleidenschaft zu einem weltweiten Wirtschaftszweig entwickelt. Nach einer Schätzung des Worldwatch Institute werden pro Jahr 500 bis 600 Millionen Zierfische gefangen. Allein in deutschen Aquarien sollen 80 Millionen Fische schwimmen. Meerwasseraquarien sind dabei besonders aufwendig, ihr Betrieb ist allerdings so teuer, dass sie nur einen kleineren Teil des Marktes ausmachen. Dafür schaffen sie die größten ökologischen Probleme: Im Gegensatz zu Süßwasserfischen, die oft aus Nachzuchten stammen, kommen die meisten Meerwassertiere aus der Umgebung stark gefährdeter Korallenriffe. Als wichtigste Herkunftsländer gelten die Philippinen, Indonesien, die Solomoninseln, Sri Lanka, Australien, Fidschi, die Malediven und Palau.

Die umfassendste Studie über diesen Wirtschaftszweig trägt den Titel From Ocean to Aquarium. The global trade in marine ornamental species und wurde 2003 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen herausgegeben. Was hat sich seither getan? Colette Wabnitz, Co-Autorin der Studie, schildert den Trend: "Die Haupttierarten sind mehr oder weniger dieselben, insgesamt werden aber mehr Arten exportiert. Das hat zum Teil damit zu tun, dass die Menschen neugieriger und sachkundiger werden, zum Teil damit, dass die Aquarientechniken besser werden."

Doch die Fische müssen erst mal bis in die hochgerüsteten Aquarien kommen. Viele Tiere verenden, bevor sie überhaupt im Handel landen, unter anderem, weil in einigen Ländern Giftfischen noch immer die Regel ist. Auch die Transportbedingungen sind oft völlig unzureichend. Viele Fische sterben an Nahrungsmangel und Stress.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Verbindliche Richtlinien für den Fang und Transport von Meerestieren gibt es bis heute nicht, die Sustainable Aquarium Industry Association (Saia) hat nur Empfehlungen für den Handel mit Zierfischen ausgesprochen und eine Liste "ökologisch bedenklicher" sowie "ungeeigneter Arten" erstellt. Während der Deutsche Tierschutzbund den Kauf und Betrieb von Meerwasseraquarien rundheraus ablehnt, raten andere wie Rene Umberger von der hawaiianischen Umweltschutzorganisation "For the Fishes" nur davon ab, bestimmte Arten zu kaufen, etwa den leicht zu fangenden Banggai-Kardinalbarsch, den farbenfrohen Mandarinfisch, die Harlekinsüßlippe, den Feuer-Schwertgrundel und den prächtig azurfarbenen Paletten-Doktorfisch, Vorbild von Dorie (siehe Kasten).

Zuweilen wird zur Verteidigung des Status quo argumentiert, dass der Fang dieser Tiere für die Bewohner der Küstenorte eine dringend benötigte Einkommensquelle darstelle. Doch wie bei jedem Handel in globalen Dimensionen gibt es auch hier viele andere, die von dem Markt profitieren: Großhändler, Mittelsmänner, Exporteure und Importeure. Die Fänger, die in dieser Kette die eigentlich gefährliche Arbeit machen, erhalten nur einen Bruchteil des Umsatzes. Dabei sind sie es, die mit giftigen Chemikalien hantieren und denen beim Tauchen das Risiko der Dekompressionskrankheit droht. Produktkettenzertifikate für den Handel sind nicht in Sicht. Das vom Marine Aquarium Council, dem Vorläufer von Saia, vorgeschlagene Gütesiegel für ökologisch unbedenkliche Fangmethoden konnte sich bisher nicht durchsetzen.