Mitten in der wunderschönen Bautzener Innenstadt können Restaurantbesucher einer Kopftuchfrau bei der Arbeit zuschauen: Mit langem Schleier und in weitem Gewand nimmt sie Bestellungen entgegen. Allerdings bedient hier, im Restaurant Wjelbik, keine Muslimin, sondern eine Sorbin – womit die erste Absurdität dieser vertrackten Bautzener Lage benannt wäre: Wie kann es sein, dass die Stadt, die doch die Hauptstadt der Sorben ist, in der jedes Verkehrsschild zweisprachig ist und jedes Tellergericht von osteuropäischen Einflüssen zeugt – wie kann es sein, dass diese Stadt überhaupt zur Fremdenfeindlichkeit neigt?

Ganz Deutschland hat eine bitterböse Woche lang über Bautzen gesprochen. Über die Fremdenfeindlichkeit in einer Stadt, in der sich die Gewalt so heftig, so plötzlich Bahn brach.

Vor einer Woche, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, wurde der Kornmarkt zum einstweilen bekanntesten Platz der Republik. "Rechter Mob jagt Flüchtlinge", so gingen die ersten Schlagzeilen. Bautzen schien für die nächste Eskalation der altbekannten Sorte zu stehen – sächsische Kleinstadt, tobende Rechtsradikale, eine überforderte Polizei. Jetzt, Tage später, ist sichtbar, dass die Gemengelage komplizierter ist. Dass sich in Bautzen gezeigt hat, welche Probleme es geben kann, wenn schwer integrierbare Flüchtlinge auf eine reservierte, überforderte Stadtgesellschaft mit einer starken rechten Szene treffen. Die Gewalt, versichert die Polizei, sei erst von Flüchtlingen ausgegangen. Jedenfalls seien diese nicht unbeteiligt gewesen an der Eskalation.

Gesichert ist bislang nur dies: In der Nacht zum Donnerstag der vorigen Woche wurde in Bautzen zunächst gepöbelt, wurden Parolen gebrüllt. Dann flogen Flaschen und Steine. Auf einer Seite standen etwa 20 minderjährige Flüchtlinge, auf der anderen 80 Einheimische aus Bautzen und Umgebung, darunter ebenfalls etliche Teenager und nicht wenige Rechtsextremisten. Am Ende jagten Rechtsextreme die Flüchtlinge bis zu deren Unterkunft, hinderten sogar einen Krankenwagen daran, Hilfe zu leisten. Es waren schreckliche Szenen. Ganz offensichtlich hat Bautzen ein handfestes Rechtsaußen-Problem.

Aber Bautzen kann man auch nicht ohne die Vorgeschichte erzählen, nicht ohne zu schildern, wie die Lage hier, am Kornmarkt, schon länger sich entwickelte: Wochenlang haben sich Flüchtlinge, darunter mehrere sogenannte unbegleitete minderjährige Asylbewerber (Umas), und deutsche Problemklientel gegenübergesessen, gegenübergestanden. Alle wollten sie diesen Platz nutzen: Die Umas unter anderem, weil es kostenloses WLAN gibt. Die Trinker, weil man hier an Bier kommt. Viele Jugendliche, weil sie keinen besseren Treffpunkt wissen. Es war schönes Wetter in den vergangenen Wochen. Alle waren viel und oft auf dem Kornmarkt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 40 vom 22.9.2016.

Es habe immer mal wieder Einsätze im Zusammenhang mit minderjährigen Flüchtlingen gegeben, sagt ein Polizist und meint die ganze ostsächsische Region, "das passiert, wenn das örtliche Trinkermilieu, die jungen Flüchtlinge und einige Nazis zusammenkommen. Alkohol, verbale Scharmützel, ein Wort ergibt das nächste. Irgendjemand verliert die Nerven. Der kleinste Funke reicht, die Lunte zu entzünden." In Görlitz meldete sich vor einigen Wochen Siegfried Deinege, der dortige Oberbürgermeister, mit einem Hilferuf: Junge Deutsche, Polen und Syrer lieferten sich rund um den Görlitzer Marienplatz heftige Auseinandersetzungen, einmal gingen die Männer mit Holzstöcken, Messern und Eisenstangen aufeinander los. Die Parallelen zu Bautzen sind offensichtlich. Der Unterschied: Die starke rechtsextreme Szene, die es in Bautzen gibt, gibt es in Görlitz offenbar nicht.

Man kann die Situation in Bautzen auch jetzt, Tage nach der Eskalation, noch nachvollziehen. Ein Streifzug durch die Stadt: Da lungern sie wieder, die Teenager auf dem Kornmarkt, geteilt in zwei Lager. An der "Platte" – so heißt der Platz im Volksmund – stehen die Flüchtlinge. An der "Halbkugel" – einer Skulptur nur ein paar Meter entfernt – treffen sich Jugendliche aus Bautzen. "Scheiß-Ausländer" schimpfen die an der Halbkugel, "Scheiß-Nazis" antworten die an der Platte. Viele, die sich hier versammeln, wirken verloren in der Gesellschaft. Da haben die beiden Seiten sogar etwas gemeinsam.

An der Halbkugel ist man "rechts". Daraus machen die Jugendlichen, die man fragt, keinen Hehl. Einige sind arbeitslos, haben Ausbildungen abgebrochen, suchen nach einem Weg ins Erwachsensein. Sie schlagen ihre Zeit tot, schon nachmittags kreisen Bierflaschen. Melanie, 18, ein blasses Mädchen mit knallrot gefärbten Haaren, war in jener Nacht zum Donnerstag bei der Jagd auf die Flüchtlinge dabei. Jetzt steht sie wieder hier. "Die Asylanten haben angefangen zu provozieren", sagt sie. Den Kornmarkt hatten sie und ihre Clique lange für sich allein – bis die Ausländer kamen. "Wir haben ihnen gezeigt, dass es unsere Stadt ist", sagt Melanie.