Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Letzten Sonntag bekam ich kurz nach dem Tatort plötzlich einen Riesenhunger auf Pizza. Zuletzt hatte ich einen solchen Anfall während meiner Schwangerschaft, und das ist lange her. Ich bin eine bis in die Wolle gefärbte Protestantin und daher diszipliniert bis auf die Knochen, aber an diesem Sonntagabend entschied ich mich, mich meiner Lust einfach hinzugeben und den Pizzadienst anzurufen.

Der Mann am anderen Ende der Leitung erklärte mir, dass er eigentlich schon Feierabend habe, worauf ich ihn bat, für mich doch mal ein Auge zuzudrücken, ich hätte einen Riesenappetit auf Pizza. "Sie haben zuletzt vor einem Jahr angerufen, warum glauben Sie, dass ich da heute eine Ausnahme für Sie mache?" fragte er prompt und strafend. Ich rechnete schnell nach und stellte fest, dass seine Angaben wahrscheinlich stimmten – vor einem Jahr war mein Sohn zum Studium in die weite Welt gezogen und hatte sich vor dem Weggang vermutlich mit einer Pizza gestärkt. Zum Bestellen hatte er unser Telefon benutzt, um seine Handygebühren zu schonen, und unsere Nummer ist nicht unterdrückt.

Der Mann blieb hart und ich ohne Pizza. Im Anschluss war ich hungrig und einigermaßen entsetzt, dass ein Pizzadienst Buch darüber führt, wann die Kunden ihre Pizzen bestellen – das grenzt ja beinahe an NSA-Methoden. Der Mann hatte auch nicht lange gefackelt mit seiner Antwort und mich sofort mit meiner lässigen Bestellmoral konfrontiert, wahrscheinlich zeigt denen schon der Laptop-Bildschirm an, dass hier kein Stammkunde anruft, oder besser ein ehemaliger Stammkunde, denn der Verursacher meines Pizzahungers während der Schwangerschaft hatte in den Jahren, nachdem er der Muttermilch entwachsen war, eifrig den Service des Unternehmens in Anspruch genommen.

Ich stelle mir vor, ich würde als Pfarrerin so arbeiten. "Wie kommen Sie darauf, dass ich Ihr Kind taufe? Das letzte Mal waren Sie bei Ihrer kirchlichen Trauung in der Kirche, und das ist fünf Jahre her." Oder: "Wieso sollte ich Ihrer Meinung nach heute Ihren Mann beerdigen? Er ist bei uns schon seit Jahrzehnten eine Karteileiche!" Ich glaube, das käme bei meiner Gemeinde und auch beim Kirchenpräsidenten nicht gut an. Möglicherweise würde es umgekehrt funktionieren, als Bonussystem. Wir installieren EKD-weit Stechkarten in den Kirchen, wer im Jahr zehnmal kommt, darf sich über eine besonders schön ausgestaltete Taufe, Trauung oder Beerdigung freuen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Bei dem Pizzadienst gibt es eine Stempelkarte, sie hing noch an unserem Kühlschrank. Zur zehnten Pizza bekommt man eine Cola gratis. Ich habe die Karte allerdings nach dem Gespräch mit dem Pizza-Mann umgehend in die Papiertonne entsorgt. Bei dem Laden rufe ich nicht mehr an. Ein bisschen neidisch bin ich aber schon, dass sich die Pizzabude diese konsequente Haltung erlauben kann und ich nicht. Vielleicht klappt das irgendwann auch bei uns, wenn die Leute genauso hungrig auf das Evangelium sind wie auf eine Pizza Quattro Formaggi mit Pilzen und Oliven extra.